Musikstürme unterm Wolkenturm

Grafenegg - Wolkenturm Foto: musikfestival/alexander koller

Der Auftakt des Musik - Festivals Grafenegg wird gekrönt von Leonidas Kavakos und dem Budapest Festival Orchester unter Iván Fischer

(Grafenegg, 20. - 22. August 2009) Zum dritten Mal gibt es nun das Musik-Festival im niederösterreichischen Grafenegg in der Nähe von Krems, 50 Kilometer westlich von Wien. Und wer zum ersten Mal bei mild glühendem Nachmittagssonnenschein das 32 Hektar große Areal des Jahrhunderte alten und in den letzten Jahren restaurierten Schlossparks betritt, der ist auf Anhieb bezaubert von der Aura und Atmosphäre dieses Orts: Links der kühn aufgeschichtete "Wolkenturm", vor dem bis zu 1700 Menschen wie im antiken Amphitheater Open-Air-Musik genießen können, im Hintergrund das historistische Schloss der Fürsten Metternich-Sándor, rechts Schloßschänke und Reitschule (heute als exzellenter Kammermusiksaal genutzt) und dazwischen genial eingepasst das moderne, erst im Mai 2008 eingeweihte, in der Nacht als leuchtender Traum aus Glas schimmernde "Auditorium", ein architektonisch und akustisch hervorragender Konzertsaal für 1370 Zuhörer. 

Rudolf Buchbinder ist künstlerischer Leiter dieses Festivals, das heuer (nach Wochenendkonzerten beim Musik-Sommer zwischen Mitte Juni und Mitte August) an zwölf aufeinander folgenden Abenden Konzerte im "Wolkenturm" und im Auditorium bietet, dazu sechs spannende Préludes und eine Soirée in der Reitschule mit Kammermusik, abgestimmt auf die "großen" Konzerte. Das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich fungiert als Festivalorchester, das jeweils Eröffnungs - und Schlusskonzert mit dem dirigierenden "composer in residence" bestreitet - dieses Jahr Tan Dun - sowie ein Konzert in der Mitte des Festivals. Heuer sind die Wiener Philharmoniker zu Gast und spielen Webern und Brahms unter Zubin Mehta, Jonathan Nott dirigiert das Gustav Mahler Jugendorchester bei Ligeti, Mahler und Strauss, Colin Davis kommt mit London Symphony, Norrington mit dem Orchestra of the Age of Enligtenment. Andreas Scholl, Annette Dasch und Matthias Goerne sind unter den Gesangssolisten. Und das alles zu Preisen von 5 Euro (Rasenplätze) bis 99 Euro (teuerste Kategorie bei den Wiener Philharmonikern). Nicht zu vergessen das kulinarische Angebot der VinotheGG unter dem Motto "33 Winzer schenken ein" und die exzellente Gourmet-Küche von Toni Mörwald. Natur, Kultur und leibliche Genüsse: in Grafenegg und der nicht weit entfernten Wachau ist dieser Dreiklang tatsächlich ein Fest für alle Sinne. 

Das Eröffnungskonzert war diesmal eine Operngala mit dem maltesischen Tenor Joseph Calleja und dem georgischen Bassisten Paata Burchuladze. Andrés Orozco-Estrada, der designierte Chefdirigent des Tonkünstler - Orchesters Niederösterreich, stand am Pult "seines" Orchesters, das er offiziell im Oktober bei einem Konzert im Wiener Musikverein übernimmt. Und schon die Ouvertüre zu Verdis "La forza del destino" zeugte von den Qualitäten des Ensembles wie seines zukünftigen Chefs. Obwohl sonst beliebt als effektvoller Knaller, war diesmal in Verdis Ouvertüre eine subtile musikalische Entwicklung zu hören. Nichts dröhnte, klang schrill oder nur effektvoll. Das sollte sich plastisch bei den umfangreichen reinen Instrumentalstücken wiederholen: dem in die Ekstase getriebenen Mephisto - Walzer Nr. 1 ("Der Tanz in der Dorfschänke") von Franz Liszt und dem "Danse macabre" g-moll von Camille Saint - Saëns. 

