Anpassung, Protest und Transzendenz

Zwei Festivals beschäftigten sich mit aktueller geistlicher und spiritueller Musik - in St. Petersburg und in Köln

(St. Petersburg, 18., 19. April) Kirchenmusikalische Traditionen in der Neuen Musik - in der vergangenen Woche war das Thema eines Kompositionswettbewerbs in Sankt Petersburg und Thema beim Forum neuer Musik in Köln. Die Koinzidenz war Zufall. Die Zielsetzungen auch völlig entgegen gesetzt. Doch der Vergleich beider Veranstaltungen reizt. Beim ersten Internationalen Sankt Romanos Melodos Wettbewerb in Petersburg waren Komponisten aufgefordert, neue russisch-orthodoxe Chormusik zu schreiben. 11 prämierte Werke wurden in zwei festlichen Galakonzerten präsentiert. In Köln öffnete das Forum neuer Musik im Deutschlandfunk seine Tore. Unter dem Titel Komponieren als Dialog mit Gott wurde nach kirchenmusikalischen Bezügen in Neuer Musik gefahndet und über religiöse Haltungen beim Komponieren nachgedacht. Komponisten kamen in Podiumsdiskussionen zu Wort. Das Festival lud über drei Tage ebenfalls zu zahlreichen Uraufführungen.

Um ästhetische Ansätze oder Standortbestimmungen ging es in Sankt Petersburg nicht. Obwohl sich das noch junge, 2007 gegründete Chorfestival auf die Fahnen geschrieben hat, auch die Tradition der kirchlich-orthodoxer Chormusik aufleben zu lassen. In der Sowjetzeit waren Kirchen tabu, der Atheismus zur Staatsreligion erklärt, was ein großes Loch in der kirchenmusikalischen Praxis gerissen hat. Insofern ist die Initiative, im Rahmen des Chorfestivals einen Kompositionswettbewerb ins Leben zu rufen, gar nicht hoch genug einzuschätzen. Der erste Sankt Romanos Melodos Kompositionswettbewerb wurde vor zwei Jahren international ausgeschrieben. Aus Bulgarien, Serbien, Frankreich, Estland, der Ukraine, den USA wurden Partituren eingesandt - auch ein deutscher Bewerber war dabei.
Benannt ist der Wettbewerb übrigens nach einem byzantinischen Hymnographen und Heiligen aus dem 6. nachchristlichen Jahrhundert. Kanonisierte Kirchentexte in kirchenslawisch oder Liturgietexte wie die sogenannte göttliche Liturgie sollten die Vorlagen für ein großes 40 minütiges Werk liefern. In der Kategorie der maximal 7 Minuten dauernden Miniatur genügten paraliturgische Texte, Psalmen oder Gebete, aber auch Gedichte russischer Dichter.

Die Ergebnisse in den beiden Kategorien, in zwei Konzerten am 18. und 19. April in der Petersburger Philharmonie vorgestellt, machten deutlich, dass es nicht um eine Auseinandersetzung mit den musikalischen Quellen und die Wiederbelebung einer seit dem Mittelalter nachweislich kirchengebundene Gesangspraxis ging und schon gar nicht um eine diskursive Avantgardemusik. Das Traditionsverständnis der auswählenden Jury endete im 19. Jahrhundert. In dieser Zeit hatten Peter Tschaikowsky und Sergej Rachmaninov Vorlagen geliefert und orthodoxe Liturgien für gemischte Chöre romantisch aufbereitet. Dieser Tradition schienen die neuen Chorwerke verpflichtet. Denn der ursprüngliche, aus der byzantinischen Tradition gespeiste orthodoxe liturgische Textgesang oblag nur männlichen Stimmen. Die 11 ausgezeichneten Werke hatten durchaus kontemplativen Charakter. Aber harmonisch blieb alles harmlos. Quint- und Quartverschiebungen sorgten hier und da für archaisiert angeraute Augenblicke. Die kürzeren Stücke klangen teilweise nach Orffschem Schulwerk. Ein Chormarsch erinnerte sogar an ein Pionierlied aus der Sowjetzeit. In einer etwa dreiminütigen Vertonung über Verse von Iwan Aksakov gab es zwar ein paar unaufgelöste Dissonanzen. Eine russische Avantgardeszene war in diesem Wettbewerb aber nicht präsent. Es seien auch atonale und progressive Partituren unter den immerhin fast 300 Einsendungen gewesen. Die hätten sich aber nicht bei der Jury durchsetzen können, hieß es. Die Chöre des Petersburger Marinskijtheaters und des Mikhailowskitheaters sowie ein Jugendchor präsentierten die Auswahl mit enormer Klangkultur, Homogenität in den Stimmen und "schwarzen" Bässen, die man bei uns suchen müsste. Die Konzerte in der großen Philharmonie verbreiteten durchaus eine spirituelle Atmosphäre. Das Bedürfnis danach ist groß. Und ein Publikum für eine anders geartete musikalische Auseinandersetzung war wohl auch nicht vorauszusetzen. Anzunehmen ist, dass die Schirmherren dieses Kompositionswettbewerbs, Vladimir Putin und der Patriarch Cyrill von Moskau, auch nichts anderes wünschen.

