Zwei Jahre lang hat die junge bulgarische Regisseurin Vera Nemirova an der Oper Frankfurt Wagners "Ring" geschmiedet, den sie gemeinsam mit Generalmusikdirektor Sebastian Weigle herausbrachte - gestern Abend ging er mit der "Götterdämmerung" zu Ende.
(Frankfurt, 29. Januar 2012) Wie drei Voodoo-Zauberinnen hocken die Nornen anfangs auf der leeren Weltenscheiben-Bühne. Und während das fabelhafte Opernorchester gemeinsam mit Generalmusikdirektor Sebastian Weigle drunten an einem satt farbenreichen, warmen Klangteppich webt, wickeln die Nornen droben große Wollknäuel ab und umwickeln all jene Protagonisten mit ihrem Gedankenfaden, die bisher beteiligt waren an der "Ring"-Tetralogie - bis der Faden reißt, weil die weisen Nornen das Ende der Geschicht' selbst noch nicht kennen.
Dabei scheint das Ende programmiert, sobald Siegfried genug hat vom Liebestaumelbad, das Brünnhilde ihm auf ihrem Feuerhügel in einer Badewanne bereitet hat. Mit Brustpanzer, Nothung-Schwert und Flügelhelm paddelt der unbedarfte Kindskopf in Frankfurt in einem Schlauchboot direkt ins Verderben, das unter der Bühne lauert. Erneut klappt Bühnenbildner Jens Kilian seine wunderbare Weltenscheibe in lauter einzelne Ringe und ewige Kreisläufe auf, die immer wieder tief blicken lassen: Gunthers und Gutrunes Welt ist eine Hotelbar mit flaschenbestücktem Tresen und Video-Bildschirmen im Hintergrund, auf denen unheimlich ein wachsames Auge spioniert - vielleicht gar Wotan selbst.
Während der Vergessenstrank Siegfried direkt in Gutrunes Arme treibt, wartet Brünnhilde vergeblich auf ihrem Hügel. In grauem Geschäftsmanns-Anzug und Brille als Gunther "getarnt", raubt Siegfried ihr schließlich Ring und Ehre und führt sie mit verbundenen Augen nach Gibichungen. Ein jämmerlicher Anblick, der selbst den erst noch jubelnden Macho-Jägerchor betreten dreinblicken lässt.
Gemeinsam mit Gunther und Hagen schmiedet Brünnhilde alsbald Rachepläne, markiert auf einem Männerhemd mit rotem Lippenstift Siegfrieds verwundbare Stelle - worauf sie am Bar-Tresen erst mal einen Magenbitter runterkippen muss. Es sind solche tragikomischen Nebenschauplätze, die Vera Nemirovas feinfühlig ausgearbeiteten "Ring"-Zyklus in Frankfurt so menschelnd sehenswert machen - ob es der Versager Gunther ist, dem auch noch beim simplen Zigarette anzünden das Feuerzeug versagt. Oder die Rheintöchter, die, Aktivistinnen-Anorack über fischschuppigen Luxus-Glitzerkleid, im Schlauchboot Megaphon und Plakate schwenken, um - Rettet den Rhein! - für die Natur zu kämpfen.
Dabei kann sich Nemirova auf durchwegs exzellente Darsteller-Sänger verlassen - allen voran der Kanadier Lance Ryan als letztlich unreiner Tor Siegfried. Grandios spielt auch Schönklangsänger Johannes Martin Kränzle, der als Gunther den Mord an Siegfried zu spät noch verhindern will, dem Sterbenden beisteht, ehrlich erschüttert um ihn trauert. Als eiskalter Engel taktiert und manipuliert wiederum der stimmlich glänzend aufgelegte Gregory Frank als Hagen - ein liebestoter Sohn seines machtbesessenen Vaters Alberich, den der herausragende Jochen Schmeckenbecher im Neureichen-Goldanzug singt. Auch Claudia Mahnke macht als aufgewühlte Wotans-Tochter Waltraute und Walküren-Klischee in Brustpanzer und Flügelhelm hervorragende Figur. Susan Bullock überzeugt als mütterlich liebende Rache-Furie Brünnhilde hingegen nur darstellerisch - stimmlich enttäuscht sie, mit allzu metallischen Spitzen in der Höhe. Wenn sie schließlich das Erlösungs-Feuer entfacht - wobei ein schwarzer Trauerchor um sie herum Teelichter ins Dunkel reckt -, geht davon die Welt nicht unter: Denn gemeinsam mit den Protagonisten der gesamten Tetralogie schreitet sie kurz darauf an den Bühnenrand, blickt fragend ins Publikum. Dort sitzen auch die Götter wieder in jenen Logen, in die sie am Ende des "Rheingold"-Vorabends champagnerlaunig eingezogen waren. Inzwischen aber schauen sie buchstäblich alt aus - nur Jugendgöttin Freya, schuldlose Mit-Verursacherin des Macht- gegen Liebe-Debakels, hockt als kleines, rosiges Mädchen in der traurigen Runde, den Apfel-Jungbrunnen noch im Schoß. Das Drama um die Götter, die Mensch sein wollten, um bessere Götter zu sein, ist aus - aber das Leben geht weiter.
Ursula Böhmer