Grafenegg - Innenansicht des Auditorium Foto: musikfestival/alexander koller

Aber natürlich lechzte das Publikum im ausverkauften "Wolkenturm" nach den Arien und dem grandiose abschließende Duett zwischen Calleja und Burchuladze. Schon in Cavaradossis "Recondita armonia" aus dem ersten Akt von Puccinis "Tosca" setzte Joseph Calleja sein wunderbares Timbre und eine in allen Lagen weich und warm ausgebildete Stimme geschmeidig und expressiv ein, legte aber auch bei Macduffs Arie aus dem vierten Akt von Verdis "Macbeth", alles Leid in die Stimme, um der Trauer eines Mannes um seine ermordeten Kinder und seine ebenfalls gemeuchelte Frau zu legen. 

Im zweiten Teil, der ganz dem Faust-Thema gewidmet war, brillierte Calleja in der schwärmerischen Arie "Salut! Demeure chaste et pure" aus Gounods "Faust" mit stilistisch perfekter französischer Diktion und einem strahlenden, durch feinen Silberschimmer veredelten hohen C, das er berückend ins Piano zurücknehmen konnte, und schließlich in "O Souverain" aus Jules Massenets "Le Cid". Ein Schmachtfetzen wie das unverwüstliche "Non ti scordar di me" durfte als Zugabe natürlich nicht fehlen.

Für den erkrankten Ferruccio Furlanetto war Paata Burchuladze eingesprungen und verlieh den Arien von Fürst Gremin ("Eugen Onegin") und  Philipp II. ("Don Carlo") großen emotionalen Nachdruck, konnte aber am meisten in Abschied und Tod des Boris aus Modest Mussorgskys "Boris Godunow" überzeugen. Alles Wunschkonzert - Flair war mit einem Schlag verschwunden und eine ergreifende, differenziert gesungene Menschendarstellung brach sich Bahn. Auch in Szene und Duett zwischen Faust und Méphistophélès aus Gounods Oper dominierte die Verführung zum Teufelspakt und nicht vokale Selbstentäußerung. Da Singstimmen offensichtlich keine Schwierigkeiten haben, sich hier open air akustisch durchzusetzen, darf man sich auf die konzertante Aufführung einer ganzen Oper im nächsten Jahr freuen.

Am zweiten, wieder herrlich warmen Abend erwies sich die Akustik des "Wolkenturms" erneut als eminent klar und tragfähig. Denn zwei Drittel der Plätze erreicht die Musik ganz ohne akustische Verstärkung, lediglich für die oberen und die Plätze am Rand ist sie geringfügig nötig, sowie um dem sonst sehr trockenen, direkten Klang etwas "Raum" hinzuzufügen. Diese Lakonie war für Ludwig van Beethovens drittes Klavierkonzert mit dem Königlichen Philharmonischen Orchester Stockholm reizvoll und passend. Dank Rudolf Buchbinder konnte sich der Flügel gut in der Open-Air-Akustik behaupten, auch wenn das Instrument immer eine Spur leiser klang als man das aus (guten) Konzertsälen kennt. Der Intimität des Largo und seinen feinen Abstufungen kam das freilich entgegen und auch die Dramatik der Ecksätze war plastisch und gut durchhörbar. 

