Charles Gounods "Faust" an der Berliner Staatsoper
(Berlin, 15. Februar 2009) Gounod und seine Librettisten haben Goethes erhabene "Faust"-Dichtung auf ein menschlich-allzumenschliches Maß herunter gebrochen, auf eine Tragödie um Liebe und die Sehnsucht nach Jugend; Regisseur Karsten Wiegand und sein Team haben Gounods einfalls- und facettenreiche "Faust"-Oper auf TV-taugliche Einfalt herunter gebrochen, auf ein harm- und wirkungsloses Bildertheater.
Schon das Proszeniumsgeschehen während der orchestralen Einleitung, als Faust im Gewand eines Mönchs kniet, aufsteht, sich niederwirft und wieder aufsteht, während Méphistophélès in nämlicher Verkleidung bewegungslos am Tisch der zur Klosterzelle umfunktionierten Studierstube verharrt, erscheint einigermaßen unmotiviert und in der Personenführung ungeschickt; und dieser Eindruck zieht sich durch die verbleibenden drei Stunden. Wirkungsmächtige Bilder und schöne Regieeinfälle nutzen sich unter exzessivem Gebrauch rasch ab, sei es die blinkende Spielhölle, die hier die Dorfschenke ersetzt und in der eine automatenhaft agierende Menge Volkes durcheinander zuckt, sei es Méphistophélès' Auftritt als übermächtiger Zeremonienmeister, der über Bewegung und Stillstand gebietet, sei es im zweiten Teil des Abends das Grau der leeren Bühne, das bald seine düster-bedrückende Wirkung einbüßt, Mephistos Verkleidung als Priester in der Kirchenszene oder die fast Ekel erregende Drastik, mit der Margarete nach dem Kindsmord im blutbefleckten weißen Kleid über die Bühne geistert; von der platt-plakativen Schluss-Szene, die den Chor in einer Mischung aus Abendmahl- und Champagnerparty-Arrangement zeigt, nicht zu reden.
Schon zur Pause quittierte das Premierenpublikum dieses Regiekonzept mit vernehmlichen Buh-Rufen; umso stärkeren Applaus ernteten dafür die durchwegs exzellenten musikalischen Leistungen. Der klangmächtige, homogene Chor und das Orchester, das unter der Führung des jungen französischen Dirigenten Alain Altinoglu diese farbenreiche Partitur mit leichtfüßiger Eleganz und sattem Ton zum Leuchten brachte, boten eine prachtvolle Spielfläche für das Solistenensemble, das von der kleinen Partie des Wagner (Andreas Bauer) über Siébel (Silvia de la Muela), Marthe (Rosemarie Lang) und Valentin (Roman Trekel) bis hin zum Trio der Hauptfiguren hervorragend besetzt war. René Pape ließ als Méphistophélès zwar etwas von der dämonischen Kraft vermissen, die er im vergangenen Jahr auf seiner großartigen CD "Gods, Kings and Demons" in dieser Rolle bewiesen hat (möglicherweise in Folge gesundheitlicher Probleme, die er erst zum zweiten Teil des Abends ansagen ließ), zog aber mit bronze-schwarzer Stimme trotzdem in seinen Bann. Der junge US-amerikanische Tenor Charles Castronovo zeigte sich als Faust sehr präsent, stimmsicher und klangschön; eine wirklich eindrucksvolle Leistung bot aber vor allem die Russin Marina Poplavskaya als Margarete: von einer ungeheuren Eindringlichkeit, Darstellungskraft und Wandlungsfähigkeit, mal exzessiv, mal verhalten und besonders berührend in der Kerkerszene, wenn sie mit kaum hörbaren Tönen mühelos den ganzen Raum füllt - ein Erlebnis, das alle Einwände gegen die Inszenierung dieses "Faust" vielfach aufwiegt.
Eva Blaskewitz