Antikes Ruhrgebiet

Preziosilla (Katrin Wundsam), Chor der Oper Köln Foto: Paul Leclaire

Giuseppe Verdis "La Forza del destino" eröffnet die Opernsaison in Köln

(Köln, 18. September 2012) "Achten Sie einfach einmal darauf, wie oft das Wort "Schicksal" im Libretto vorkommt", gibt Georg Kehren, Chefrdramaturg an der Oper Köln, den Zuhörern mit auf den Weg. Einige 30 haben seiner Kurzeinführung gelauscht, im großzügigen Foyer mit Barbetrieb oberhalb einer steilen Treppe und treten jetzt ins Hauptzelt ein. Ins "Gaudi-Zelt" wie der blaue Ballon vor dem Kölner Bahnhof immer noch heißt. Für ein floppendes Musical namens "Gaudi"1986 dahin gestellt, hat sich das Provisorium allen Widrigkeiten zum Trotz bis auf den heutigen Tag gehalten. Seit letzter Spielzeit ist die "Oper am Dom" eine der Ausweichspielstätten der Kölner Oper. Hier wurde die diesjährige Saison mit Giuseppe Verdis Schicksalsoper eröffnet. Und Regisseur Olivier Py dreht in seiner Inszenierung mächtig am Rad. Vier Schicksalsräder drehten sich vor schwarz grauer Kulisse, von denjenigen in Schwung gehalten, die unnachgiebig auf ihrem Recht beharren und Hass schüren, statt aufeinander zuzugehen. Noch nicht allzu lange ist es her, dass ein hässliches, medial zelebriertes Hin- und Her- Manövern zwischen Kulturdezernent und Opernintendant dazu geführt hat, dass der Intendant seinen Hut nehmen musste. Uwe Eric Laufenbergs Stellvertreterin und Chefdramaturgin Brigit Meyer ist nachgerückt. Aber auch in der zweiten Vorstellung fällt nicht sie auf, sondern Laufenberg, der Bekannte begrüßt und sich in einen roten Ledersessel wirft. Diese Produktion ist ja auch noch seine. Und dass sie mit einer"Addio"-Arie beginnt und auch mit einer Abschiedsarie endet, ist da fast schon self fulfilling prophecy!

Schwarz-grau sind - wie schon gesagt - die Farben der Inszenierung und des Bühnenbildes von Pierre-André Weitz. Im Hintergrund eine Art Industrielandschaft (die spanische, beziehungsweise italienische Provinz als Handlungsorte hat antiken Ruhrgebietscharakter!) mit grauen Wolken, Telegrafenmasten und Blitzen durchzogen. Alles ist schwarzer Stein: die Treppe, eine Wand dahinter, die sich schließt, dann wieder öffnet und den Blick auf hineingeschobene schwarze Häuserkulissen freigibt. Sie sehen wie ausgebrannt aus und lassen die Welt dieser Oper in permanenter Bewegung rotieren. Mal deuten sie den Unterschlupf der Maultiertreiber an, die in grauen Anzügen und Hüten eher aussehen wie Händler oder Geldeintreiber, ihr Chef Trabuco fordert das Publikum mit vorgehaltenem Hut auch zum Spenden auf. Dann sind sie die Kasernen einer haltlosen Soldateska, die zum Zeitvertreib spielt und hurt. Ein Lazarett für die Verwundeten der Schlacht (Verdi hat wohl auf den ersten italienischen Unabhängigkeitskrieg angespielt, denn es wird mehrmals "nieder mit den Deutschen" skandiert!). Oder sie bilden die dunklen Mauern des Franziskanerklosters, das Leonora Schutz gewährt auf der Flucht vor ihrem rachsüchtigen Bruder. Die Treppe öffnet sich und gibt den Weg in die Höhle der Einsiedelei frei. In der ersten Familienszene ist der tödliche Schuss aus der Waffe des Geliebten Alvaros gefallen, die den Marchese di Calatrava niederstreckt, vor den Augen seiner Tochter Leonora, die mit Alvaro durchbrennen wollte und jetzt mit ihm auf der Flucht ist. Sie verlieren sich. Jeder sucht den anderen und läuft in sein Verderben. Der Bruder Leonoras wird am Ende zum Ehrenmörder an seiner Schwester. In der Nachbearbeitung der in Sankt Petersburg uraufgeführten Partitur, fügt Verdi einen versöhnlicheren Schluss ein. Alvaro bringt sich am Schluss der Mailänder Zweitfassung nicht mehr um, sondern wird von der sterbenden Leonora getröstet und aufgefordert, sich Gott anzuvertrauen. Eine etwas zu sehr rührender Schluss, vielleicht. Denn Verdi setzt sich in seiner 23. Oper mit harten Tatbeständen wie Krieg und Gewalt, Familienehre und Standesdünkel auseinander - Alvaro ist ein lateinamerikanischer Mestize -, was zu unerbittlicher Rache und Mordlust führt und den Keim zum Rassenhass mit beinhaltet.

