Münchens neuer Statisten-"Ring" von Nagano/Kriegenburg rundet sich in der "Götterdämmerung" doch noch einigermaßen erfolgreich, trotz ständiger Neu- und Umbesetzungen
(München, 30. Juni 2012) Am Ende schließt sich der Kreis - im Wortsinn: junge Menschen, barfuß in weißen Hosen und Hemden strömen zum Erlösungsmotiv auf die Bühne und umfassen Gutrune, die im Schmerz über den Tod des Bruders und Siegfrieds fast den Verstand verloren hätte. Eine enorm berührende, paradiesische Szene, die auch ein Nahtoderlebnis sein könnte. Mit ihr ging eine Premiere zu Ende, die im zweiten Aufzug ihre Höhepunkte hatte, deren erster aber, dank Kent Nagano weit über zwei Stunden dauernd, Schlimmes befürchten ließ - vor allem was Andreas Kriegenburgs Inszenierung anging, die zunächst weit hinter den stärksten Szenen der vorangegangenen Teile zurückblieb.
Schon die Nornenszene war verschenkt, weil Jill Grove, Jamie Barton und Irmgard Vilsmaier Obdachlose aus Fukushima trösten mussten, denen Männer in Schutzanzügen die verstrahlten Erinnerungsfotos abnahmen. Anders als in "Rheingold", "Walküre" und "Siegfried" ist die Menschheit - von zahlreichen Statisten dargestellt - jetzt gealtert und zahlenmäßig dezimiert. Später stellen diese Überlebenden (wieder) den Rhein dar, doch jetzt fließt er nicht mehr wie noch zu Beginn gleichsam unschuldig als ein wogendes Meer von Twens. In Anzügen gefangen kehren sie, älter geworden, nun vorn übergebeugt das blauschwarze Futter heraus und lassen Siegfrieds Kahn bei der Rheinfahrt "schwimmen". Szenisch verschenkt leider auch der Abschied von Brünnhilde in einem Sauna-Bretter-Verschlag und die Waltrauten-Szene, von Michaela Schuster zur irren Nummer einer hysterisch angstbesetzten Frau mit Sauberkeitstick verflacht.
Anfangs war der verglaste, mehrstöckige Innenhof einer Bank als Gibichungenhalle - mit Möbeln, die ein goldenes Euro-Zeichen ergeben samt Schaukelpferd für Gutrune in Euro-Form - noch gewöhnungsbedürftig. Aber als dieser riesige, einschüchterne Glasbau dann den zweiten und dritten Akt dominiert, immer unterschiedlich und magisch beleuchtet (Licht: Stefan Bolliger) und von einem Heer von Angestellten bevölkert wird, die an Schreibtischen Arbeiten wie bei Kafka verrichten, dann verfehlte das seine Wirkung nicht. Wie Kriegenburg hier die Figuren führt, allen voran das inzestuös verbundene Geschwisterpaar Gutrune (Anna Gabler) und Gunther (Iain Paterson), aber auch Brünnhilde (Nina Stemme), das war psychologischer Realismus vom Feinsten.
Gutrune wird hier Katalysator des Geschehens: Anfangs lasziv Erdbeeren essendes Girlie, das im zentnerschweren Prackl Siegfried (Stephen Gould) einen geilen Naturburschen wittert, ihm aber gleichzeitig signalisiert, dass er in der hippen, modernen Finanz-Welt eigentlich ein unerwünschter Fremdkörper ist. Spannend zu sehen, wie Gutrune die Offenbarung des Verrats an Brünnhilde stumm kommentiert, wie sie hinter Siegfrieds doppeltem Spiel, der in der Gestalt Gunthers Brünnhilde vom Walkürenfelsen raubt, hellsichtig Abgründe wittert. Anfangs ein sexy Biest, wird am Ende aus ihr eine tragisch Verzweifelte, die den toten Bruder inbrünstig beweint, den einzigen Mann, den sie in ihrem jungen Leben geliebt hat, mit all seinen Schattenseiten. Denn der vergreift sich schon mal rüde am Personal und die Schwester schaut unbeteiligt zu. Wie Paterson einen von Machtgier und Notgeilheit Getriebenen verkörpert und mit einer masochistischen Intensität spielt und singt, zeigt ihn ebenfalls als Sängerdarsteller ersten Ranges.
Eric Halfvarson erfuhr erst am Morgen der Premiere in Wien, dass er nachmittags um 16 Uhr in München als Hagen die Auführung retten muss, fügte sich aber in die Produktion, als hätte er zumindest tagelang mitgeprobt und verkörperte einen intriganten fiesen Konzernchef hinter bieder-bürgerlicher Fassade, der seine Bürohengste so heiß zu machen versteht, dass sie ihre Handys zu Waffen machen, mit deren Kamerafunktion sie die ganze wüste Auseinandersetzung in jeder Sekunde festhalten.
Wenn Brünnhilde am Ende des zweiten Akts Hagen offenbart, wo Siegfried verwundbar ist, dann schlägt sie sich ob dieses Verrats auf den Mund und rennt paralysiert auf und ab. Es ist dies die einzige glaubwürdige Reaktion, aber warum hat das bisher noch niemand so inszeniert? Nina Stemme macht das großartig und singt auch eine wunderbare Brünnhilde – mit großem, gehaltvollem Sopran, der sogar für den Schlussgesang noch Reserven hat und zum stimmgewaltigen Heldentenor von Stephen Gould bestens passt. Sogar für das "Brünnhild', heilige Braut!" kurz vor seinem Tod bringt er noch eine verhalten leuchtende Intensität auf.
Beim folgenden Trauermarsch wächst dank Kent Nagano auch das herrlich musizierende Staatsorchester noch einmal über sich hinaus. Nur schade, dass da das Bankensystem auf der Bühne kollabiert und wildes Gerenne auf allen Etagen und eine (Papier-)Flut an Faxen die Konzentration auf die Musik ablenkt. Zuvor war sie grandios mit der Szene verschmolzen, weil Nagano kein Detail vernachlässigte, leitmotivische Strukturen nicht herausmeisselte, sondern in das musikalische Geschehen einwob oder aus ihm heraus entwickelte.
Am Ende zu recht Ovationen - auch für das Regie-Team - nach dem am Ende insgesamt gelungensten Teil dieses ganzen "Ring des Nibelungen".
Klaus Kalchschmid
Liveübertragung der "Götterdämmerung" als "Oper für alle" am 15. Juli (17 Uhr) auf dem Max-Joseph-Platz vor dem Nationaltheater