Salzburg
Die Festspielrede der diesjährigen Salzburger Festspiele hielt der Schweizer Germanist Peter von Matt. Dabei redete Matt auch den Reichen und Mächtigen unter den Festspielgästen mal so richtig ins Gewissen. Unzählige Werke von betäubender Schönheit, so Matt, seien nur entstanden, um prahlerischen Herrschern die Illusion von Unsterblichkeit zu verschaffen. Heute habe die Finanzindustrie die Aristokratie abgelöst. Da werden die anwesenden Banker aber ganz schön zusammengezuckt und in ihren Sesseln vor Scham versunken sein, und der Autozampano Piech und seine Milliardärsspezln gleich mit. Vielleicht kamen sie aber auch erst zur "Zauberflöte". Erstaunlich, dass ein solcher Erzrevolutionär wie von Matt nicht schon im Vorfeld der Festspiele aussortiert worden ist...
A propos Autos. Eine Autofirma aus Ingolstadt schießt in diesem Sommer in Salzburg mal wieder den Vogel in Sachen Markenpenetranz ab. Nicht nur, dass sie die Altstadtgassen mit ihren Vip-Limos wie eh und je verstopft. Das Firmenlogo muss auch noch meterhoch nachts auf der Fassade des über der Stadt gelegenen Museums der Moderne leuchten - wie ein zweiter Mond über Salzburg. Salzburg leidet unter Sponsoritis - occupy Salzburg, die Firmenimperien schlagen zurück.
A propos stinkende Autos. Da wollten die Stadtoberen Salzburgs ihren als Rußfilter missbrauchten Fußgängern und Radfahrern mal etwas Gutes tun und haben in einigen Straßen für ein paar Stunden ein Durchfahrverbot verhängt - für ein paar Stunden! Das Verbot gilt auch nicht am Wochenende, wenn die Stadt im Abgsasmief der Touristenbusse und Autos der Provinzler, die in die "Großstadt" einfallen, zu ersticken droht. Trotzdem sind die Straßensperrungen der große Aufreger im kleinen Salzburg. Oder haben vielleicht hier auch die Ingolstädter ihre Finger mit im Spiel?
Jedenfalls hängen auf den Toiletten der Gaststätten in Salzburg momentan Plakate, auf denen man sich bei den Besuchern dafür bedankt, dass sie trotz der schlimmen Straßensperren den Weg in die Toiletten, resp. in die Lokale gefunden haben.
Und in einer Salzburger Zeitung haben die ausgezehrten Restaurant- und Ladenbesitzer sogar schon mal eine Todesanzeige geschaltet: "In der Blüte ihres Lebens nach langem schweren Leiden unter Ausgrenzung, Verhinderung und Sperren verblichen: Altstadt Salzburg. Die Hinterbliebenen: Kaufleute, Gastronomen..."
Salzburg wird also untergehen. Soviel ist klar. Da trifft es sich gut, dass auch Österreich als Ganzes kurz vor dem Untergang steht. Die Alpenrepublik drohe gerade in einem Abgrund an illegaler Parteienfinanzierung und Korruption zu versinken, heißt es. Natürlich ist das nicht der erste Abgrund dieser Art in Österreich, aber er hat schon eine beachtliche Größe, und er wird womöglich noch größer. Es geht um die Pleitebank Hypo Alpe Adria, die die schlaue Regierung von Bayern einst für viel Geld gekauft hat. Dann war der Laden plötzlich bankrott und wurde für einen Euro wieder an Österreich zurückverkauft. Beim Verkauf an die Bayern hatten die (österreichischen) Politiker auch gleich noch die Kassen ihrer Parteien üppig befüllt. Trotz des Skandals stellen die "Salzburger Nachrichten" tröstend fest: "Noch ist die Republik nicht verloren". Das ist tröstlich und bedeutet: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst. Alles wie gehabt, kein Grund zur Sorge. Tu felix Austria - dir geht es nie wirklich schlecht, weil du immer unernst bleibst.
Wie erfreulich unernst die Lage ist, erfahren wir in der gleichen Zeitung ein paar Seiten weiter. Da freut sich der Chef vom Hotel Fuschl, dass seine Suite für etwas mehr als 4000 Euro pro Nacht "gut gebucht" ist und ein anderer Hotelchef berichtet davon, wie er die Dusche in einem Zimmer erweitern lassen mußte, weil eine sehr füllige Sängerin einfach nicht hineinpassen wollte. Das war erst richtig unernst.
