Liederspiel nach Schumann und Schubert: "Genoveva" gekoppelt mit "Fierrabras" in der Münchner Reithalle
(München, 28. August 2009) Andreas Wiedermann ist ein junger Regisseur, der es wissen will: Der 31-jährige und seine freie Musiktheater-Truppe "Opera Incognita" haben München schon mehrmals beschenkt und dessen beide Opernhäuser beschämt: mit gelungenen Produktionen selten gespielter Opern wie Rameaus "Dardanus", Glucks "Armide", Salieris "Axur" und dem Barock-Pasticcio "Andromeda liberata".
Diesmal war er noch wagemutiger und ist einen entscheidenden Schritt weiter gegangen: In Robert Schumanns einzige Oper "Genoveva" hat er zusammen mit seinem musikalischen Leiter Ernst Bartmann und zwei weiteren Komponisten (Manuel Roo und Josef Irgmaier) Teile aus Schuberts letzter Oper, seinem "Fierrabras", hineinmontiert und den Hauptfiguren jeweils ein berühmtes Lied Schumanns geschenkt. Eine Zeitreise vom Mittelalter und seinen Kreuzzügen (die das äußere Thema der beiden Operns sind), der Revolution von 1848 und damit der Entstehungszeit von "Genoveva" bis hin zum Mauerfall von 1989 sollte es werden. Und das ist auf teils spannende, teils beglückende, nur manchmal etwas befremdlich aktualisierende, immer aber sehr eigenwillig interessante Weise gelungen.
Unangetastet blieb bei allem das Gerüst der Handlung von Schumanns Oper: Pfalzgraf Siegfried bricht auf zum Kreuzzug und gibt seine Frau Genoveva der Obhut seines Verwalters Golo. Doch der ist in leidenschaftlicher Liebe zu ihr entbrannt, küsst sie erst im Schlaf und bedrängt sie dann beim nächtlichen Beisammensein, als sie gemeinsam ein Volkslied singen, so sehr, dass sie ihn "ehrloser Bastard" nennt. Liebe und Begehren schlägt in Hass um, Golo nutzt Spott und Gerüchte des Gesindes, um eine Intrige einzufädeln, die Genoveva fast auf dem Scheiterhaufen enden lässt.
Durch die Bearbeitung der Musik für nur elf Spieler (Streichquintett, Flöte, Trompete, Horn, Schlagwerk, Akkordeon oder Klavier) lässt sich Schubert mit seiner feinen Melodik und Schumanns harmonischer Reichtum perfekt mischen, fügen sich die zu Kammermusik erweiterten Klavier-Lieder (etwa "Der Soldat", "Die beiden Grenadiere", "In der Fremde" und "Zwielicht" von Schumann) wunderbar ein, mal als retardierendes Moment in den Finali - wie auch "Der Kreuzzug" Schuberts, gesungen vom Bischof Hidulfus (mit bedrohlichem Bassbariton: Giulio Alvise Caselli) -, mal als Innehalten einer Figur oder gar als Korrektur eines Charakters (wenn die "Hexe" Margaretha im Begriff ist den Feuertod zu sterben und nun die empfindsame "Widmung" singen darf). Diese Bearbeitung funktioniert über weite Strecken hervorragend und klingt auch sehr gut und apart, nur in manchen Rezitativ-Passagen will sich zusammen kein rechter Einklang mit den Sängern ergeben, fehlt die Präzision des Miteinanders.
Die ehemalige Reithalle im Münchner Norden ist leergeräumt bis auf das kleine Orchester hinter dem Zuschauerrund an einer der beiden Stirnseiten. Die übrigen drei Viertel der Halle ergeben eine bis zu 25 Meter tiefe Spielfläche, gegliedert durch drei große bewegliche Rahmen und einer großen Linde an der gegenüberliegenden Mauer. Beim Abschied Siegfrieds rotieren diese Rahmen effektvoll wild, während die Figuren hindurchrennen. Mal lassen sie ein Gefängnis oder eine Kirche entstehen, dann wieder dominiert ein einziger als güldener Bilderrahmen. Aber erst das präzise und fantasievoll gesetzte Licht (Peter Younes) schafft verschiedenste Räume und Stimmungen. Anfangs sind die Kostüme der Hauptfiguren reinstes Biedermeier, doch das ochsenblutfarbene Rot für Genoveva und Golo wie auch das Schwarz der Rüstungen lässt Unheimliches erahnen. Auch die Mischung aus Tracht und moderner Alltagskleidung des Chors verheißt nichts Gutes (Kostüme: Violaine Thel).
Am Ende bricht Wiedermann das Geschehen auf: Siegfried kehrt mit heulendem Motor im weißen Cabrio heim, seine kahlgeschorene Gattin ist nach der erlittenen Schmach alles andere als glücklich, denn der Verleumdung Glauben schenkend, hatte Siegfried ihren Tod verfügt, der nur durch einen taubstummen Jungen (hier die zarte, wunderbar intensive 14-jährige Magdalena Hiergeist) verhindert wird. Und nun tut Wiedermann doch des Guten zu viel, indem er eine weitere Brechung wagt: Nüchternes Arbeitslicht wird angeknipst, und ein Tourist in Hawai-Hemd und deutschem Fähnlein, der schon über die Musik der Ouvertüre zu "Fierrabras" gesprochen hatte, räsoniert über die Schlacht im Teutoburger Wald und das Deutschsein.
Aber das kann den positiven Eindruck einer Inszenierung nicht mehr schmälern, die magisch mit einem im dunkeln a cappella gesungenen Männerchor Schuberts ("O teures Vaterland") begann und stets auch auf Ironie in der Gestik und eine prägnante Deutung der Situationen setzte. Denn gerade diesen letzten Akt krönte die 24-jährigen Dorothee Koch in der großen Soloszene der gefangengehaltenen Genoveva. Ein erstaunlich reich und in allen Lagen rund klingender Sopran und eine Darstellerin mit ausgeprägter Bühnenpräsenz war da zu erleben. Ähnlich überzeugend in Stimme und Spiel: der Bariton Torsten Petsch als Siegfried. Auch Mauro Peter als Golo offenbarte einen sicheren Tenor mit Schmelz. Maxim Matiuschenkov war ein kerniger Drago, aber leider konnte die Brasilianerin Luciana Melamed (Margaretha) hauptsächlich als Darstellerin und mit ebenfalls schönem, dunkel getöntem Sopran überzeugen, rhythmisch und in der Artikulation des Textes waren Defizite unüberhörbar. Da erwies sich als Manko, dass Dirigent Ernst Bartmann doch oft allzu weit von den Sängern entfernt war und zu sehr variablen Tempi neigte. Doch das dürfte sich bei den weiteren Aufführungen in der Reithalle (Heßstraße 132) am 2., 4., 5. und 6. September, jeweils 19.30 Uhr, ohne die Anspannung einer Premiere noch besser einpegeln.
Karten unter Tel. 0180/11001200.