Zum 30. Todestag des genialen Pianisten Glenn Gould überschlägt man sich mit wieder aufgelegten Aufnahmen und ein paar Neuheiten in Bild und Ton
(Oktober, 2012) Seit Glenn Goulds Tod am 4. Oktober 1982, nur wenige Tage nach seinem 50. Geburtstag, sind 30 Jahre sind vergangen. Aber der musikalische Kosmos des ebenso exzentrischen wie empfindsamen, gleichermaßen ex- wie introvertierten kanadischen Pianisten und seine Person sind heute lebendiger denn je - nicht zuletzt dank des audiovisuellen Vermächtnisses, das der Glenn Gould Estate und Goulds lebenslange exklusive Plattenfirma, die heutige Sony, verwalten und nach und nach bis in die entlegensten Winkel der Archive hinein zugänglich machen.
1955 wurde der 23-jährige über Nacht mit seiner ersten Aufnahme der Bachschen Goldberg-Variationen berühmt - so aufregend und eigenwillig hatte das bislang niemand gespielt. Bereits 1964 - im Alter von nur 32 Jahren - drehte Gould dem Konzertbetrieb endgültig den Rücken zu und war von da an ausschließlich im Studio tätig. Ein Jahr nach seinem Tod bezeichnete Thomas Bernhard die von Gould inspirierte Hauptfigur in "Der Untergeher" als "Mörtelmensch im Kerker der Verzweiflungsmaschine seines Studios". Aber vielleicht war Glenn Gould dort einfach nur glücklich, wie er am Ende seines Lebens verriet. Abgeschirmt von allen Unwägbarkeiten des Konzertbetriebs, nicht wie ein Gladiator den hungrigen Löwen im Konzertsaal ausgeliefert, wie er einmal sinngemäß formulierte, sondern ganz seinem "regelrechten Liebesverhältnis mit dem Mikrophon" hingegeben.
Immer noch gibt es in den Archiven Verborgenes zu entdecken, so drei Strauss-Lieder, die Gould 1966 bei den schließlich gescheiterten Aufnahmesitzungen mit Elisabeth Schwarzkopf zusätzlich zu den 1980 endlich veröffentlichten Ophelia-Liedern aufgenommen hatte. Erst jetzt wurden "Wer lieben will, muss leiden, "Morgen" und "Winterweihe" abgemischt und herausgegeben. Auf 10 DVD erschienen zu Beginn des Jahres außerdem alle Fernsehsendungen, die Gould für die CBC zwischen 1954 und 1977 aufnahm. Nun sind in einer separaten Box drei einstündige TV-Sendungen über Bach hinzugekommen, die in den letzten drei Jahren vor seinem Tod mit Bruno Monsaingeon entstanden sind, eine davon mit der kompletten Einspielung der Goldberg-Variationen.
Diese drei Filme sind auch Teil der großen in hellblaues Leinen gefassten (man muss schon sagen Schatz-)Truhe, die neben einem großen Hardcover-Buch mit bislang unveröffentlichten Fotos und einer Einleitung des Gould-Biografen Michael Stegemann den kompletten Bach Goulds auf 38 CDs und 6 DVDs enthält. Darunter sind die 27 CDs der Columbia-Aufnahmen im Look der damaligen LPs sowie hierzulande nie erschienene Spezialveröffentlichungen und CDs mit Rundfunkaufnahmen und Livemitschnitten etwa der Goldberg-Variationen in einer kanadischen Rundfunk-Version von 1954 und von den Salzburger Festspielen 1959. Zusammen mit den Studio-Versionen von 1955 und 1981 ergibt sich schon daraus ein facettenreiches Bild des unermüdlich experimentierenden Pianisten, der auch im Studio kurz hintereinander verschiedenste Varianten eines Takes aufnehmen konnte, um erst bei der Montage zu entscheiden, was am besten zusammenpasst.