Erfreuen kann man sich auch an einem Ausspruch Glorias von Thurn und Taxis, den ein Salzburger Hochglanzbildermagazin auf der Titelseite zitiert: Salzburg sei für sie der "musikalische und kulturelle Höhepunkt des Jahres". Jetzt darf die Menschheit rätseln, worunter die gloriose Fürstin eigentlich die Musik subsummiert, wenn schon nicht unter Kultur. Vielleicht unter akustische Tischdekoration? Oder bezieht sich die Aufspaltung der beiden Begriffe auf ihr eigenes Festival in Regensburg, wo es zwar Musik gibt, aber tatsächlich kaum Kultur? Insofern ist die Unterscheidung wohl doch berechtigt und die Erkenntnis für Gloria nicht unerheblich, dass es in Salzburg Musik und Kultur gibt.
Bayreuth
Ohne mindestens einen Aufreger pro Saison geht es auch in Bayreuth nicht ab. Der Aufreger war zunächst die Provinzschelte Katharina Wagners im "Spiegel". Sie verfluche ihren Urgroßvater jeden Tag dafür, dass er sein Theater in Bayreuth erbaut habe, war da zu lesen. Das fanden die Bayreuther selbstredend gar nicht lustig und beschimpften die Intendantin ihrerseits aufs Heftigste. Eine Frechheit sei das und ob sie jetzt total übergeschnappt sei, fragte man.
Eigentlich ging es in dem Interview im Kern um die schlechte Erreichbarkeit Bayreuths, und der "Spiegel" hatte ihr die Frage so gestellt, dass Katharina Wagner darauf nur flapsig antworten konnte. Die Aufregung bestätigte dann nur den Bayreuther Provinzialismus.
Dann kam die Geschichte mit dem ehemaligen Hakenkreuz auf der Brust des Sängers Evgeny Nikitin. Hätte es das Fernsehporträt mit der alten Videoaufnahme des mit nacktem Oberkörper Schlagzeug spielenden Sängers nicht gegeben, Nikitin würde vermutlich jetzt noch als Holländer in Bayreuth auf der Bühne stehen. Natürlich war der Rückzug Nikitins traurig für alle Beteiligten - nach sechs Wochen gemeinsamer Probenarbeit! Und das Tattoo war ja auch gar nicht mehr als Hakenkreuz erkennbar, weil überstochen. Trotzdem war die Entscheidung, unter diesen Umständen hier nicht aufzutreten, richtig. Wie könnte es das ehemalige Haus- und Hoftheater Hitlers rechtfertigen, einen Sänger auftreten zu lassen, der Nazi-Symbole als Körperschmuck benutzt (hat)?
Deshalb ist auch Herrn Bachlers (Intendant der Bayer. Staatsoper in München) Wortmeldung, die Entscheidung sei heuchlerisch, reichlich deplatziert und vorlautes Geschwätz. Will sich hier jemand schon mal für die Bayreuth-Nachfolge ins Spiel bringen? Auf diesen pompösen Zirkusdirektor hat Bayreuth gerade noch gewartet.
Die Bayreuther Festspielleitung hat in der Sache Nikitin richtig gehandelt, und zwar schnell und entschlossen - unabhängig davon, was in der Vergangenheit in Sachen Geschichtsaufarbeitung versäumt wurde und z.T. noch immer versäumt wird.
A propos Geschichtsaufarbeitung. Im Park vor dem Festspielhaus ist in diesem Sommer die Ausstellung "Verstummte Stimmen" zu sehen. Eine Dokumentation über die während der Nazizeit auf dem Grünen Hügel "aussortierten" Sänger und Musiker. Eine hervorragende Ausstellung, die einmal mehr den Wahnsinn und die Absurdität des Naziregimes deutlich werden läßt. Nicht nur Juden wurde von einem Tag auf den anderen der Zutritt zum Festspielhaus verwehrt, auch nicht-jüdische Musiker konnten nach Belieben vom Musikleben ausgeschlossen werden, wenn den Nazis ihre Haltung nicht paßte. Wie etwa bei dem Dirigenten Fritz Busch oder bei Felix Weingartner, der als Assistent Ende des 19. Jh. nach Bayreuth kam und schon bald von Cosima als Jude gebrandmarkt wurde, obwohl er es gar nicht war. Damit war eine Karriere in Deutschland so gut wie unmöglich. Er starb 1940 in der Schweiz, wo er das Basler Sinfonieorchester geleitet hatte.
