Der Pianist Francesco Tristano spielte in Köln Bach und Buxtehude und mischte ein wenig Live-Elektronik dazu
(Köln, 9. Oktober 2012) Ein schlanker, schwarz gekleideter, etwas androgyn wirkender, aber doch viel Erotik ausstrahlender Jüngling mit lockigem Haar - Francesco Tristano. Zum Namen des Luxemburgers des Jahrgangs 1981 gehört eigentlich noch ein abschließendes "Schlimé", aber das liest sich nicht so romantisch wie die Kurzform. Mit der Romantik hat der Pianist aber eigentlich nicht viel am Hut, von seinem musikalischen Geschmack her ist er ein Grenzgänger. Zwar beherrscht Francesco Tristano auch Werke des gängigen Repertoires, debütierte im Jahr 2002 mit Prokofjew und Ravel beim Russischen Nationalorchester und gastierte vor wenigen Tagen beim Sinfonieorchester der Stadt Münster mit Mozarts Lützow-Konzert KV 246. Aber sein besonderes Interesse gilt experimentellen Programmen und Aktivitäten.
2001 gründete Francesco Tristano das Ensemble "The New Bach Players", 2004 folgte die Band "Aufgang”. Bei Rosalyn Tureck, der Bach-Legende, absolvierte er Meisterklassen, in jüngster Zeit arbeitet er viel mit Carl Craig von der Detroiter Techno-Szene zusammen. Solches Interesse für diametral entgegengesetzte Stile kann sich natürlich nicht in traditionellen Bahnen entwickeln. Die Debüt-Einspielung von Bachs "Goldberg-Variationen" (2002) war zwar eine eindeutige Liebeserklärung an das Zeitalter des Barock, aber bald darauf nahm der junge Künstler Luciano Berios Klavierkompositionen komplett auf. Leicht zu verstehen, dass diese Vielfalt irgendwann auch einmal bei Tristanos eigenen Werken musiksprachlich verschmelzen würde. "Ich habe das nie als getrennt betrachtet. Alle Musik ist schon eine große Mischung", sagt er.
Bei Soloauftritten vermeidet der Pianist orthodoxe Klassikstandarts, sucht lieber nach Verbindungslinien zwischen Komponisten oder Epochen. Das ist natürlich keine ureigene Erfindung, auch andere Musiker setzen auf erhellende Kontrastwirkung. Beispielsweise Esa-Pekka Salonen, der seine Aufführungen sämtlicher Beethoven-Sinfonien beim jüngsten Bonner Beethoven-Fest mit zeitgenössischen Werken konfrontierte. Francesco Tristano geht aber noch ein Stück weiter, indem er musiksprachlich Verwandtes zu erkunden sucht, wobei die Lebensepochen der Komponisten durchaus weit auseinander liegen können, wie etwa seine CD "bachCage" (2001) zeigt. Dem Thomaskantor schreibt Tristano sogar Pop-Qualitäten zu und ist überzeugt, dass der Meister - lebte er heute - für elektronische Musik aufgeschlossen gewesen wäre. "Er war immer auf dem neuesten Stand. Themen von Vivaldi (hat er) eigentlich remixed."
Mit seiner neuesten CD-Veröffentlichung "Long Walk", deren Programm er derzeit auf einer Tournee gibt, die jetzt in der Kölner Philharmonie begann, untersucht Tristano allerdings Verbindungslinien zwischen Bach und seinem älteren Zeitgenossen Dietrich Buxtehude, zu dem Bach als Zwanzigjähriger in einem 380 km langen Fußmarsch pilgerte, um bei ihm zu lernen. Buxtehudes Aria mit 32 Variationen "La Capricciosa" (BuxWV 250) hat er sogar noch in seinen späten "Goldberg-Variationen" zitiert, und Tristano übernimmt Stilelemente und Klänge dieser beiden Barockgrößen in seine eigenen Schöpfungen, reichert sie freilich mit Live-Elektronik an. Diese klangmalerisch fantasievolle und rhythmisch energische Musik vermag selbst orthodoxe Klassikfreunde anzusprechen, welche Tristano als Publikum freilich nicht vorrangig im Visier hat.
Eines irritierte bei Francesco Tristanos Kölner Auftritt allerdings nachhaltig: die Interpretation der Buxtehude- und Bach-Originale. Bei Tristanos eigenen Werken gelten andere gestalterische Kriterien, welche über weite Strecken durchaus mit pauschalen Ausdrucksgesten auskommen. Bei den Vertretern des Barockzeitalters aber, vor allem wenn ein moderner Flügel benutzt wird, ist einer subtilere Anschlagstechnik gefragt. Durch einen András Schiff oder Grigory Sokolov wurde man fraglos verwöhnt, aber dieses Niveau sollte man gerechterweise auch erwarten dürfen. Francesco Tristano spielte engagiert, durchaus akkurat, aber mit nur wenigen Zwischentönen, ohne echte Eleganz, mitunter fast eckig, im Tempo reichlich maschinell. Klavierkollege Lars Vogt ließ sich per Internet wie folgt vernehmen: "Bach mit schnellen Fingern, aber ohne Ahnung." Hart formuliert, aber nicht ganz unwahr, zumindest wenn man Tristanos Kölner Auftritt bewertet.
Der primäre Konzertveranstalter der Philharmonie, KölnMusik, hat sich für die laufende Saison ein interessantes Begleitprogramm für einige Künstler ausgedacht: "Der Lieblingsfilm von..." Eine Nennung favorisierter Streifen kam u.a. von John Eliot Gardiner, Kit Armstrong, Lang Lang, Christian Gerhaher, Gustavo Dudamel und auch Francesco Tristano. Letzterer wählte die 2007 entstandene Schweizer Dokumentation über die Schriftart "Helvetica", welche "die Entstehung eines globalen kommerziellen Grafik-Designs als eines der wichtigsten Phänomene im Kunstbereich" beleuchtet, so der erklärte Typeface-Fan.
Christoph Zimmermann