Das Münchner Kammerorchester und der Bariton Matthias Goerne interpretieren Bach und Eisler
(München, 31. Januar 2008) Sie schritten mal wieder fast den ganzen Kreis der (Musik-)Schöpfung aus, die tapferen Musiker des Münchner Kammerorchesters unter ihrem agilen und ambitionierten Leiter Alexander Liebreich bei ihrem jüngsten Konzert im Münchner Prinzregententheater: von Schönberg über Bach zu Eisler und Beethoven. Wer nach unkonventionellen Programmen sucht, der bekommt beim Kammerorchester eine Garantie darauf. Das erfordert wache Ohren beim Publikum und eine schier grenzenlose Flexibilität bei den Musikern. In Schönbergs sehr frühen Fragmenten für kleines Orchester (er komponierte sie mit 22 Jahren) kann man die Fingerübungen einer außergewöhnlichen Begabung erleben, fasziniert nachvollziehen wie Schönberg sich an großen Kollegen wie Strauss, Brahms oder - etwas früher - Mendelssohn orientierte. Erstmals wurden die vier Sätze zusammen öffentlich aufgeführt, das Kammerorchester offerierte also eine veritable Schönberg-Uraufführung und spielte die wunderbar instrumentierten Miniaturen, die wie absichtlich jeweils auf dem Höhepunkt abbrechen, mit fließendem Melos und blühendem Ton. Und blitzschnell schalteten die Musiker von (Spät-)Romantik auf Barock um und boten Bachs Kantate Nr.82 "Ich habe genug" mit trockenem Bogenstrich und klarer Diktion. Bernhard Heinrichs an der Oboe blies wunderbar seelenvoll und der phänomenale Matthias Goerne ließ mit seinem in jeder Stimmregion abgerundet klangschönen Bariton das Werk gewissermaßen auf den Flügeln des Gesangs emporsteigen.
Ohne Pause und mit enormer Kontrastwirkung schlossen sich die späten "Ernsten Gesänge" von Hans Eisler an, entstanden in den Jahren 1961/62. Eigentümliche Abschiedsgesänge sind das, ein Jahr vor Eislers Tod komponiert, die musikalische Rückschau auf ein wahrhaft bewegtes, abenteuerliches Leben. Auch hier agierten alle Beteiligten mit enormer Konzentration und Intensität.
Beethovens Eroica nach der Pause brach dann über das Auditorium herein wie ein Gewitter, wofür nicht nur der hervorragende Pauker, sondern das gesamte, auf starke dynamische Spannung setzende Orchester sorgte. Bei aller Sorgfalt der Akzentsetzung unter Berücksichtigung der Errungenschaften der historischen Aufführungspraxis und unter Verwendung von authentischen Instrumenten, ließ sich Liebreich hier doch etwas zu sehr von der Lust an der Akzentuierung hinreißen. Mit dem Ergebnis, dass vor lauter Akzente manchmal die musikalische Phrase in den Hintergrund geriet. Das war etwas schade, denn etwas weniger Aufgeregtheit im Detail hätte dieser Symphonie mehr Ausdruckskraft im Ganzen verliehen. Dennoch ein großer Abend für Münchens großes kleines Orchester.
Robert Jungwirth