Schüsse auf Siegfried

Katarina Dalayman und Karen Cargill Fotos: H. Rawstron und A. Landino

Die Berliner Philharmoniker spielen Teile aus Wagners "Götterdämmerung" und eine Uraufführung von Siegfried Matthus

(Berlin, 28. Mai 2009) Wurde Siegfried das Opfer zweier gezielter Schüsse? So trocken knallend, wie die Berliner Philharmoniker die Fortissimodoppel-Schläge im Trauermarsch aus der "Götterdämmerung" spielen, könnte man auf den Gedanken kommen, Hagen habe Siegfried nicht mit der Lanze, sondern mit Pistolenschüssen niedergestreckt. Rattle und seine Musiker treiben die Dramatik und Spannungsgeladenheit von Wagners Musik mit punktgenauen Klang-Explosionen auf die Spitze, ohne dabei jemals so banale Hilfsmittel wie Dampfhammer oder Brechstange hinzu zu ziehen. Enorm klug und überlegt werden Spannungsverläufe und Höhepunkte disponiert, um das Fanal des "hehrsten Helden" umso wirkungsvoller, ja geradezu schockierend musikalisch in Szene zu setzen. Das alles ist erfüllt von einer klanglichen Brillanz und sinnfälligen Artikulation, für die dieses Orchester und Rattle zurecht immer wieder gerühmt werden.

Vor der Premiere der "Götterdämmerung" bei den Festspielen in Aix-en-Provence hatte das Berliner Publikum schon mal Gelegenheit, einen ausschnittsweisen Probelauf mitzuerleben. Neben dem Trauermarsch stand der Beginn der Oper mit Siegfrieds "Rheinfahrt" sowie die lange Szene Brünnhilde, Waltraute aus dem ersten Akt und die Schluss-Szene ("Starke Scheite..") auf dem Programm. Es spricht für die Philharmoniker und Rattle, aber auch für die beiden Solistinnen Katarina Dalayman (Brünnhilde) und Karen Cargill, dass aus diesem Potpourri kein eitles Schaulaufen à la höher, schneller, weiter wurde.

So war die Szene zwischen den beiden Wotan-Töchtern erfüllt von höchster dramatischer Spannung. Waltraute eröffnet Brünnhilde hier die Resignation Wotans und den Fluch des Rings und fordert sie auf, den Ring zur Lösung des Fluchs in den Rhein zu werfen, was diese natürlich brüsk von sich weist - ist es doch der Ring, den Siegfried ihr als Liebesgabe geschenkt hat. Damit ist vor der endgültigen Katastrophe die letzte Chance auf ein glimpfliches Ende der Götter und ihrer Verwandten vertan. Faszinierend die Strahlkraft beider Stimmen, aber auch die intensive Textausdeutung durch beide Sängerinnen. Wenn Karen Cargill mit wahrhaft abgründiger Tiefe von "des tiefen Rheines Töchtern" raunt, vermeint man im Wasser kaum noch Sonnenstrahlen zu sehen. Faszinierend auch die emotionalen Ausbrüche Katarina Dalaymans, die sich mit zunehmendem Wissen Brünnhildes um ihr Schicksal steigern, bis hin zum heldinnenhaft-gruseligen Entschluss, ihrem Göttergatten Siegfried in den Tod nach zu folgen.
Doch die "Welterlöserin" hat bekanntlich nicht das letzte Wort in dieser Oper. Alberichs finales und rätselhaftes "zurück vom Ring!" musste man sich an der entsprechenden Stelle im Orchesterklang selbst dazu singen - die Rolle war (für diesen einen Satz) nicht besetzt worden.
Wunderbar auch der sich geradezu überschlagende Übermut in Siegfrieds "Rheinfahrt", die rauschhafte Freude oder die Sonnenaufgangsszene - einfach grandios gespielt und dirigiert!

Den ersten Teil des Konzerts zierte eine veritable, wenngleich zur "Götterdämmerung" eher weniger passende Uraufführung: Siegfried Matthus' Konzert für fünf - ein Stück, das er für die fünf Bläsersolisten der Berliner Philharmoniker und das Orchester als Auftragswerk geschrieben hat und das ein virtuoses, spielfreudiges Concertino darstellt, in dem es nur so gurgelt und sprudelt, das aber über den äußerlichen Effekt kaum hinaus kommt. Unterhaltungsmusik für gehobene Ansprüche, voller Romantizismen und wohlfeiler, nach Hindemith klingender Handwerklichkeit. Das war selbstredend glänzend gespielt von den fünf Solisten (Andreas Blau, Flöte, Albrecht Meyer, Oboe, Wenzel Fuchs, Klarinette, Stefan Schweigert, Fagott und Radek Baborak, Horn) und dem restlichen Ensemble und erntete demgemäß begeisterten Beifall, zumal Simon Rattle vom Komponisten auch noch die publikumsträchtige Showeinlage eines eröffnenden Paukensolos zugeteilt bekam. Rattle betrat deshalb nicht mit Dirigentenstab, sondern mit zwei Paukenschlägel die Bühne.

Robert Jungwirth

Das Konzert wird am 20. Juni um 20 Uhr vom Kulturradio des RBB gesendet. Zu empfangen auch übers Internet. Außerdem kann man das Konzert in der Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker hören www.berliner-philharmoniker.de