Das Röcheln des Faust

Faust auf dem Dach Foto: Theater Basel

Philipp Stölzl inszeniert Charles Gounods "Faust" am Theater Basel

(Basel, 10. März) Nur Stänkerer können dem Basler "Faust"-Abend Seichtigkeit nachreden. Klar, Philipp Stölzl hat schon Videoclips für Madonna und Werbung für Handy-Geräte gedreht. Klar, Gounods operntauglich eingekochte Version des deutschen Dramas schlechthin erleichtert das Monumentalwerk um einiges. Befreit es weitgehend vom Ideenballast und zieht es in seinen Grundzügen "hinan" auf das "Ewig-Weibliche". Vulgo: Es ist eine Liebesgeschichte. Eine, die nicht gut ausgehen kann, denn Faust ist schon ein alter Knacker. Stölzl lässt ihn auf dem Rollstuhl mit allerlei blinkenden Apparaten auf die Bühne rollen. Faust siecht und röchelt und beschwört, bevor er sich die Pille geben will, noch schnell den Teufel. Dieser kommt tatsächlich, sieht verdammt ähnlich aus wie der stänkernde Alte und bringt ihn wieder auf die Beine. Dafür setzt er sich selber in den Rollstuhl - probeweise. Die beiden sind Doppelgänger, zwei Seelen, ach, in einer Brust: Faust und Mephistophele.

Mitten auf der von Stölzl entworfenen Bühne steht ein meterhoher, mit blinkenden Lämpchen versehener Zylinder. Er erinnert in seiner enigmatischen Präsenz ein wenig an den schwarzen Monolithen aus Stanley Kubricks "2001 - A Space Odyssee". Schauerlich. Die Drehbühne rotiert um den mächtigen Totem. Man kann das als Symbol für's Rad des Lebens sehen, als Hinweis: Achtung hier geht's um Grundsätzliches. Man kann aber auch sagen: Die Bühne wird so mal anders belebt. Veränderungen des Bildes werden nicht am Seil heruntergelassen oder entsteigen der Unterbühne. Sie kommen wie am Fliessband. Das gilt für Dekor, Blumen, Krankenbetten, aber auch für Solisten und den Chor, die nun "auftreten". Denn die Szene, die auf Fausts Verjüngung folgt, heißt Jahrmarkt. Die Bühne ist ein Karussell, auf dem Faust und Freund Mephistophele im Autoscooter herumkreisen. Marguerite, das Mädchen mit den Herzballonen, der Chor in Plastikmasken - sie alle rotieren sanft ins Bühnengeschehen hinein. Von wo sie bei Bedarf ebenso sanft wieder verschwinden.

Mit dem Soldaten und Verehrer der jungen Marguerite namens Valentin, und der rührend plumpen Marthe Schwerdtlein ist das Hauptpersonal bald eingeführt. Das Verführen kann beginnen. Die ersten beiden Akte gehen das teuflische Spiel mit der Liebe noch ironisch an. Wenn Faust singt "Je suis tes pieds", legt er sich mitnichten zu Marguerites Füssen, sondern direkt auf ihr Puppenhäuschen. Erregung auf Marguerites Seite zeigt sich wiederum darin, dass die Gute auf ihrer Schaukel immer häher schwingt. Und die Töne dabei gleich mitnimmt. Eine agile Sängerin, eine sportliche Darstellerin wie Ensemblemitglied Maya Boog schafft das problemlos. Den technischen Hürdenlauf ihrer Gesangspartie spaziert sie mit größter Natürlichkeit ab. Und überhaupt soll hier ein großes Lob ausgesprochen werden auf die mehrheitlich hausintern erbrachten Leistungen dieser Produktion. Der junge Schweizer Rolf Romei ist ein geschmeidiger "französischer" Tenor, dem passenderweise die letzte Leichtigkeit fehlt, der aber wunderschän zu glänzend versteht. Stefan Kocán gibt einen schwarzmetallisch, herrisch schneidenden Mephistophele. Rita Ahonen spielt mit tragischer Witzigkeit die vom Teufel verführte Marthe Schwerdtlein. Bestens machen sich die auch jungen Kräfte: der rührend naive Siebel (Agata Wilewska) und ein aufbrausend stemmender Valentin (Marian Pop). Einzig der Chor kämpft mit Koordinationsproblemen. Unter Masken und auf der Drehscheibe singt's sich wohl nicht so leicht.

Das Spiel kippt. Der zweite Teil des Abends ist tief verschneit, und Stölzl fokussiert allmählich auf die Opferperspektive. Faust hat Marguerite vor der Pause noch geschwängert, erst zögernd, dann erfolgreich "angetrieben" von seinem alter ego. Und nun stapft das arme Wesen durch die Kälte. Eine Totgeburt gibt der Figur unser volles Mitleid. Marguerite ist hier keine Kindsmörderin. Dennoch wird sie des Verbrechens angeklagt, ins Gefängnis gesteckt und schliesslich mit der Giftspritze getötet. Das alles zeigt Stölzl so realistisch wie es im Theater geht - schön ist so etwas nicht. Aber tief bewegend. Und wir wollen ja auch kein sülziges Märchen vorgesetzt bekommen. Sentiment ist in der Musik von Gounod nämlich schon genug angelegt.

Die Aufführung lebt geradezu von dem eigenartigen Kontrast der melodisch-selbstverständlichen Partitur mit dem harten Bühnengeschehen. Gounod ist, bei aller Eingänglichkeit (Stichwort "Ave Maria"), ein subtiler Komponist, keine Frage. Schönste Farben in den Bläsern, gesangliche Themen in den elegant spielenden Streichern unterstützen die Sänger. Der Walzer aus der Jahrmarktsszene, dessen Motive wie aus einer verdrehten besseren Welt immer wieder aufscheinen, hat Drive und im Kern doch etwas Zerstörerisches.

Bartholomew Berzonsky führt das Sinfonieorchester Basel mit großer Leichtigkeit, lässt es schillern, tanzen, eng angeschmiegt an die ihre Freiheit genießenden, sie aber nicht missbrauchenden Solisten. Bekannte "Nummern", wie das Liebesduett im zweiten Akt bekommen die nätige Dosis Parfüm, nicht mehr. Die Musik trägt über den dreistündigen Abend ohne je zu ermüden.

Mit der Entlastung der in Opernkreisen oft noch als minderwertig eingestuften Musik hat der Basler "Faust" nun wirklich alles, was eine gelungene Produktion braucht.

Benjamin Herzog

www.theater-basel.ch