Einmal auf dem Mount Everest

Gérard Mortier Foto: Jean-Christophe Marmara/ Opéra national de Paris

Bis Ende der Spielzeit ist Gérard Mortier noch Intendant der Pariser Oper, 2010 wechselt er zum Teatro Real nach Madrid. Eigentlich hätte er die Intendanz an der New York City Opera übernehmen sollen, doch plötzliche Etatkürzungen in zweistelligem Millionenbereich ließen ihn die Notbremse ziehen. Im Interview mit KlassikInfo spricht Gérard Mortier über seine ursprünglichen Pläne für New York, die Risiken und Nebenwirkungen seines Berufs, über das Erreichte in Paris, über das, was sich in Bayreuth ändern müßte und was sich in Madrid ändern wird.


KlassikInfo: Warum haben Sie mit der New York City Opera gebrochen, bevor es dort für Sie so richtig losgehen sollte?

Mortier: Obwohl ich anfangs nicht wollte, hatte man mich dort doch überzeugt. Das war auch nicht schwer, mit einem versprochenen Budget von 60 Mio. Dollar, wovon 30 Mio. für feste Kosten vorgesehen waren. Ich arbeitete zwei Jahre an dem Projekt. Man muß dort meiner Meinung nach die Akustik verbessern und dafür noch weitere Millionen finden. Ich hatte mich sogar schon nach Handwerkern umgeschaut. Ich plante auch einen Probensaal und andere Verbesserungen. Ich wollte nicht nur Veranstaltungen im State Theater, sondern auch im Apollo Theater. Mir ist es gelungen, niedrige Gagen auszuhandeln, die nur bei 50 Prozent der Gagen an der Metropolitan lagen! Die erste Saison war fertig! Auch die zweite und die dritte! Und dann hieß es, dass die 60 Mio. Dollar nicht mehr bereitstehen.

Im letzten September sagte ich: "Ich habe mich verpflichtet aber noch nicht verheiratet. Das Hochzeitsgeschenk sind 60 Millionen". Mitte Oktober waren sie nicht mehr da. Ich habe die voraussichtlichen Kosten um 12 Prozent senken können, in dem ich zwei große und eine kleine Produktion strich. Die wollten dort aber, dass ich nur mit 36 Mio. auskomme: Da habe ich Schluß gemacht. Man wollte, dass ich "St. Francois d'Assise" durch "Hänsel und Gretel" ersetze. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Wenn die nicht den Unterschied zwischen beiden Werken erkennen.... Mir tut es nur leid um die zwei Jahre Arbeit.


Haben Sie an der Operà de Paris ihre Projekte verwirklichen können?

Nicht ganz. Aber 90 Prozent aller Veranstaltungen waren ausgebucht. Ich habe 800.000 Sitzplätze verkaufen können. Das sind die besten Erfolge meiner Karriere. Am Theatre de la Monnaie in Brüssel habe ich ich ein Defizit hinterlassen, in Salzburg 3 Mio. Plus in der Kasse. Hier sind es stolze 40 Mio Plus. Und mit 3 Mio Plus in der Kasse fing ich hier an.
Man erklimmt nur einmal im Leben den Mount Everest. Aber in diesem Job als Intendant gibt es zu viel Verwaltung und Bürokratie. Das war eine tolle Erfahrung hier in Paris, aber so etwas gelingt nur für 5 Jahre und dann mit einem 16 Stunden Arbeitstag.


Sie wollten das Publikum verjüngen. Ist Ihnen das gelungen?

Das Durchschnittsalter im Palais Garnier liegt jetzt bei 46 Jahren. An der Bastille sind es 42 Jahre. Das sind im internationalen Vergleich mit die niedrigsten Alterswerte.


Wie ist es Ihnen gelungen, mehr junge Leute in die beiden Häuser zu locken?

Mit Stehplätzen! Ein großer Erfolg: 72 Plätze pro Vorstellung für 5 Euro. So hatten wir jeden Abend volles Haus. Dann habe ich die self-service-Methode zum Abholen der Karten eingeführt. In 22 Universitäten und Schulen haben wir Konferenzen zu unseren Veranstaltungen organisiert und somit für uns geworben. Ich habe eine Jahreskarte für 25 Euro eingeführt, für Musikliebhaber unter 26 Jahren, die auf diese Weise, ohne in einer Schlange warten zu müssen, Karten für nur 25 Euro erwerben können. Dann haben wir ein Projekt für Schulen am Stadtrand erfunden: 200 Schüler haben die Möglichkeit, das Entstehen eines Opernprojekts mitzuverfolgen und auch daran teilzunehmen. Das dauert ganze 2 Jahre. Die Schüler treffen die Künstler, die Musiker, die Techniker usw. Es ist faszinierend zu sehen, wie diese jungen Leute sich langsam aber sicher für Oper zu interessieren beginnen. Am Ende der Projektzeit stellen sie selbst ein Stück auf die Bühne. Die Eltern kommen und die Schüler sind sehr stolz.


Als Sie noch am Projekt NYCO arbeiteten, kandidierten Sie auch für die Direktion in Bayreuth...

Ja, Nike Wagner überzeugte mich zu kandidieren. Wir wollten die Bayreuth-Verantwortlichen davon überzeugen, dass die Verwaltung öffentlicher Gelder nicht in der Verantwortung von Leuten liegen sollte, die darin eine Familienangelegenheit sehen. Ich bin davon überzeugt, dass man da eine öffentliche Ausschreibung machen sollte.