Forum Neue Musik

Archaeus Ensemble Foto: T. Kujawinski


(Köln 20. - 22. April) Dass es eine Auseinandersetzung mit östlichen, orthodoxen Gesangstraditionen in der Neuen Musik durchaus gibt, war in Köln beim Forum neuer Musik zu erleben. Im Abschlusskonzert dieses drei Tage dauernden Festivals verband der rumänische Komponist Nicolae Theodoreanu orthodoxen Liturgiegesang mit Avantgardemusik. Für sein Stück Varis-Variationen von 2007 waren das rumänische Avantgarde Ensemble Archaeus und der Kantor und Vorsänger der Bukarester Patriarchatskathedrale. Mihail Buca, angereist. Instrumentalkläge (Oboe, Klarinette, Fagott, Violine, Violoncello, Klavier und Schlagwerke) umspielten die durch mikrotonale Schlenker verzierten kehligen und dennoch sanft intonierten Melodien des Vorsägers. Gemeinsam füllten sie den Sendesaal des Deutschlandfunks mit gedehnten Klangbidern, durch verschiedene, in der byzantinischen Tradition benutzte Modi hindurch. Theodoreanus Auseinandersetzung mit der orthodoxen Gesangspraxis hat einen biografischen Bezug. Sein Großvater ist Priester gewesen und hat ihn immer in den Gottesdienst mitgenommen, bis er verhaftet worden ist. Seine Musik verstehe Theodoreanu deshalb durchaus als politisch-kulturelle Aussage. In Rumänien seien die Lücken, die das kommunistische Regime in die Musikkultur gerissen habe, überwunden - anders als in Russland. Es sei ohne weiteres möglich, religiöse Inhalte mit Avantgardemusik zu verbinden. Und wie sich der rumänisch-orthodoxe Liturgiegesang anfühlt, führte Mihail Buca mit fünf seiner ebenfalls aus Bukarest eingeflogenen Chorsänger auch vor. Zwei rumänisch-orthodoxe Gesänge aus der Karwoche und Ostern verrieten eine intime, verinnerlichte Klangästhetik - der Vorsänger singt die Worte, das Ensemble begleitet summend oder im unisono - ein Pendant zu den von jeglicher Prachtentfaltung ausgenommenen Sakralbauten der rumänisch-orthodoxen Kirche. Hier rufen auch nicht nur die Glocken zum Gebet. Auf einem Holzbrett, der Toaca, werden die Kirchgänger mitunter rhythmisch begrüßt. Deren Klang- und Artikulationsmöglichkeiten vertraute der rumänische Komponist Dan Voiculesu in einem 1993 komponierten Solostück dem Solopercussionisten an. Das hervorragend eingespielte Archaeus-Ensemble nutzte das Forum zu einer faszinierenden Bestandsaufnahme der aktuellen Auseinandersetzung mit der religiösen Musik der Heimat. In "Silence is Ornament" spielte die junge rumänische Komponistin Diana Rotaru mit Trillern und für die Instrumente übertragene Ornamentik, die sich in leicht versetzten übereinander gelagerten Melodieteilen isorhythmisch auch menschliche Pfeiftöne integrierten. Dies war eins von drei vom Deutschlandfunk in Auftrag gegebenen Stücken allein in diesem Konzert.

Am Tag zuvor gab es zwei Uraufführungen. Georg Katzers "...ergo sum" entwickelte sich um einen rhythmisch durchschlagenden Tabla- Cantus firmus, der von einem bedrohlichen Posaunenchor zum Schweigen gebracht wird, wobei die Bassposaune den protestantischen Choral Der grimmig Tod mit seinem Pfad in der tiefsten Lage schmetterte. In Lisa Streichs "Grata" präsentierte ein erstaunlich junges Ensemble, das Ensemble 20/21 der Kölner Musikhochschule auch einen Bajanspieler. Den Knopfakkordeonisten ließ die junge schwedische Komponistin ungewöhnliche Glissandoeffekte ausführen. Die im Durchschnitt 23 Jahre alten Musiker waren von David Smeyers, Professor für Neue Kammermusik an der Kölner Musikhochschule, perfekt vorbereitet und bestens einstudiert worden. Diese Uraufführungen waren noch von weiteren, immer noch nach Avantgarde klingenden Stücken umrahmt, von Peter Maxwell Davies "Antichrist" und "Versalii Icones", von Simon Holst "Lilith" oder Samir Odeh-Tamimis "Jo-Nári", durch wild-lärmende Sufi-Erfahrungen seiner palästinensischen Kindheit in Israel angeregt. Daran schloss sich dann noch ein Nachtkonzert mit dem Kontrabassisten Matthias Bauer an - Solist einer Uraufführung und einer eindrucksvollen Improvisation bis kurz vor 24.00 Uhr.

Die drei Tage (und Nächte) waren nicht nur gefüllt mit Musik, sondern auch mit Podiumsdiskussionen, an denen Komponisten und auch der Theologe und Jesuit Friedhelm Mennekes (Gründer der Kunststation Sankt Peter in Köln) über Neue Musik und Religion als zwei verschiedene sprachliche Systeme mit ähnlicher Zielsetzung debattierten. Autonome Kunst mache sich auf die Transzendenzsuche (Charlotte Seither). Der Kompositionsprozess selbst sei etwas Geheimnisvolles. Und Musik im liturgischen Raum dürfe auch nie nur Dienerin des Wortes sein. Sie müsse mithelfen freizusetzen und Fragen aufwerfen, auf die es keine Antworten gibt. Kunst müsse befreien, und Neue Musik sei immer ein Aufbruch. Alle Konzerte hat der Deutschlandfunk (Redaktion Frank Kämpfer) mitgeschnitten, auch eine Gesprächsrunde ist aufgezeichnet worden und ist online nachzuhören. Ein wunderbar konzises Festival, das hinter seinem Motto, beziehungsweise seiner Überschrift tatsächlich eine ernsthafte Fragestellung verfolgte. Auf dass uns Festivals, wie dieses auch in Zukunft erhalten bleiben mögen!

Sabine Weber