Auf DVD: Werner Herzogs poetischer Dokumentarfilm über den Fürsten, Komponisten und Mörder Carlo Gesualdo
Der Komponist Carlo Gesualdo wurde in den letzten Jahrzehnten wieder entdeckt. Seine schwermütigen und schwierigen Madrigale sind auf CDs erschienen, es gibt eine neue Biographie, zwei Opern wurden über ihn komponiert. Das liegt aber nicht nur an seiner Musik. Der 1613 verstorbene Gesualdo war auch ein Fürst und ein Mörder. Vieles in seinem Leben bleibt ungewiss, zum Beispiel sein Geburtsjahr. Es muss um 1560 gewesen sein. Ob er seine Frau, ihren Liebhaber und seinen zweiten Sohn selbst meuchelte oder nur den Befehl gab, ist nicht ganz geklärt. Auf jeden Fall ist sein Leben Stoff für einen Mythos, ein Künstler und ein Killer in einer Person. Der Filmemacher Werner Herzog hat eine Dokumentation gedreht, die nun bei Arthaus erschienen ist. "Gesualdo ? Death for Five Voices".
Die Kamera fliegt über eine hügelige Landschaft. Über den alten Häusern erhebt sich ein Schloss. Langsam zoomt Regisseur Werner Herzog an das Gemäuer heran, als ob er noch zögerte, sich zu nähern. So könnte auch ein Horrorfilm anfangen. Und das Leben des Renaissancefürsten Carlo Gesualdo ist auch eine ziemlich gruselige Geschichte.
Gesualdo hatte alle Möglichkeiten. Seine Familie hatte Reichtümer angehäuft, der junge Carlo genoss eine hervor ragende musikalische Ausbildung. Der berühmte Dichter Torquato Tasso wurde sein Jugendfreund. Doch als Fürst Gesualdo starb, war er ein Melancholiker und Masochist, der sich von seinen Dienern auspeitschen ließ. Wahrscheinlich ist er an den Wunden gestorben.
Werner Herzog hat eine ungewöhnliche Dokumentation über Carlo Gesualdo gedreht. Er sucht nicht nach der historischen Wahrheit, sondern spürt dem Mythos nach. Herzog fragt nicht nur Fachleute, sondern auch einfache Menschen aus den süditalienischen Städtchen, die Venosa und Gesualdo heißen.
Werner Herzog spricht alle Übersetzungen selbst, sowohl die Leute, mit denen er gesprochen hat, als auch die eigenen Fragen. Das verwirrt anfangs ein wenig, aber man gewöhnt sich schnell an diesen Stil. So bekommt der Film etwas sehr Persönliches. Der Geschichte um die verrückte Frau geht Herzog nach. In der angesprochenen Heilanstalt findet er sie nicht. Also lässt er seiner Fantasie freien Lauf und inszeniert eine fiktive Begegnung. Die Sängerin Milva huscht im tief dekolletierten Kleid durch das Schloss und behauptet flüsternd, die Reinkarnation von Gesualdos erster Frau Maria d´Avalos zu sein.
Maria d´Avalos muss eine unglaublich erotische Frau gewesen sein. Laut Legende sind ihre ersten beiden Ehemänner an zu viel Sex gestorben. Auch Gesualdo verliebte sich heftig in die zweifache Witwe, die erst 25 war. Umso härter kam der Schock, als er von ihrem Verhältnis mit einem Herzog erfuhr. Plötzlich wurde alles wirklich, was er bisher nur aus Dichtung und Musik kannte. Maria und der Herzog wurden brutal abgeschlachtet. Die Leute in Werner Herzogs Film berichten heftige Details. 28mal soll Gesualdo auf seine Gattin eingestochen haben, um sicher zu gehen, dass sie tot war. Dann ließ er die Leichen auf die Treppe seiner Sommerresidenz werfen, wo sie von einem zufällig vorüber gehenden Mönch vergewaltigt wurden. Ein Pförtner, der heute in diesem Haus arbeitet, erzählt, Gesualdo sei ein Alchimist gewesen.
Werner Herzog zeigt die grotesken Skelette. Er besucht einen Nachfahren der ermordeten Maria d´Avalos und filmt das gewaltige Bett, in dem der Mord geschah. Herzog lässt einen Koch einige Gerichte von Gesualdos üppigem Hochzeitsmahl nachkochen. So entsteht ein Mosaik aus faszinierenden Eindrücken, die Herzog bewusst nicht zusammen führt. Er zeigt seine Erlebnisse. Und überlässt es dem Zuschauer, sich aus den seltsamen Szenen ein Bild Gesualdos zu machen. Die Musik nutzt Herzog nicht einfach als Soundtrack, um seine Bilder zu unterlegen. Wenn die großartigen Ensembles Il Complesso Barocco und das Gesualdo Consort of London die Madrigale singen, sieht man sie im Bild. Nichts lenkt ab. So begreift man schnell, warum Herzog seinen Film "Death for five voices" - Tod für fünf Stimmen - genannt hat. Denn Gesualdo hat Madrigale komponiert, Musik für fünf Stimmen, in die er seine Trauer und Verlorenheit fließen ließ.
St. Keim
"Gesualdo - Death for Five Voices" ist bei Arthaus Musik auf DVD erschienen. Länge 60 Minuten, keine Extras. Internet: www.arthaus-musik.com