(Köln 20. - 22. April) Dass es eine Auseinandersetzung mit östlichen, orthodoxen Gesangstraditionen in der Neuen Musik durchaus gibt, war in Köln beim Forum neuer Musik zu erleben. Im Abschlusskonzert dieses drei Tage dauernden Festivals verband der rumänische Komponist Nicolae Theodoreanu orthodoxen Liturgiegesang mit Avantgardemusik. Für sein Stück Varis-Variationen von 2007 waren das rumänische Avantgarde Ensemble Archaeus und der Kantor und Vorsänger der Bukarester Patriarchatskathedrale. Mihail Buca, angereist. Instrumentalkläge (Oboe, Klarinette, Fagott, Violine, Violoncello, Klavier und Schlagwerke) umspielten die durch mikrotonale Schlenker verzierten kehligen und dennoch sanft intonierten Melodien des Vorsägers. Gemeinsam füllten sie den Sendesaal des Deutschlandfunks mit gedehnten Klangbidern, durch verschiedene, in der byzantinischen Tradition benutzte Modi hindurch. Theodoreanus Auseinandersetzung mit der orthodoxen Gesangspraxis hat einen biografischen Bezug. Sein Großvater ist Priester gewesen und hat ihn immer in den Gottesdienst mitgenommen, bis er verhaftet worden ist. Seine Musik verstehe Theodoreanu deshalb durchaus als politisch-kulturelle Aussage. In Rumänien seien die Lücken, die das kommunistische Regime in die Musikkultur gerissen habe, überwunden - anders als in Russland. Es sei ohne weiteres möglich, religiöse Inhalte mit Avantgardemusik zu verbinden. Und wie sich der rumänisch-orthodoxe Liturgiegesang anfühlt, führte Mihail Buca mit fünf seiner ebenfalls aus Bukarest eingeflogenen Chorsänger auch vor. Zwei rumänisch-orthodoxe Gesänge aus der Karwoche und Ostern verrieten eine intime, verinnerlichte Klangästhetik - der Vorsänger singt die Worte, das Ensemble begleitet summend oder im unisono - ein Pendant zu den von jeglicher Prachtentfaltung ausgenommenen Sakralbauten der rumänisch-orthodoxen Kirche. Hier rufen auch nicht nur die Glocken zum Gebet. Auf einem Holzbrett, der Toaca, werden die Kirchgänger mitunter rhythmisch begrüßt. Deren Klang- und Artikulationsmöglichkeiten vertraute der rumänische Komponist Dan Voiculesu in einem 1993 komponierten Solostück dem Solopercussionisten an. Das hervorragend eingespielte Archaeus-Ensemble nutzte das Forum zu einer faszinierenden Bestandsaufnahme der aktuellen Auseinandersetzung mit der religiösen Musik der Heimat. In "Silence is Ornament" spielte die junge rumänische Komponistin Diana Rotaru mit Trillern und für die Instrumente übertragene Ornamentik, die sich in leicht versetzten übereinander gelagerten Melodieteilen isorhythmisch auch menschliche Pfeiftöne integrierten. Dies war eins von drei vom Deutschlandfunk in Auftrag gegebenen Stücken allein in diesem Konzert.
Am Tag zuvor gab es zwei Uraufführungen. Georg Katzers "...ergo sum" entwickelte sich um einen rhythmisch durchschlagenden Tabla- Cantus firmus, der von einem bedrohlichen Posaunenchor zum Schweigen gebracht wird, wobei die Bassposaune den protestantischen Choral Der grimmig Tod mit seinem Pfad in der tiefsten Lage schmetterte. In Lisa Streichs "Grata" präsentierte ein erstaunlich junges Ensemble, das Ensemble 20/21 der Kölner Musikhochschule auch einen Bajanspieler. Den Knopfakkordeonisten ließ die junge schwedische Komponistin ungewöhnliche Glissandoeffekte ausführen. Die im Durchschnitt 23 Jahre alten Musiker waren von David Smeyers, Professor für Neue Kammermusik an der Kölner Musikhochschule, perfekt vorbereitet und bestens einstudiert worden. Diese Uraufführungen waren noch von weiteren, immer noch nach Avantgarde klingenden Stücken umrahmt, von Peter Maxwell Davies "Antichrist" und "Versalii Icones", von Simon Holst "Lilith" oder Samir Odeh-Tamimis "Jo-Nári", durch wild-lärmende Sufi-Erfahrungen seiner palästinensischen Kindheit in Israel angeregt. Daran schloss sich dann noch ein Nachtkonzert mit dem Kontrabassisten Matthias Bauer an - Solist einer Uraufführung und einer eindrucksvollen Improvisation bis kurz vor 24.00 Uhr.
Die drei Tage (und Nächte) waren nicht nur gefüllt mit Musik, sondern auch mit Podiumsdiskussionen, an denen Komponisten und auch der Theologe und Jesuit Friedhelm Mennekes (Gründer der Kunststation Sankt Peter in Köln) über Neue Musik und Religion als zwei verschiedene sprachliche Systeme mit ähnlicher Zielsetzung debattierten. Autonome Kunst mache sich auf die Transzendenzsuche (Charlotte Seither). Der Kompositionsprozess selbst sei etwas Geheimnisvolles. Und Musik im liturgischen Raum dürfe auch nie nur Dienerin des Wortes sein. Sie müsse mithelfen freizusetzen und Fragen aufwerfen, auf die es keine Antworten gibt. Kunst müsse befreien, und Neue Musik sei immer ein Aufbruch. Alle Konzerte hat der Deutschlandfunk (Redaktion Frank Kämpfer) mitgeschnitten, auch eine Gesprächsrunde ist aufgezeichnet worden und ist online nachzuhören. Ein wunderbar konzises Festival, das hinter seinem Motto, beziehungsweise seiner Überschrift tatsächlich eine ernsthafte Fragestellung verfolgte. Auf dass uns Festivals, wie dieses auch in Zukunft erhalten bleiben mögen!
Sabine Weber