Wenn es mit Bayreuth geklappt hätte, welche Projekte gab es Ihnen für die Wagner-Hochburg?

Wagner schrieb 1863: "In Bayreuth sollte es jedes Jahr eine Oper neben dem Ring geben, die dort aufgeführt wird". Ich hätte das Festspielhaus mit dem Ring eröffnet und dann ein kleines Festival organisiert mit Kompositionen, die ausschließlich für dieses Theater geschrieben worden wären. In den 130 Jahren seit seiner Eröffnung wurde für dieses Theater nur eine einzige Oper komponiert und aufgeführt, neben dem Ring, und das war Parsifal!
Ich hätte versucht, die typische Bismarck-Atmosphäre des Hauses aufzulockern, mit einer, sagen wir, Friedrich II.-von-Hohenstaufen-Atmosphäre - ein Kaiser, der ein großer Europäer war. Ich will nicht an Hitler, sondern an Dürer denken, wenn ich die Meistersinger sehe und höre. Ich hätte mit den Stadttheater-Inszenierungen von Katarina Wagner Schluss gemacht. Man muss im Fall Bayreuths zu einem mystischen Theater zurückkehren. Ich hätte berühmte Künstler darum gebeten, Szenen und Kostüme zu entwerfen. Ich hätte versucht, die besten Dirigenten ans Haus zu holen, denn derzeit dirigiert hier oft nur die zweite Garde.


Was bedeutet eigentlich die Kunstform Oper für den so genannten "Bad Boy aus Belgien"?

Wer sagt denn, dass ich ein Bad Boy bin? Ich bin doch ein ganz Braver! Ich weiß nicht, ob die Oper als Genre überleben wird. Viele meiner Kollegen glauben das nicht mehr. Immer die gleichen Opern in immer den gleichen Inszenierungen.... Doch die Oper hat viel mit Gefühlen zu tun und sie kann auch heute noch ganz große Gefühle hervorkitzeln. Deshalb hasse ich zum Beispiel Puccini! Große existentielle Emotionen wie in "Tristan und Isolde", wie in "Otello" und "Falstaff" können auch populär sein wie in einem Film von Almodovar. Die Oper ist doch ein fantastisches Kommunikationsmittel. Das muss man den jungen Leuten klar machen. Wenn im 1. Akt des "Lohengrin" ein Schwan auftaucht ist das ganz mies. Da sollte besser etwas auftauchen was überrascht und provoziert. Man muss das Publikum erneuern: Man muss also die Oper von den traditionellen Liebhabern der Oper befreien!


Muss Oper, um zu Gefühle zu erzeugen, also schockieren?

Ich spreche nur von großen echten Gefühlen, nicht von Sentimentalitäten wie in "La Bohème", wo die Gefühle nicht echt sind. Wahre Gefühle sind Leidenschaften und Schmerz wie bei Wagner, Verdi und Mozart. Wichtig ist in der Oper vor allem, nicht lächerlich zu werden.


Stimmt es, dass sie gerne den Filmregisseur Pedro Almodovar mit einer Opernregie beauftragen würden?

Oh ja! Seine Filme sind wie Verdi-Opern. Für das große Publikum gedacht, aber mit tiefen Gefühlen: Inzest, Homosexualität etc. Sie erzählen das wahre Leben. Verdi hätte das sicherlich gefallen, auch seine Hauptdarsteller sind ja Außenseiter: Traviata, Otello.


Was würden Sie nach ihrer Amtszeit in Paris gern tun?

In meinem Alter frage ich mich natürlich, was wirklich wichtig ist. Als junger Mensch will man den Erfolg. Man tut also Dinge, um beim Publikum anzukommen. Seit einiger Zeit will ich nur noch das machen, woran ich wirklich glaube, was für mich notwendig ist. Ich will Opern auf die Bühne bringen, von denen ich überzeugt bin, dass sie auf die Bühne müssen. Wenn man älter wird, sollte man nur noch das machen, was wirklich unerlässlich ist. Ich will keine Opern, die einfach nur gefallen, keine Mix nach dem Motto Rossini, Puccini, Belcanto und dann einen Alban Berg. Das sind Supermarktmischungen, die mich nicht interessieren. 

Jetzt wechseln Sie ans Opernhaus nach Madrid. Warum?

Weil ich ein wenig spanisch spreche und man mir dort viele Möglichkeiten gibt. Ich bin von Jesuiten erzogen worden, in der gleichen Stadt wie Kaiser Karl V. geboren und wir Flamen haben rund 25 Prozent spanisches Blut in unseren Adern, also habe ich doch auch eine natürliche Beziehung zu Spanien. In Madrid werde ich mich als erstes um die musikalische Qualität kümmern. Ich meine damit Chor und Orchester des Teatro Real. Ich werde die Arbeit von Lopez-Cobos fortführen und eng mit dem Intendanten Miguel Muniz zusammenarbeiten. Es wird unter meiner Führung keinen Generalmusikdirektor geben, sondern ich werde mich mit einer Gruppe von Dirigenten umgeben, von denen jeder ein Spezialist für ein Fach ist. Mit dieser Vorgehensweise ist das Orchester der Pariser Oper eines der besten der Welt geworden. An meinem Teatro Real werden 35 Prozent des Spielplans aus Opern des 20. Jahrhunderts bestehen. Nur so kann man verhindern, dass Opernhäuser zu Museen verkommen.

Interview: Thomas Migge