Genau das ließ wohl die Aufnahmen der Strauss-Lieder mit Elisabeth Schwarzkopf scheitern: seine Weigerung, gemeinsam mit der Sängerin und ihrem Mann Walter Legge das eben Aufgenommene abzuhören, zu diskutieren und auf dieser Grundlage weiterzuarbeiten. Angeblich blieb Gould einfach sitzen und spielte - oder besser fantasierte - weiter. Auch der freie Umgang mit dem Notentext irritierte Schwarzkopf wohl, was im Hörspiel zumindest erahnbar ist, bei dem Michael Stegemann unter Verwendung des erhaltenen Band-Materials und überlieferter Reflexionen von Gould und Schwarzkopf die beiden Aufnahmetage rekonstruierte bis hin zur unüberhörbaren Erschöpfung der Schwarzkopf, die sich räuspernd, Stimmübungen machend und immer wieder sich entschuldigend mit eiserner Disziplin weitersingt bis Walter Legge abbricht: "Hör auf, du wirst dir noch schaden." Einen weiteren Aufnahmetag hat es nicht mehr gegeben. Die knapp 80 Minuten der "Chronik einer unglücklichen Liebe" sind jedoch ein hoch spannender, auch amüsanter und enorm lehrreicher Einblick hinter die Kulissen eines Aufnahmestudios, der nicht nur viele nicht verwendete Takes, die sonst wohlgehütetes Geheimnis bleiben, hörbar macht, sondern beispielweise auch die Durchspielprobe eines Liedes ("Heimliche Aufforderung"), von dem sonst keinerlei Material überliefert ist.
Ein skurriles Dokument auf der ersten CD dieses höchst empfehlenswerten Doppel-Albums ist ein Privatmitschnitt, in dem Gould 1955 eine Viertelstunde auf einem offensichtlich wüst verstimmten Flügel die Burleske von Richard Strauss probt - singend, spielend, brummend, seinen eigenen Part oder den des Orchesters; nicht ohne zwischendurch im Raum auf- und ab zu schlurfen; dazu gibt es eine offizielle, komplette Aufnahme von 1964 mit dem Toronto Symphony Orchester unter Vladimir Golschmann, die - mit Verlaub - viel weniger aufregend ist.
Für alle Fans des genialen Pianisten ist die Box mit 10 DVDs (20 Stunden) und allen Fernsehsendungen ebenfalls eine Fundgrube, sei es, dass man Gould im Bademantel am Flügel beim Experimentieren erleben kann oder er eloquent mit perfekt ausgewählten Beispielen die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts beleuchtet. Aber auch die Prinzipien von Fuge und Variation erklärt er in einstündigen Sendungen und mit vielen Beispielen am Klavier; Bach, Beethoven, Strauss und Schönberg ins Zentrum rückend. Auch wenn das Schwarzweiß der 50er Jahre manchmal milchig ist und die Tonspur eiert, die explodierenden Farben des Fernsehens in den 70ern gewöhnungsbedürftig sind und man ohne Untertitel sich an Glenn Goulds rasantes, geschliffenes kanadisches Englisch erst gewöhnen muss: man wird belohnt mit einer profunden Kenntnis dessen und einer eloquenten Einführung in das, was Gould danach nicht minder mitreißend spielt.
Wer Glenn Gould erst jetzt kennenlernt oder kennenlernen will, dem sei die Doppel-CD in einem opulent bebilderten 190-Seiten-Buch (GG - Musik & Leben eines Genies) empfohlen. Eine CD enthält Ausschnitte aus den vielfältigen Bach-Einspielungen Goulds, die zweite "GG spielt nicht Bach", also Beethoven, Schönberg, Brahms oder das Meistersinger-Vorspiel Wagners. Für Kenner wie Einsteiger bietet der Spielfilm "Thirty Two Short Films about Glenn Gould - The Sound of Genius" aus dem Jahr 1993 von François Girard, der jetzt erstmals auf DVD erscheint, schillernde Schlaglichter, die Leben und Werk des Pianisten (von Colm Feore gespielt) aus den verschiedensten Blickwinkeln beleuchten und wohl sehr nah an der Wahrheit sind, zumal in den authentischen Äußerungen seiner Cousine, von Kollegen oder Freunden. Allerdings sind auch hier Englisch-Kenntnisse notwendig, da es zum englisch-französischen Original lediglich englische Untertitel gibt.
In fast jeder seiner Aufnahmen summt, singt oder brummt Glenn Gould leise mit. Für den Hörer wirkt das manchmal wie eine zusätzliche Stimme des polyphonen Gewebes, dann wieder ist es ein Störfaktor, den man aber bald sogar lieben lernt, in jedem Fall als das akzeptiert, was er ist - für Gould ein integraler Bestandteil seines Spiels: "Ich wünschte ich könnte es lassen, aber wenn ich es nicht tue, spiele ich schlechter".
Klaus Kalchschmid