Es gibt in diesem Verdischen Ideendrama eigentlich nur Verlierer, auch wenn komische Gestalten die Leidszenerien aufmischen. Die gewissenlose, dennoch sympathische Marketänderin Preziosilla, zum Beispiel. Eine Rothaarige in Strapsenmieder, mit Epauletten am Mantel und Grenadiershut auf der Mähne - die als einzige Farbe ins Spiel bringt. Lasziv in Szene gesetzt mit einer nicht lauten aber beweglich agilen und anregend schön zeichnenden Stimme wird diese Kriegsdomina von Katrin Wundsam verkörpert. Sie heizt nicht nur den Soldaten ein. Sie begleitet in ihrem berühmten Rataplan-Song eine Lynchjustiz im Schussrhythmus der Todessalven und zeigt einem Kindersoldaten, wie man eine MG anlegt. Auch Patrick Carfizzi als komischer Fra Melitone, kommt in diesem dritten Akt zum Zug. Mit einem Strohbesen und kernigem Brustton versucht er die barbusigen Soldatenbräute auszukehren. Im letzten Akt wird er von hungernden Frauen umlagert. Musikalisch ist dieser Opernabend mit der sogenannten Zweitbesetzung ein Hochgenuss. Maria José Siri ist von der ersten Minute an eine stimmlich umwerfende Leonora. Mit Schmelz und Volumen rührt, erschreckt oder verzweifelt sie und liefert belcantistische Messa di voce- Bögen vom Feinsten. Nachdem sie im dritten komplett von der Bildfläche verschwunden ist, schwächelt die Intonation im piano-Bereich nur ein ganz klein wenig im vierten und letzten Akt. Vsevelod Grivnov als Alvaro ist ihr, wenn auch nicht so stimmgewaltig, ein ebenbürtiger Partner, der nicht nur mit Brustkraft, sondern auch mit Kopf gestaltet, und seine Linie commosso gegen den auch in der Stimme bewusst harsch auftretenden Dimitris Tiliakos als Don Carlo di Varga, Leonoras Bruder, behauptet. Der Chor (Einstudierung Andrew Ollivant) singt und agiert auf den Punkt. Vor allem der Männerchor der Pilger oder die Mönche, die auch viel religiöses Pathos mit einbringen dürfen.

Die Musik kam in der Regie von Olivier Py voll und ganz zu ihrem Recht. Der gefeierte französische Regisseur, der mit dieser Inszenierung sein Kölner Debüt gegeben hat, hat nichts verkehrt gemacht. Auch wenn Regiekniffe wie Herumgeisternde Tote als Alptraumbilder, ein Mönch, der unter seiner Kutte Soldatenstiefel trägt und Engelsflügel angehängt bekommt oder das von Preziosilla gedrehte Diorama, das während der Ouvertüre auf die Bühne die Schattenskyline eines ausgebombten Kölns unter Flugzeugbeschuss wirft, hat nicht wirklich neue Einsichten gebracht. Auch nicht der auf weißen Laken mit Blutroten Lettern geschriebene Liturgietext vom Agnus dei, den die Mönche vor der Predigt ihres Padres hochhalten. Oder das Wort "Pace", das während Leonoras berühmter Friedensarie aus einem Fenster hängt. Um so furioser brachte sich das Gürzenichorchester unter Will Humburg ein und ließ an diesem Abend keine Zweifel zu. Dass diese Ausstellung nicht ausverkauft war, ist im Nachhinein wirklich schade.

Sabine Weber


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