Grafenegg - Frontansicht des Auditorium Foto: musikfestival/alexander koller

Zuvor geschah das, was Freiluft-Aufführungen so spannend macht. Denn gegen Ende von Wilhelm Stenhammars "Excelsior!" - Konzertouvertüre, die eine Faust-Sentenz schillernd aufgreift, wurde ein rasant durchs Orchester wanderndes und schließlich in den Kontrabässen wild tremolierendes Motiv im Getöse einer Propellermaschine perfekt fortgesetzt und schließlich durch die Lüfte davongetragen. Aus einem heiklen Störfaktor war flugs ein musikdramaturgischer Effekt geworden! Schumanns "Rheinischer" hätte ein solcher sicher auch gut getan, denn da erwies sich die trockene, trennscharfe Akustik für die wohl bewußt sehr unterkühlte, ja preußisch straffe Lesart durch den 44-jährigen Finnen Sakari Oramo, der seit September letzten Jahres Chefdirigent der Stockholmer ist, als wenig hilfreich, ja kontraproduktiv. Allerdings dürfte es in jeder Akustik heikel sein, derart geheimnislos und zügig den "feierlich" überschriebenen vorletzten Satz abzuspulen.

Am dritten Tag begann sich der Himmel immer mehr zu verdüstern und am frühen Nachmittag war klar, dass das Budapest Festival Orchestra im "Auditorium" würde spielen müssen oder - besser gesagt - "dürfen". Denn dieser klassische Saal im Schuhkartonformat hat nicht nur fast das Volumen des Wiener Musikvereins, sondern klingt auch ähnlich gut. Seine Nachhallzeit lässt sich je nach Repertoire und Besetzung sogar dank raffinierter Lamellen an den Wänden leicht verändern. In der Mitte des Balkons verblüfften Leuchtkraft und intensiver, farbig schillernder Klang in Sergej Prokofjews "Ouvertüre über hebräische Themen" op. 34b sowie die Präsenz der wunderbar jiddisch phrasierenden Soloklarinette. Das wäre wohl auch geschehen, wenn man beim "Prélude" am Nachmittag in der Reitschule nicht die kargere Originalfassung für Klarinette, Streichquartett und Klavier gehört hätte. 

Die Qualitäten des Budapest Festival Orchestra, seines Gründers und Chefdirigenten Iván Fischer und des traumwandlerisch sicher und erfüllt spielenden Leonidas Kavakos kamen vollends beim zweiten Violinkonzert von Béla Bartók zur Geltung. Nichts von der glühenden Intensität der Partitur und ihrer Variationskunst, ihrer rhythmischen Prägnanz, harmonischen Vielfalt und ihrem melodischen Impetus ging in diesem großartig klingenden Saal verloren. Das lag nicht zuletzt an der nie nachlassenden sensiblen Kraft und Souveränität Kavakos?. Ob Volksmelodik oder rasantes Passagenwerk, ganz Leises oder laut Auftrumpfendes, der 41 - jährige Geiger kennt keine technische Grenzen und kann sich frei von irgendwelcher spieltechnischen Rücksichtnahme auf die musikalische Gestaltung konzentrieren. Das verhalf dem Andante tranquillo anfangs zu berückender Wärme und subtilen Leuchtkraft, dann in den Variationen zu scharf geschnittenen Doppelgriffen oder kraftstrotzenden Ausbrüchen und mündete schließlich in einem hochvirtuos gemeisterten Finale.

Mit Antonín Dvoráks Siebter erfuhr der Abend noch einmal eine kaum mehr für möglich gehaltene Steigerung. Denn der stets durchdringende düstere Ton dieser d-moll Symphonie kam in der gleichermaßen bronzefarben grundierten wie eminent körperhaften Akustik des Saals wunderbar zur Geltung. Fischer vermochte mit seinem blendend disponierten Orchester eine in jedem Moment brennende Ausdrucksvielfalt zu erzielen, nie geriet irgendeine Phrase beliebig oder ausdrucksarm, vielmehr achtete der Dirigent stets auf perfekte Klangbalance, strukturelle Klarheit und minutiös ausgearbeitete Spannungsbögen. Danach war die mit Verve gespielte - und vokal geschmetterte - Bauernpolka von Johann Strauss das rechte Encore, um wieder Bodenhaftung aufzunehmen.

Bis 6. September. www.grafenegg.at Tel. 0043/2735/5500
Shuttle-Service zu den Konzerten von Wien; großer Parkplatz vor dem Areal 

Klaus Kalchschmid