Christian Gerhaher und das Münchener Kammerorchester unter Heinz Holliger mit Bach, Zelenka und Veress im Münchner Prinzregententheater
(München, 12. Juni 2008) Luzides Latein in Jan Dismas Zelenkas "Jeremia"-Lamentatio, barockes Deutsch bei Bachs "Kreuzstab"-Kantate, und schließlich Mittelhochdeutsch aus der Feder des Walter von der Vogelweide in Sándor Veress' "Elegie" für Bariton, Harfe und Streicher aus dem Jahr 1964: Christian Gerhaher war bei allen drei Texten in seinem Element als genuiner Lied- und Konzertsänger. Immer wieder betörte der großartige Bariton, weil er stets unspektakulär, aber zwingend seine charaktervolle, facettenreiche Stimme mit größter Konzentration, Flexibilität und Intensität einsetze.
Denn wie sich Gerhaher die jeweilige Vertonung zu eigen machte, Zelenka fein deklamierte oder Bach vielschichtig in Rezitativen, Arien, in Koloraturen und feinen Kantilenen zu gestalten wusste, wurde bei Veress und seiner Vertonung im Zwölftongewand noch einmal zum Ereignis: Gerhaher war nicht nur mit den Feinheiten des Mitteldeutschen vertraut, sondern verstand es, Ausdruck und schlichte Rezitation ineinander zu verflechten und dabei mit dem zunehmend selbständiger komponierten Orchestersatz in einen ausgefeilten Dialog zu treten. Die Leidenschaft, die das kleine Streichorchester samt Harfe und den Gesangspart prägte, ließ die dodekaphonische Struktur weiß glühen und erzeugte - im Verein mit dem weltabgewandten Text - eine ebenso erschütternde Wirkung wie Bachs Kantate und ihr todessüchtiger Text.
Dirigent Heinz Holliger rundete diese Trias als Komponist durch "Eisblumen" aus seinen "Übungen zu Scardanelli". Gläserene Flagolett-Klänge von sieben Streichern legten sich als feine Schicht Schneekristalle über den verfremdeten Schluß-Choral aus Bachs "Kreuzstab-Kantate": eine fragile, schwebende, verletzliche Musik wurde da vom Münchner Kammerorchester im Prinzregententheater großartig entfaltet, bevor am Ende Arthur Honeggers zweite Symphonie ein erschütterndes Bild von der Besetzung seiner Heimatstadt Paris im Jahr 1941 in Form einer wild zerklüfteten, aggressiven Polyphonie malte.
Klaus Kalchschmid