53 Schicksale von Musikern und Sängern haben die Ausstellungsmacher Hannes Heer, Peter Schmidt und Jürgen Kesting für Bayreuth recherchiert und dokumentiert. Mit der Vertreibung vom Grünen Hügel waren diese Künstler auch im übrigen Deutschland praktisch ohne Auftrittsmöglichkeiten. Die meisten haben Deutschland daher verlassen. Manchen war es auch nicht möglich, ins Ausland zu fliehen, zwölf der ausfindig gemachten Musiker oder Sänger wurden deportiert und ermordet. Auf 28 Stellwänden sind ihre Lebensläufe aufgelistet - ein paar Schritte unterhalb des Festspielhauses, ironischerweise unmittelbar neben der monumentalen Wagner-Skulptur des Nazi-Bildhauers Arno Breker!
Auch schon vor 1933 wurden jüdische Musiker und Künstler diffamiert und Stimmung gegen sie gemacht. So forderten Richard und Cosima Wagner z.B. den Uraufführungsdirigenten des "Parsifal", Hermann Levi, wiederholt auf, sich taufen zu lassen und setzten den armen Dirigenten damit gehörig unter Druck - dem er sich aber letztlich doch nicht beugte. 1888, fünf Jahre nach Wagners Tod, freute sich Cosima, dass es ihr gelungen war, die erste "judenfreie" Operninszenierung ermöglicht zu haben!
Die Leitung der Festspiele ist übrigens nicht in die Ausstellung involviert. Die Dokumentation wurde unabhängig von den Festspielen geplant und finanziert (durch die Stadt Bayreuth, die Richard-Wagner-Stiftung und die Springer Stiftung). Ähnliche Ausstellungen gab es zuvor schon in Hamburg und in Berlin. Dort waren die "Verstummten Stimmen" mit den Biografien der jeweils vor Ort tätigen Sänger und Musiker zu sehen.
Den einzelnen Lebensläufen sind erhellende Einführungstexte vorangestellt, die die Rolle des Antisemitismus im Hause Wagner deutlich machen. Hier wird endlich aufgeräumt mit dem Märchen, Wagner sei von den Nazis missbraucht worden. Oder wie es einst der Musikkritiker Joachim Kaiser einmal so schön ausdrückte, Wagner sei schließlich nicht Mitglied der NSDAP gewesen. Von solch dümmlichen Versuchen, das Werk Wagners von den Folgen seines verheerenden und aggressiven Antisemitismus "reinzuwaschen", will die Bayreuther Dokumentation erfreulicherweise nichts wissen. Zu recht benennen die Autoren deshalb Wagner und seine Gefolgschaft im Geiste, Cosima, sein Schwiegersohn Chamberlain, sein Sohn Siegfried und dessen Ehefrau Winifred Wagner als rassistische Täter, nicht als Opfer. All diese Personen haben enorm viel dazu beigetragen, den Antisemitismus in Deutschland salonfähig zu machen und damit Hitler den Boden bereitet. Immerhin ist diese Erkenntnis nun auch bis zum Festspielbezirk vorgedrungen, wo sich in den vergangenen Jahrzehnten gerade jene Wagner-Exegeten tummelten, die meinten, Wagner vor sich selbst in Schutz nehmen zu müssen.
Viel zu lange und viel zu oft wurde von Wagner-Forschern der durchaus erfolgreiche Versuch unternommen, diese Verantwortung zu verwässern und herunterzuspielen. Schlimm genug, dass "Wissenschaftler" damit erfolgreich sein konnten.
Da wirft es natürlich kein gutes Licht auf die gegenwärtige Festspielleitung, dass sie es nicht für nötig hielt, zur Eröffnung der Ausstellung zu erscheinen. Auch wenn die Halbschwestern immerhin einen Text zum Verlesen schickten, in dem sie der Ausstellung einen hohen Stellenwert zusprachen und ihre Betroffenheit über die "gewaltsam zerbrochenen Lebensläufe" ausdrückten, es ist ein Fauxpas, der gegen das Verantwortungsbewußtsein beider Intendantinnen spricht.
Die beiden Wagner-Schwestern täten gut daran, sich einmal öffentlich zu dem Thema zu äußern und endlich alle Dokumente freizugeben. Bislang ist die versprochene Offenheit nur ein Lippenbekenntnis. Es müssen endlich Taten folgen! Es steht zu vermuten, dass hier noch ein paar Leichen im Keller liegen - warum sonst sollte so lange und so entschieden darüber geschwiegen worden sein? Die Öffentlichkeit, nicht nur die kritische, hat ein Anrecht darauf, diese Dokumente zu kennen.
Robert Jungwirth
Bis zum 14. Oktober ist die Bayreuther Dokumentation zu sehen und jedem Bayreuth-Besucher dringend zu empfehlen.