Leises Servus

Gidon Kremer Foto: Martina Lex

Gidon Kremer verabschiedet sich nach 30 Jahren als Festspielleiter aus Lockenhaus und bleibt dem Festival dennoch erhalten

(Wien, 6. Mai 2011) So still und unspektakulär, wie es seine Art ist, kündigt der russische Geiger Gidon Kremer - auf den der immer wieder angewandte Ausdruck "Stargeiger" mit Sicherheit nicht zutrifft - gemeinsam mit dem Lockenhausener Pfarrer und Ko-Leiter Josef Herowitsch nach 30 Jahren Indentanz seinen Rückzug als Leiter des Kammermusikfestes Lockenaus an. Die Entscheidung, sagt Kremer, sei ihm nicht leichtgefallen. Aber für einen, der im nächsten Jahr 65 wird, gebe es auch so etwas wie das "Lernen, sich selbst einzuschränken". Sein "Lebensmittel­punkt" sagt er, "ist die Musik. Aber, wo ich wohne, kann ich noch immer nicht sagen, weil ich immer unterwegs bin." Das will er, der Vielbeschäftigte, zu­mindest ein bisschen ändern.

Kremer und Herowitsch, der Ortspfarrer der kleinen burgenländischen Ge­meinde abseits von allen großen Trampelpfaden der Hochkultur, haben das Festival 1981 ins Leben gerufen. Das Ziel war von Anfang an, einen Ort der Begegnung in entspannter Atmosphäre zu schaffen, in der genaues Zu- und Hinhören möglich sein sollte. So entstand eine kleine, fast verschworene Gemeinde von Menschen, die jedes Jahr im Juli nach Lockenhaus pilgerten, nie mehr wisssend als den jeweiligen programmatischen Gesamttitel des Festivals und die Namen der Teilnehmer. Da waren immer wieder bekannte Namen darunter, aber die meisten lernte man erst durch das Festival kennen. Viele Musiker (und auch die Komponisten, deren Musik gespielt wurde) kamen aus der ehemaligen Sowjetunion, waren höchstens Gidon Kremer bekannt und entpuppten sich als große Entdeckungen, so untypisch wie der Geiger selbst, dem jedes Virtuosengehabe fremd ist.
Besuchte man ihn zur Festspielzeit in der Musikzentrale im Lockenhausener Pfarramt, so fand man ihn immer be­schäftigt, telefonierend, email-schreibend ? ein Organisator vor Ort, der bei alledem noch die Zeit fand, mit seinen Musikerkollegen fürs nächste Konzert zu proben. Die Programme der Konzerte und die Namen der jeweils Ausführenden erfuhr man erst am Tag der Auf­führung, manchmal auch einen Tag davor - nicht großgedruckt, sondern klein mit der Hand geschrieben. Man konnte an Proben teilnehmen, mit den Musikern reden.

Daß dies alles sehr "kremerisch" war, liegt auf der Hand. "Lockenhaus ist die Verwirklichung meiner Träume", hat Kremer einmal gesagt, "eine Versammlung von Freunden, die mit Freunden für Freunde Musik spielen wollen." Was war, wird nicht wieder­holbar sein, wer und was immer dem alten Führungsduo nachfolgt.
Dass Ge­spräche mit potentiellen Nachfolgern längst geführt werden, hat Gidon Kremer im persönlichen Gespräch bestätigt. Dass Lockenhaus "irgendwie an­ders" wei­ter­­gehen wird, bleibt zu hoffen. Dann wird auch der Geiger dem Festival als Gast erhalten bleiben. "Ich möchte das, was ich in den letzten 30 Jahren aufgebaut habe, gerne weiter wachsen sehen", sagt er. "Ich sehe die Nach­folgerschaft auch in dem Lichte, dass es vielleicht auch ganz anders werden kann und soll."

Was er sich vor allem wünscht, ist, dass Lockenhaus "jung" bleiben möge. Das ist auch das Motto des diesjährigen Kammermusikfestes, das vom 7.-17. Juli statt­finden wird: "Kompromisslos-Jung". Kompromisslos - dafür stand Kremer immer ein. "Jung" steht für die jungen Musiker, die heuer wie schon vor 30 Jahren eingeladen wurden, aber auch für Musik, die von jungen Komponisten geschrieben wurde. Ganz bewusst hat Kremer auf ein Programm im Sinne von "the best of" verzichtet. Nicht "große" Namen stehen auf der Liste der Ausfüh­renden, sondern unbekannte, eben "junge" KünstlerInnen. Einzige Ausnahme in jeder Hinsicht: das Abschlußkonzert, dessen Programm schon heute fest­steht: "Beeing Gidon Kremer. Der Aufstieg und Fall eines (klassischen) Künst­lers". Das ist ebenso "kremerisch" wie der leise Ton, in dem der Geiger seinen Ab­schied verkündete, und der Blitzlichtbann, den er nach einer ersten Salve von Fotos anmahnte. Lockenhaus ist auch in dieser Hinsicht "anders". Hier wird nicht laut geblendet, sondern im Stillen gute Arbeit geleistet.

Derek Weber

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