Das Münchner Orff-Zentrum stellte Morton Feldmans ausuferndes Streichquartett Nr. 1 zur Diskussion - als Münchner Erstaufführung
(München, 22. Juni 2010) Rund 90 Minuten Musik am Stück: Von einer Mahler-Sinfonie erwartet man so etwas, von Bruckner unter Celibidache vielleicht, aber von einem schlichten Streichquartett? Steht hier nicht die Intimität der Besetzung der Monumentalität der zeitlichen Ausdehnung entgegen? Morton Feldman sah sich 1979 wohl gerade durch solche Überlegungen herausgefordert, als er sich, wie er selbst sagte, mit seinem rund eineinhalb Stunden dauernden ersten Streichquartett "auf gefährliches Terrain" begab, Hörgewohnheiten ignorierend, sich nicht um die Vermarktungsprobleme von Veranstaltern oder Verlagen scherend. Nun hat im Orff-Zentrum ein Streichquartett um Primarius Mark Gothoni die (späte) Münchner Erstaufführung dieses monumentalen Kammermusikwerks gewagt.
Das Muster anatolischer Knüpfteppiche diente Feldman, der sich gern von Optischem inspirieren ließ, als Vorlage für die Struktur seines ersten Streichquartetts. Unscheinbare Klanggestalten formieren sich zu immer wieder neu arrangierten Mustern, kleinste Veränderungen der Ornamente gewinnen Ereignischarakter. Das Stück beginnt mit einer chromatischen Zelle, die nach ihrem Erscheinen durch Klangumfärbungen oder durch das Hinzutreten und Verschwinden von Einzeltönen behutsam weiterverwandelt wird. Veränderung geschieht in einem so langsamen Tempo, dass sich die Wahrnehmung der Zeit im Verlauf des Stücks mehr und mehr verzerrt. Hinzukommt die für Feldmans späte Klangwelt charakteristische geringe Lautstärke: Das Stück wird durchgehend sordiniert gespielt, nur wenige kurze Eruptionen durchbrechen den sanften Fortgang der Musik. Über die Feldman-Rezeption sagte der Musikwissenschaftler Peter Niklas Wilson einmal, sie sei offenkundig kein allein ästhetischer Akt, sondern ein rituelles Exerzitium, eine Initiationszeremonie, ja, ein Martyrium, dem sich der Feldman-Hörige in der Hoffnung auf Besserung seines Seelenheils aussetze - Feldman scheidet die Geister.
Dass sich die Aufführung im Münchner Orff-Zentrum nicht zum Zen-Ritual entwickelte, dafür sorgten die beiden Geiger Mark Gothoni und Max Peter Meis, der Bratscher Kelvin Hawthorne und der Cellist Matthias Gredler mit prosaischer Gelassenheit und handwerklicher Akkuratesse: Sie vollführten kein Ritual, stellten das Werk mehr zur Diskussion als es zu zelebrieren. Dass Feldman den Zuhörern alle Stabilisierungs- und Sicherungselemente vorenthalten hat, wurde deutlich hör- und erlebbar. Die disziplinierte Stille des hoch konzentrierten Publikums beeindruckte umso mehr.
Mit einer Aufführungsdauer von rund 90 Minuten ist das erste Streichquartett bei weitem nicht das längste Werk Feldmans, sondern eher Wegbereiter für deutlich Längeres: Das zweite Streichquartett füllt rund fünf Stunden, für "For Philip Guston", ein Stück für Flöte, Schlagzeug und Klavier, wird eine Aufführungsdauer von vier Stunden veranschlagt. Die ausufernden Räume von Feldmans Spätwerk hindern den Hörer daran, die scheinbar funktionslosen Klänge hörend zu integrieren, sie als in sich schlüssige Ereignisse zu erleben. Ästhetische Erweckungsgefühle lässt Feldman so erst gar nicht aufkommen: Seine Längen sind nicht die himmlischen Längen von Schuberts Großer C-Dur-Sinfonie, es sind irdische Längen, die die Zeit verzerren, anstatt sie zu füllen.
Markus Schäfert