Steifheit und Triebunterdrückung

Nicht Diogenes in der Tonne, sondern Beppo im Weinfass Foto: Opéra comique

Daniel-Francois-Esprit Aubers "Fra Diavolo" an der Pariser Opéra Comique

(Paris, 25. Januar 2009) Für denjenigen, der in Paris in die Oper geht, muss es nicht immer die Opéra National sein. Obwohl diese mit zwei Häusern, einem dichten Spielplan und dem größten Renommee für einen Besuch am naheliegendsten ist. Alternativen bietet das vom künftigen Wiener Operndirektor Dominique Meyer geleitete Théatre des Champs-Elysées, namentlich mit hervorragend gesungener Barockoper, und die Opéra Comique. Das Théatre du Chatelet ist mit seinen Crossoverprojekten eher in einer wenig interessanten Phase.

Die Opéra Comique also. Versteckt an der idyllischen Place Boieldieu befindet sie sich unweit der Opéra Garnier. Das goldschnörkelige und in seiner kompakten Größe echte Wohlfühltheaterchen steht hier seit 1783. Der letzte Bau nach einem Brand stammt allerdings von 1887. Zwischenzeitlich Spielstätte der Opéra National, ist die Opéra Comique seit 1990 wieder autonom und seit zwei Jahren unter der Direktion von Jérome Deschamps. Die Programme sind eine Mischung aus Opéra comique, Barockopern und Zeitgenössischem.

Der Hausherr führt auch Regie. So in Daniel-Francois-Esprit Aubers an diesem Haus 1830 uraufgeführter Opéra comique "Fra Diavolo ou L'Hotellerie de Terracine". Der historische Hintergrund, die Rebellion des historischen, italienischen Briganten Fra Diavolo gegen die französische Vorherrschaft, spielt bei Auber nur hintergründig eine Rolle. Ein Bösewicht ist dieser Diavolo dennoch, der am Ende im Kugelhagel umkommen soll. Opfer sind ein englisches Paar, das er beraubt und die hübsche Wirtstochter Zerline. Nicht primär ihrer Schönheit, sondern einer ausgeschriebenen Belohnung für die wiedergefundenden Diamanten wegen.

Das Wirtshaus von Terracina, Zerlines Schlafzimmer und im dritten Akt eine Landschaft sind ebenso nüchterne wie mediterran helle Räume (Bühne: Laurent Peduzzi). Mit leichter Hand und ohne Prätentionen erzählt Jérome Deschamps. Die komödiantischen Elemente sind lustig, mehr wollen sie nicht sein. Es treten auf: Lorenzo, dem Ehrgeiz, Verliebtsein und Eifersucht aus den Knopflöchern seiner Uniform platzen (schön, doch etwas schwach: Antonio Figueroa). Zerline (Sumi Jo) ist ganz das fragile Frauengeschöpf des 19. Jahrhunderts. Jo wird im zweiten Akt ein hinreißendes Koloraturenfeuerwerk abfackeln, das seinen langen Szenenapplaus rechtfertigt. Mit Kenneth Tarver ist die Titelrolle ausnehmend gut besetzt: Fra Diavolo tritt als vornehmer Marquis de San Marco auf. Eine elegante Hülle, in der gefährliche kriminelle Energie lauert. Tarver singt seine Partie mit langem Atem, samtweich und - wo sich der wahre Bandit offenbart - mit mächtigem Grollen.

Das Amüsement stellt sich hauptsächlich über das Spiel der Personen ein. Ihr Singen, wortspielerisch und virtuos, und ihre Mimik sind ganz im Dienst der Komödie. Köstlich auch das Britenpaar Cockburn: Steifheit und Triebunterdrückung, englische Aussprache und die obligate Karo-Kleidung (Kostüme: Thibaut Welchlin) werden bei ihm (Marc Molomot) von einem zitronensauren Gesicht begleitet, während sie (Doris Lamprecht) beständig über etwas "shocked" ist.
Wo es zu lang zu werden droht, greift Deschamps in die Trickkiste leichter Absurdität. Aus dem Eselskopf an der Wand fließt Wasser für die Blumen. Der Chor der Bauernmädchen rollt auf dem Fliessband vorbei. Und Fra Diavolos Helfer Giacomo und Beppo treten stets im Weinfass auf. Beckett lässt grüssen.

Das von Jérémie Rhorer geleitete Orchester Le Cercle de l'Harmonie spielte auf historischen Instrumenten. Aubers eingängige Melodik, das Rasen der Komödienbegleitungssechzehntel waren hier eine Daueranregung in kitzligem Staccato. Der trockene Klang des Orchesters liess eine feine dynamische und an Mittelstimmen reiche Zeichnung zu. Enger Kontakt zu den Sängern.

Auber und sein Librettist Eugène Scribe muteten mit ihrem Erfolgsstück dem Publikum keine Überbeanspruchung zu. Und doch: Auch heute fühlt man sich dabei nicht unterfordert. Musik, Gesang, Regie waren in der Pariser Aufführung ganz der großen, leichten Freude verpflichtet, einer vielleicht typisch französische Kunst.

Benjamin Herzog

www.opera-comique.com