Orchester auf Landpartie

Sommernachtsgala in Grafenegg Foto: Festival

Grafenegg, das sind ein Schloss, ein Park und ein paar Weiler außen herum. Seit drei Jahren kommen alljährlich im August und September die weltbesten Orchester in die niederösterreichische Provinz. KlassikInfo.de hat sich auf die Suche begeben nach dem "Geheimnis von Grafenegg".

(Grafenegg, im August 2010) Einer, ohne den der Erfolg von Grafenegg nicht denkbar wäre, ist der Pianist Rudolf Buchbinder. Ihm hat man beim Start des Festivals im Jahr 2007 die künstlerische Leitung übertragen, unlängst wurde der Vertrag bis 2015 verlängert. Buchbinder, der weltweit mit allen bedeutenden Orchestern und Dirigenten zusammengearbeitet hat, ist bestens vernetzt in der Klassikszene, er weiß, wie er die großen Namen bekommt. Zum Start im Jahr 2007 kam das London Symphony Orchestra mit Valery Gergiev, in diesem Jahr sind unter anderem die Wiener Philharmoniker mit Nikolaus Harnoncourt, das Orchestre National de France mit Daniele Gatti und das Bayerische Staatsorchester mit Kent Nagano da.

Die Großen kommen freilich nicht nur, weil Buchbinder ruft. Sie finden in Grafenegg eine hervorragende Konzertinfrastruktur vor. Das Festivalgelände ist der 32 Hektar große Schlosspark, dessen markante Mitte das stolze Schloss der Familie Metternich-Sándor ausmacht, ein Renaissance-Bau, der Mitte des 19. Jahrhunderts im Tudor-Stil so sehr herausgeputzt wurde, dass er aussieht, als hätte sich ein Filmregisseur die perfekte Mantel- und Degenfilm-Kulisse erschaffen wollen. Das Schloss ist nach wie vor in Familienbesitz, den Rest des Parks hat die Familie auf zunächst 40 Jahre an die Grafenegg Kulturbetriebsgesellschaft verpachtet. Hauptgeldgeber dieser GmbH ist das Land Niederösterreich, das 25 Millionen Euro auf dem Gelände investiert hat. Errichtet wurden eine "Wolkenturm" genannte Freilichtbühne mit gut 2000 Plätzen sowie der Konzertsaal "Auditorium" mit rund 1300 Plätzen. Für die Akustik beider Veranstaltungsorte zeichnet das Münchner Büro Müller-BBM verantwortlich. Clou des "Wolkenturms" ist, dass er fast gänzlich ohne künstliche Verstärkung auskommt, nur für das im Freien auf natürlichem Weg nicht zu erreichende Raumgefühl wird Tontechnik dezent eingesetzt - selten hat man beim Open Air ein so natürliches Klangerlebnis.

Ganz ohne Tücken ist die Akustik freilich nicht. Das Cleveland Orchestra, das unter Leitung seines Chefdirigenten und baldigen Wiener Generalmusikdirektors Franz Welser-Möst in Grafenegg gastierte, hat das - ungewollt - hörbar gemacht. Die amerikanischen Musiker, die sich eine Anspielprobe gespart hatten, mussten sich im Kopfsatz von Schuberts Tragischer Sinfonie erst zusammenraufen: Das Holz viel zu direkt, die Streicher nicht beisammen. Bereits im langsamen zweiten Satz gelangen aber große Momente von unsentimentaler Schönheit. In Sachen unangestrengter Eleganz der Orchesterleitung macht Welser-Möst derzeit wohl kaum jemand etwas vor: Seine Zeichengebung ist aufs Notwendigste reduziert, die Rechte mit dem Taktstock lässt er manchmal über mehrere Partiturseiten hinweg unbewegt, formt nur mit der Linken sanft den Klang. Nie überzeichnet er, alles Grelle ist ihm sichtlich zuwider. In Richard Strauss' Heldenleben profitierten davon vor allem die entrückten Passagen mit einem schönen Violinsolo von Konzertmeister William Preucil, während manches Kecke, wie das bissige Porträt von "Des Helden Widersacher", etwas zu blass blieb.

