Bernhard Haitink dirigiert "Fidelio" in Zürich - fulminant. Das hilft über Katharina Thalbachs handzahme Inszenierung hinweg
(Zürich, 5. Oktober 2008) Viel geredet wurde schon über Bernhard Haitinks Beschäftigung mit Beethoven in diesem Jahr. Ein Zyklus beim Lucerne Festival mit dem Chamber Orchestra of Europe und eine neue Gesamtaufnahme der Sinfonien mit dem London Symphony Orchestra.
Und jetzt dirigierte er in der Zürcher Oper einen herausragenden "Fidelio". Mit drei Elementen in der Ouvertüre, einem punktierten Geigenmotiv, einer Generalpause und einem fallenden Hornintervall, schufen Haitink und das exzellent motivierte Opernhausorchester eine dramatische Spannung, die über den Abend hielt und im jubelnden Schlusschor eine so folgerichtige wie im Wortsinn befreiende Wirkung entfaltete.
Dieser "Fidelio" erschäpfte sich aber nicht nur im dramatisch Spannenden, etwa im grollenden Klang der Kontrabässe zu den Auftritten Pizarros. Haitink ließ auch das helle Licht der Klassik leuchten. Die Überzeugungskraft von Einfachheit, Geradlinigkeit und Offenheit entsprachen musikalisch dem Imperativ zur Güte, dessen Loblied Beethoven im "Fidelio" anstimmt. Transparenz und eine Detailarbeit im dynamischen Relief, in der frischen Agogik überzeugten vollends. Die Koordination Orchester-Bühne indes nicht immer.
In der zwischen Kerkerszene und Schlussbild gespielten Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 verdichteten sich Spannung und Klassizität, vereinten sich vor dem staunenden Gehör. Etwa in der unerwarteten Spannung simpler Harmoniewechsel in den Streichern. Das war, ganz ohne Szene, der musikalische Höhepunkt des Abends.
Melanie Diener als rollendebütierende(r) Fidelio/Leonore hatte ihre schönen Momente, aber auch eine schwankende Stütze und, damit verbunden, Intonationsprobleme. Alfred Muffs Rocco überragte das Ensemble mit seiner klaren Bass-Sonorität - eine textverständliche und passgenaue Ensemblestimme, die mit den Anfordernissen des Hauses geradezu vermählt zu sein scheint. Roberto Sacca lieferte einen erstaunlich kerngesunden Florestan, Lucio Gallo einen böse blitzenden Don Fernando: das Rollenklischee.
Die Schauspielerin und Regisseurin Katharina Thalbach hatte sich 2006 in Zürich mit einem verspielten "Schlauen Füchslein" präsentiert. Ihren feinen Witz konnte man auch in Basel sehen, wo sie 2002 ein durchdachtes Operettendebüt gab mit "Orpheus in der Unterwelt". Halbfertig dagegen wirkt der Zürcher "Fidelio".
Mitfühlend zeigt Thalbach die Unmenschlichkeit des Gefangenendaseins, wenn der Chor, in schwefelgelben Kleidern hinter Gitterstäben zusammengepfercht wird (Ausstattung: Ezio Toffolutti). Florestans Fetzenkostüm jedoch ist zuviel des Guten. Don Fernando hat als Mafiaboss das Unheil zu verantworten, weitere Anspielungen in diese durchaus sinnvolle dramaturgische Richtung jedoch bleiben aus.
Toffoluttis Bühnenbilder, ein staubgrauer Gefängnishof und im zweiten Akt ein von Treppen durchzogenes Verlies, orientieren sich an den Architektur-Fantasien des Barockkünstlers Piranesi, ohne dabei den illusionistischen Alptraum einer Welt als Gefängnis wiedergeben zu können. Da hilft es auch nicht, wenn Schlösser und Ketten über Lautsprecher zum Knacken und Rasseln gebracht werden. Auch hier: Halbfertiges. Eine Bühne, wie aus dem Fundus der 50er-Jahre.
Am besten gelungen ist Thalbach die persönlich-menschliche Seite dieser Oper. Sie hat Fidelio/Leonore gezeichnet als mutige Frau, die in mitfühlender Gattenliebe die Gefangenen nach Florestan absucht. Dabei erkennt sie zugleich deren eigenes Schicksal. Das ist gut erkannt. Mit einem Bild aber vermag das die Idee einer ins Universelle gehenden Menschenliebe nicht wirklich zu tragen.
"Fidelio" ist auch eine Revolutionsoper, das hat Thalbach nicht vergessen. Den in einem Sack steckenden Kopf des erschossenen Don Pizarro spielen sich die befreiten Gefangenen in der Schlussszene freudig zu. Und zeigen mit dem überraschend brutalen Bild die Bruchstückhaftigkeit der Inszenierung noch einmal ganz deutlich.
Buhs für die Regisseurin, Applaus für Haitink. Ein zerrissener Abend.
Benjamin Herzog