
Der Pianist Gerhard Oppitz spielt gerade den gesamten Schubert auf CD ein - und er gastiert mit einem reinen Schubert-Programm am 28. April im Münchner Herkulessaal
Gerhard Oppitz geht aufs Ganze. Wieder einmal. Denn, nachdem er bereits sämtliche Klavierwerke von Johannes Brahms eingespielt hat, danach alle 32 Beethoven-Sonaten und die fünf Konzerte aufgenommen hat, widmet er sich nun Franz Schubert. Alles, was der Wiener in seiner kurzen Lebenszeit (1797-1828) für das Pianoforte komponiert hat, führte Oppitz schon einmal live auf - in den neunziger Jahren beim Rheingau Musikfestival. Jetzt ist er dabei, Schuberts Klaviermusik auf CD zu bannen. Zwei CDs sind bereits im Handel (hänssler classic) erschienen.
Auch bei seinem Münchner Klavierabend, am 28. April, 20 Uhr, im Herkulessaal stehen ausschließlich Werke von Schubert auf dem Programm. Die frühe a-moll-Sonate D 537 koppelt Oppitz mit der späten in A-Dur D 959. "In der frühen Sonate zeigt sich Schubert recht experimentierfreudig, sie weist noch nicht die epischen Dimensionen der späten Werke auf, überrascht aber mit fabelhaften Stimmungsumschwüngen", erklärt Oppitz. Interessant sei, dass das Thema des zweiten Satzes dieser Sonate in einer beschleunigten Version im Finale der großen A-Dur-Sonate wieder auftaucht. Eine dramaturgische Klammer in dem Konzert, in deren Mitte die Wandererfantasie steht.
Ob im Konzert oder bei der CD-Aufnahme, Oppitz sucht die sinnstiftende Zusammenstellung. "Manchmal ist es reizvoll, ein frühes mit einem späten Werk zu kombinieren und allemal spannender als etwa alle Impromptus nacheinander zu spielen." Der Zuhörer - und um den geht es dem Pianisten - soll so einen Überblick über die unterschiedlichen Lebens- oder Schaffensperioden eines Komponisten bekommen.
Mit der Wandererfantasie D 760 erinnert sich Oppitz an einen frühen Auftritt im Herkulessaal: "Ich habe sie dort bereits 1978 interpretiert und sie ist das Schubertstück, das ich am meisten gespielt habe. Sie weckt starke sinfonisch-orchestrale Assoziationen. Kein Wunder, dass Liszt eine Bearbeitung für Klavier und Orchester erstellt hat. Aber, bei aller Liebe zu Liszt, bevorzuge ich doch die originale Solo-Version. Ich fühle mich freier, kann mir die Instrumentierung im Kopf vorstellen. Das ist ähnlich wie bei einer Literatur-Verfilmung. Beim Lesen hat die Phantasie freien Lauf und wird nicht kanalisiert." Die Wandererfantasie nennt Oppitz eine "verkappte Sonate", in der alle Themen auf das Wanderer-Thema zurückgehen. "Wie Schubert diese Idee umsetzt und verwirklicht, das ist fantastisch. Sie ist eines seiner stärksten Klavierwerke und stellt hohe Ansprüche an den Pianisten. Schubert ist dabei als Komponist über seine eigenen Klavier-Fähigkeiten hinausgegangen. Es ist überliefert, dass er im Finale meist Schwierigkeiten hatte und gesagt haben soll: 'Das soll der Teufel spielen'", schmunzelt Oppitz.
Dass es bei der Interpretation von Schuberts Klavierwerken auf einen bestimmten Tonfall ankommt, leugnet der Pianist nicht. "Man sollte immer an die Art und Weise denken, wie ein Sänger Schubert-Lieder gestaltet. Ich versuche ihnen in der Phrasierung, in der Melodieführung nachzueifern, aber das ist nicht so einfach. Denn das Klavier ist ein Schlaginstrument. Das muss man vergessen machen."
Dankbar erinnert sich Gerhard Oppitz an Kammersängerin Hertha Töpper, in deren Gesangsklasse er während seiner Studienzeit an der Münchner Musikhochschule viel lernte. "Diese Erfahrungen helfen mir, den Schlüssel zur Darstellung der gesanglichen Komponente zu finden." Genau da sieht er auch den entscheidenden Unterschied zwischen Beethoven und Schubert, die zeitgleich in Wien lebten und arbeiteten. "Bei Schubert dominieren die Kantabilität und das Epische. Er ist für mich ein großer Erzähler, Beethoven mehr der Dramatiker. Bei ihm passiert in einer Sekunde so viel. Schubert lässt sich Zeit - in himmlischen Längen." Gerade sie empfindet Oppitz, der seit vielen Jahren selbst als Professor an der Münchner Musikhochschule unterrichtet, als große Herausforderung: "Sie dürfen nicht zu Durststrecken werden!"
