Das Fauré Quartett mit Klavierquartetten von Robert Schumann und Johannes Brahms in Schloss Nymphenburg
(München, 9. Juli 2010) Johannes Brahms trug, da war sich Robert Schumann in seinem 1853 verfassten Artikel "Neue Bahnen" ganz sicher, "alle Anzeichen an sich, die uns ankündigen: das ist ein Berufener". Schumann hatte ein untrügliches Gespür für kompositorische
Talente. Schon als Zwanzigjähriger hatte er den gleichaltrigen Chopin neidlos als Genie gefeiert. Diese Sensibilität für die Größe anderer ging einher mit andauernden Zweifeln am eigenen Können. Wie unbegründet die waren, war mitzuerleben, als das Fauré Quartett im Hubertussaal des Schlosses Nymphenburg Brahms' 2. Klavierquartett und Schumanns Klavierquartett einander gegenüberstellte.
Das zweite Klavierquartett op. 26 von Johannes Brahms ist ein Werk von expansiver Gestalt: Rund 50 Minuten dauert es, der Zug ins Symphonische ist unüberhörbar: Hier hatte einer noch Größeres vor und schulte sich, Beethoven im Rücken, an der Kammermusik für die Königsdisziplin Symphonie. Das thematische Material, mit dem er dabei auskommt, ist wie so oft bei Brahms recht schlicht. Großkritiker Eduard Hanslick nannte es nach der Uraufführung gar "trocken und nüchtern". Staunenswert aber ist, was Brahms daraus macht, wie er im Kopfsatz die drei Themen im Sinne einer entwickelnden Variation auseinander hervorgehen lässt und selbst in dem nach ungarischer Manier voranstürmenden Schlusssatz noch kontrapunktische Inseln einbaut. Den Eindruck aber, dass Brahms' satztechnische Meisterschaft manchmal etwas zu kalkulierte Ergebnisse zeitigte, konnte auch das Fauré Quartett nicht ganz vermeiden. Zwar fanden sie im Poco Adagio zu nocturneartig flirrender Atmosphäre und tänzelten agil durch das Scherzo, doch blieb letztlich selbst das Ausbrechen in höhere Intensitätsstufen etwas zu vorhersehbar, als dass es den wohl polierten Glanz dieser Partitur wirklich aufrauhen hätte können. Swjatoslaw Richter sagte einmal, die Überraschung sei ein zentrales Kriterium künstlerischer Qualität. Man vermisste sie hier etwas.
Die eigentliche Überraschung war, dass sich der von sich selbst und vielen anderen unterschätzte Robert Schumann nicht nur gegen Brahms zu behaupten vermochte, sondern an diesem sommerlichen Konzertabend im wunderbaren Nymphenburger Ambiente das erfüllendere Musikerleben bescherte. Die Kammermusik war für Schumann nie Übungsfeld für Größeres, sie entsprang seinem unbremsbaren Ausdrucksbegehren. "Anflug zu einem Quartett - schrecklich schlaflose Nächte immer", notierte er, als er das Klavierquartett zu komponieren begann. Einen Satz wie das liedhaft berührende Andante cantabile mit seiner hitverdächtigen Cellokantilene konnte wohl nur Schumann so schreiben, dass er ergreifend blieb ohne kitschig zu werden. Und wenn er im Schlusssatz eine Fuge durch alle Stimmen jagt, dann wirkt das nirgendwo akademisch, sondern lädt sich mit immer mehr sprudelnder Energie auf. Die feinsinnige, unaufdringliche Musizierhaltung des Fauré Quartetts war hier wohltuend, weil Schumanns Energieschübe es nur schwer vertragen, von denen der Interpreten gedoppelt zu werden. Und dass das Zusammenspiel des seit 1995 in unveränderter Besetzung bestehenden Fauré Quartetts fast makellos gelang, das Abmischen der Farben perfekt und die heikle Integration des Klaviers in den Streicherklang erstaunlich selbstverständlich, braucht bei dieser Weltklasseformation kaum noch gesagt zu werden.
Markus Schäfert
Das nächste Schlosskonzert in Nymphenburg:
Freitag, 16. Juli 2010, 19.30 Uhr
Martin Stadtfeld und das Münchner Streichquartett mit Haydn, Beethoven und Schumann