Furore e Dolore

Joyce di Donato singt sich mit Händel in die Herzen des Salzburger Festspielpublikums

(Salzburg, 2. August) Rolando Villazóns langwierige Erkrankung hat es verhindert, dass er seine Händel-CD im Großen Festspielhaus live präsentieren konnte. Und auch der "Ersatz", Joyce di Donato hätte beinahe absagen müssen, weil sie sich am 7. Juli in einer Londoner "Barbiere"-Vorstellung den Fuß brach. Doch schon damals spielte sie  die Vorstellung zu Ende und trat eine Woche später wieder als Rosina im Rollstuhl auf! In Salzburg erschien sie mit Krücken und bestieg einen hohen Sitz. Doch sobald der erste Ton erklang, war jedes Handicap vergessen.

Schon mit Les Talens Lyriques unter Christoph Rousset hatte die amerikanische Mezzosopranistin auf CD (Virgin) fasziniert, doch mit den Gabrieli Players unter Paul McCreesh konnte sie jetzt live noch enorm an Spannung, ja sogar stimmlicher Schönheit und musikalischer Wahrhaftigkeit zulegen. Ob bei Serses flammendem "Crude furie degl?orridi abissi", das die Platte eröffnet und in Salzburg am Ende des ersten Teils erklang, oder im Kontrast dazu bei Medeas verzweifeltem "Dolce riposo" aus "Teseo": Joyce di Donato singt in jedem Affekt, in jeder Lage, in jedem Takt mit einer Differenziertheit des Ausdrucks, einer Sicherheit in den Koloraturen, dass man nur staunen kann. Und wenn in "Morirò, ma vendicata" aus derselben Oper das verdämmernde "Ich werde sterben..." immer wieder dem wilden  "...doch gerächt" entgegen gestellt wird, dann könnte man das nicht ergreifender singen.

Wie sich in Medeas Rezitativ und Arie "Ira, sdegni, e furore" - "O stringerò nel sen" aus dem "Teseo" Furore auf Dolore reimt, lagen  Wut und Schmerz in fast allen Arien ganz nahe beieinander, ja schienen einander zu bedingen. Deswegen begann Joyce di Donato auch das "Scherza infida - Vergnüge dich, Treulose" aus "Ariodante" voller Abscheu, um erst später reine, ganz leise gesungene Trauer auf denselben Text und dieselbe Melodie folgen zu lassen.

Höhepunkt des Abends - und der CD - waren Rezitativ und Arie "Dissembling, false, perfidious Hercules!" - "Cease, ruler of the day" und das große Recitativo Accompagnato der von Furien verfolgten und dem Wahnsinn nahen Dejanara aus "Hercules". Joyce di Donato verkörperte sie schon in Aix en Provence 2004 grandios, wie eine bei Bel Air erschienene DVD dokumentiert: Auch jetzt wurde in der Arie eine wunderbar klare, gefasste Trauer hörbar und danach gestaltete die Mezzosopranistin eine ganze Palette widerstrebende Gefühle nebeneinander, ja durchlebte sie geradezu. So etwas gelingt wenigen Sängern auf so hohem technischen wie musikalischem Niveau. Und die Gabrieli Players spielten dabei unter Paul McCreesh mit demselben Furor wie di Donato sang. Am Ende gab es dafür Ovationen und "Ombra mai fu" als Zugabe, auch diese Huldigung an einen Baum war höchst delikat gesungen und vom Orchester musiziert, das sogar der vielgespielten ersten Suite aus der "Wassermusik" ein Höchstmaß an Intensität und Klangkultur angedeihen ließ.

Klaus Kalchschmid