Oppitz weiß, dass er bei aller Bewunderung für und Hingabe an die Schönheit des Moments immer das Woher und Wohin der Musik im Auge behalten muss. "Ich muss mich einerseits der Musik ausliefern, mit und in ihr träumen und gleichzeitig einen kühlen Kopf für ihren Aufbau und ihre Zusammenhänge bewahren. Nur wenn diese Symbiose gelingt, kann ich den Zuhörer bei der Stange halten."
Dass das Publikum live im Saal wie beim Anhören der CDs gebannt wird, darauf hofft Oppitz und wirft dafür den ganzen Schatz seiner Erfahrungen in die Waagschale. "Es soll dem Zuhörer leicht fallen, diese Wanderung durch Schuberts musikalische Landschaft mitzumachen."
Auch wenn Gerhard Oppitz in der Vorarbeit durchaus das soziale, gesellschaftliche und künstlerische Umfeld eines Komponisten durchforstet und zuweilen "erhellende Aspekte" entdeckt, bleibt die Musik die Hauptquelle seiner Inspiration.
Auch in Zeiten, in denen ein Komponist - jetzt eben Schubert - den Mittelpunkt der künstlerischen Auseinandersetzung bildet, büchst Oppitz aus. Er ist gerade aus Japan zurückgekommen, wo er viel Beethoven gespielt hat, auch Chopin, er wird zuvor in Lugano noch Brahms 2. Klavierkonzert aufführen und gastiert direkt nach dem Münchner Schubert-Abend, ebenfalls mit Brahms, in Essen.
"Ich kann mir nicht vorstellen, ein Jahr lang nur mit einem Komponisten zu verbringen. Schon wenn ich zwei oder drei Mal das gleiche Programm gespielt habe, lechze ich nach etwas anderem. 'Variatio delectat', die Abwechslung erfreut. Sie sorgt immer wieder für geistige Frische." Dennoch verfolgt Gerhard Oppitz bei seinen zyklischen Aufführungen wie bei den Komplett-Einspielungen natürlich ein Ziel: Er möchte einen Komponisten in seiner Persönlichkeit und seinen künstlerischen Absichten umfassend kennen lernen und ihn auch dem Publikum nahe bringen.
"Wenn ich 31 Sonaten von Beethoven gespielt habe, dann fließt diese Erfahrung doch in die 32. mit ein und hilft mir, dem was der Komponist ausdrücken wollte, auf die Spur zu kommen. Deshalb glaube ich, dass solche Zyklen dem Interpreten wie dem Publikum eine Chance bieten. Ein monolithisches Programm hilft dem Zuhörer, sich zu konzentrieren und mitzudenken."
Obwohl Gerhard Oppitz bei seiner Schubert-Gesamtaufnahme ein wenig "schummelt", fühlt er sich der Zustimmung des Komponisten sicher. "Nicht alles, was Schubert geschrieben hat, war für die Ewigkeit bestimmt. Viele Tänze sind Gelegenheitsarbeiten, sie ähneln einander stark. Da treffe ich eine Auswahl. Schubert wäre sicher nicht traurig darüber. Er war nicht so selbstkritisch und wählerisch wie Brahms, der viel vernichtet hat. Viele kleine Werke Schuberts wurden nicht zu seinen Lebzeiten sondern erst posthum veröffentlicht und galten dann als 'heilig'. Natürlich werden die Zwölf Deutschen Tänze D 790 auf CD nicht fehlen, weil sie - so herrlich undeutsch - eine ungarische Atmosphäre heraufbeschwören. Ansonsten spiele ich alle Klavierstücke, auch die kürzeren und selbstverständlich auch die 'unvollendeten' Sonaten. Etwa die in E-Dur, der das Finale 'fehlt' oder die in C-Dur D 840 mit dem Namen 'Reliquie'. Für mich klingt sie mit ihren zwei Sätzen absolut abgerundet, vollendet, berührend und bewegend."
Gabriele Luster
Karten für das Konzert in München unter:
http://www.winderstein.de/html/konzert.php?id=87
Audio-Ausschnitt aus der neuen Schubert-CD von Gerhard Oppitz - Sonate A-Dur D 959, 4. Satz: Rondo Allegretto (Hänssler Classic):