Tags zuvor hatte das Tonkünstlerorchester Niederösterreich - Orchestra in Residence in Grafenegg - mit einem konzertanten "Fidelio" das Musikfestival eröffnet und dabei zugleich die Grenzen der Akustik im Auditorium ausgelotet: Den Jubel über die Gattenliebe im Finale des 2. Aktes von Beethovens einziger Oper ließ der von Erwin Ortner einstudierte Arnold Schönberg Chor derart explodieren, dass der im üblichen Schuhschachtelformat gestaltete Konzertsaal den Schall kaum noch fassen konnte. Es war das erste Mal, dass in Grafenegg Oper erklang, und man hatte sich bei der Sängerbesetzung nicht lumpen lassen: Anja Kampe sang eine grandios intensive und über alle Lagen hinweg sicher geführte Leonore, Falk Struckmann einen rabenschwarz bösen Pizarro, der für Kurt Rydl eingesprungene Christof Fischesser einen sehr kultivierten Rocco, der ganz ohne das in dieser Partie üblich gewordene Gerumpel auskam. Wenn auch der junge Tonkünstler-Chefdirigent Andrés Orozco-Estrada recht konventionelle Tempi wählte, der kurzfristig für Johan Botha eingesprungene Simon O'Neill für den Florestan etwas zu metallisch-grell klang und die Nebenrollen eher solide besetzt waren: Dieser "Fidelio" hatte Format.

Dass er - wie viele Veranstaltungen des Festivals - ausverkauft war, hat nicht zuletzt mit der moderaten Preispolitik zu tun. "Wir wollen kein elitäres Festival sein", sagt Buchbinder und sucht damit die klare Abgrenzung zu Salzburg, Luzern und Co. Wer sich vor der Freilichtbühne mit einem Rasenplatz begnügt, kann in Grafenegg die großen Orchester schon für weniger als 10 Euro hören. In der Sprache des Musikmanagements heißt das: Die Eigendeckungsquote ist relativ niedrig. 2,8 Millionen Euro schießt das Land Niederösterreich alljährlich zum insgesamt 5,2 Millionen Euro schweren Etat aller Grafenegg-Veranstaltungen zu, 800.000 Euro kommen von Sponsoren und einem Förderverein, 400.000 Euro aus Mieteinnahmen und Sonstigem, nur 1,2 Millionen Euro aus dem Kartenverkauf. Gerade das aber hat zur Akzeptanz des Festivals in der Weinbaugegend beigetragen: Über 80 Prozent aller Besucher kommen aus Wien und Niederösterreich, darunter einige, die früher mit Klassik nichts am Hut hatten. Auch ein Jugendprogramm hat man aufgelegt. Für die Zukunftsfähigkeit der klassischen Musik wird in Grafenegg viel geleistet. Dazu gehört auch die Förderung der zeitgenössischen Musik, die alljährlich von einem dirigierenden Composer in Residence vertreten wird. In diesem Jahr ist das Christóbal Halffter, in den Vorjahren waren es Krzysztof Penderecki, Heinz Holliger und Tan Dun. Auch Friedrich Cerha und HK Gruber stehen Grafenegg nahe, sie waren Ehrengäste des Eröffnungskonzerts.

Wer von weiter her anreist, sollte den Besuch in Grafenegg verbinden mit einem Streifzug durch die malerische Region rund um Krems und St. Pölten: Das sanft gewellte Hügelland mit seinen Weinbergen, Dörfern und Klöstern lädt ein zum Seele-Baumeln-Lassen und lockt mit hervorragenden Weinen (auf dem Festivalgelände in der "Vinotegg" zu verkosten) und gehobener österreichische Küche (den Gasthof Jell in Krems nicht auslassen!). Neben dem Festival gibt es seit 2008 in Grafenegg auch einen Musiksommer, der neben den Tonkünstlern von Nachwuchsorchestern wie dem European Youth Orchestra bestritten wird. Von Mitte Juni bis Mitte September bieten sich so alljährlich viele Gelegenheiten zum Eintauchen in das "Geheimnis Grafenegg".   

Markus Schäfert

Highlights des diesjährigen Festivals:

26. August: Mariinsky-Orchester, Valery Gergiev
27. August: Rudolf Buchbinder, Staatskapelle Dresden, Paavo Järvi
29. August: Christian Gerhaher, Gustav Mahler Jugendorchester, Herbert Blomstedt
3. September: Orchestre National de France, Daniele Gatti
10. September: Nikolai Lugansky, Bayerisches Staatsorchester, Kent Nagano
12. September: Lang Lang, Wiener Philharmoniker, Nikolaus Harnoncourt

Mehr Informationen auf www.grafenegg.at

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