Vogelkundliche Wanderungen auf den Spuren des Komponisten - das Festival Olivier Messiaen au Pays de la Meije
Auf der Visitenkarte von Olivier Messiaen (1908 - 1992) standen zwei Berufe: Komponist und Ornithologe. Vogelstimmen haben ihn in seiner musikalischen Sprache stark beeinflusst, wie auch die Natur überhaupt. Er hasse die Stadt, hat er mehr als einmal gesagt, er sei ein Mann der Natur. Die Sommerferien verbrachte er gern im Gebirge, in der Nähe von Grenoble, wo er aufgewachsen ist. Und dort, im Dörfchen La Grave, findet seit 1998 alljährlich ein Festival statt, das Messiaen gewidmet ist.
In 1500 Metern Höhe klebt La Grave am Hang, mit Blick auf einen der berühmtesten Gipfel der französischen Alpen: die 3983 Meter hohe Meije, felsig, zerklüftet, von Gletschern überzogen, weltbekannt unter Extremskifahrern und unter Bergsteigern gefürchtet als einer der schwierigsten Gipfel der Alpen.
Für Olivier Messiaen war die Meije ein "heiliger Berg", verkörperte sie doch seine Vorstellung vom Gebirge als Ausdruck der Allmacht Gottes. Viele seiner großen Werke sind von dieser grandiosen Landschaft inspiriert. Eine Aufführung des gewaltigen Opus "Et Expecto Resurrectionem Mortuorum" vor dem Panorama der Meije war sein großer Traum. Seinerzeit scheiterte er an den politischen Umständen; posthum aber wurde sein Wunsch erfüllt: Gaëton Puaud nämlich, Ökonom und Amateurmusiker, hatte davon gelesen und gründete 1998 das Festival Olivier Messiaen au Pays de la Meije mit dem Ziel, die geplante Aufführung nachzuholen.
Seither kommen alljährlich namhafte Musiker in das 500-Einwohner-Dörfchen, um Werke von Messiaen und von Komponisten aus seinem Umfeld aufzuführen. Viele Facetten seines musikalischen Kosmos' standen im Laufe der Jahre schon im Mittelpunkt des Programms: die Vögel, die außereuropäische Musik, mittelalterliche Gesänge oder, in diesem Jahr, die Beziehung zu seinem Schüler Pierre Boulez, der im März seinen 85. Geburtstag gefeiert hat.
Nur ein Jahr lang, 1944/45, hat Boulez Messiaens Harmonielehre-Klasse am Pariser Konservatorium besucht - aber zwischen den beiden entwickelte sich eine enge und fruchtbare Beziehung, die trotz einiger grundlegender Meinungsverschiedenheiten und nicht gerade diplomatischer Äußerungen des "jungen Wilden" Boulez die Zeit überdauerte.
Das Festival Olivier Messiaen spürte den vielfältigen Beziehungen zwischen den beiden Komponisten nach. So standen auf dem Programm beispielsweise das erste Stück von Messiaen, das Boulez 1943 in Paris gehört und das ihn bewegt hat, den Kontakt zu suchen, Thème et Variations für Violine und Klavier; oder Werke von Boulez, die Messiaen mit seinen Schülern am Konservatorium erarbeitet hat, wie die 2. Klaviersonate. In Hommage an den Jubilar bot das Festival darüber hinaus im Rahmen der finanziellen und räumlichen Möglichkeiten ein erstaunlich breites Spektrum des Oeuvres von Pierre Boulez, von frühen seriellen Werken bis zu späten Kompositionen - "Une page d'éphéméride" von 2005 dürfte eine seiner aktuellsten sein, soweit man das in Boulez langsam wachsendem und wucherndem Oeuvre sagen kann. Gespielt hat dieses Stück übrigens eine sehr bemerkenswerte junge Pianistin, Marie Vermeulin, die 2007 beim Messiaen-Wettbewerb in Paris einen 2. Preis gewonnen hat. Daneben waren etliche Komponisten vertreten, die Boulez beeinflusst haben, wie Anton Webern, oder mit denen er gearbeitet hat, wie Daj Fujikura (geb. 1977): Dessen Samarasa für Violine solo ist ein Auftragswerk des Festivals, eine verspielte, gleichzeitig sorgfältig konstruierte Komposition, die sich mit den Bewegungen eines Geigers auseinandersetzt - wunderbar gespielt von Hae-Sun Kang, einer Geigerin des Ensemble intercontemporain.
Viele der Besucher, die teilweise aus der Umgebung, aber auch aus entfernten Gegenden Frankreichs und sogar aus Deutschland angereist waren, interessierten sich aber doch hauptsächlich für Messiaen. Auch wenn nicht allzu viele seiner Werke zu hören waren, prägte er doch den Geist des Festivals.
Zu den Highlights gehören alljährlich Wanderungen auf den Spuren des Naturfreundes Messiaen: über sanft gewellte, mit Enzian und Teufelskralle überzogene Wiesen und schroffe Felsen, mit Blick auf die imposanten Gipfel der Dauphiné-Alpen. Und wie eine Musikwissenschaftlerin und Musikerin bemerkte: Selbst wenn man Messiaen schon lange kennt, inmitten dieser gewaltigen Berge entdeckt man seine Musik ganz neu.
Eva Blaskewitz
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