Calixto Bieito inszeniert in Stuttgart Wagners "Fliegenden Holländer" als Survival-Training
(Stuttgart, 25. Januar 2008) Zweimal hat der katalanische Regisseur Calixto Bieito in den letzten 12 Monaten schon in Stuttgart inszeniert: eine aufregende, dem Stück angemessen brutale, aber auch höchst intensive "Jenufa" und ein überbordendes "La fanciulla del West" von Puccini.
Nun lässt er es in der Metropole Baden-Württembergs erneut krachen: "Der fliegenden Holländer" geistert bei ihm durch durch eine Managerwelt: Männer in Anzug und Krawatte werden auf Survival-Tour im roten Schlauchboot von einem Animateur in Weiß - dem Steuermann - buchstäblich auf die Bühne (Susanne Gschwender, Rebecca Ringst) gepeitscht - einen auf Sand gebauten, metallverkleideten Bunker, in dem herabtropfendes Wasser große Lachen bildet; dazu flimmern über die Rückwand auf Englisch Parolen zur Optimierung der Arbeitskraft.
Später sitzen blonde Manager-Gattinnen nicht hinter Spinnrädern, sondern schminken sich choreographisch perfekt im Einklang, nebeln sich mit Haarspray ein und parfümieren sich, bevor sie angesichts der heimgekehrten Männer in hysterisches Kreischen verfallen. Diese Exzesse übertrifft nur eine kollektive "Schreitherapie" am Ende, wenn alle ihrem eigenen dunklen Seelenabgrund statt einem Geisterschiff begegnen, unter Stroboskopgewitter ausrasten und in wilde Zuckungen verfallen.
Eine steht quer zu dieser kranken Welt und wird schon in der Ouvertüre hinter einer Milchglaswand, auf die sie "Rette mich!" schreibt, von Männern bedrängt und geohrfeigt. Sie verweigert die wasserstoffblonden Perücken der anderen uniformen Mädels, und trägt provozierendes Rot. Aus dem Bild des Holländers, das ihre Fantasie zum Leben erweckt, ist ein kleines Medaillon geworden, der seit Unzeiten über die Meere Getriebene aber ist ebenso Banker wie alle Männer; nur Erik, dem Senta versprochen ist, ist der Loser, der es noch nicht mal zum Büroangestellten geschafft hat. In der hier gespielten Urfassung von 1841 heißt er noch Georg.