Ein Schiff ohne Holländer

"Europeras 1&2" von John Cage Foto: Ruhrtriennale/Wonge Bergmann

Mit John Cages "Europeras 1 & 2" hat die Ruhrtriennale 2012 in der Bochumer Jahrhunderthalle ihre Tore geöffnet. Eine Premiere mit Superlativen, denn das opulente Werk - Cages Opernwerk, das er mit 75 Jahren im Auftrag der Frankfurter Oper in Angriff nahm und das 1987 uraufgeführt wurde, macht nicht nur 26 Musiker und ein zehnköpfiges Sängerensemble zu Mitschöpfenden. Es entfesselt ein Feuerwerk an Inszenierungskunst. Virtuelle Bühnenbildsequenzen und eine rasante Kostüm- und Requisitenshow, die aus dem Fundus von 400 Jahren Operngeschichte schöpft. Heiner Goebbels, der neue Chef der Ruhrtriennale, führte Regie. Die Aufführung sollte, so Goebbels, nicht nur ein Geburtstagsständchen für den vor 100 Jahren geborenen Komponisten sein, sondern auch die längst überfällige Wiederaufnahme eines radikalen Musiktheaterkonzepts.
 
(Bochum, 17. August 2012) Auf 0:00:00 steht die Digitalanzeige vorne über der Bühne. Der Bühnenraum, eingefasst von einer mächtigen Stahlkonstruktion, ist etwa 100 Meter tief. Gase wurden dort einmal verdichtet. Jetzt wird hier Theater gespielt. Die Kinderjury wird hochoffiziell in den Saal gebeten! Beklatscht und im Blitzlichtgewitter ziehen sie ein. Ihre Meinung ist dieses Jahr auf der Ruhrtriennale gefragt. Sie nehmen in der ersten Reihe Platz. Auf einem roten Teppich sind sie draußen empfangen worden. Sie kommen aus drei Essener Schulen, werden allen Veranstaltungen beiwohnen und am Ende einen Preis für das beste Ereignis vergeben.

Und schon hört man eine Violine. Die Uhr läuft. Der Musiker sitzen auf einem der eisernen Galerieläufe rechts oben. Ein römischer Soldat läuft herein und posiert. Zur Geige oben spielt das Fagott links unten. Eine Scheinwerferlampe wird von Bühnenarbeitern in schwarzen Monteursanzügen in etwa 50 Metern Entfernung von hinten hereingetragen. Die "Assistenten" sind omnipräsent auf der Bühne. Zu Oboenklängen tragen sie auch eine goldene Sonne. Plötzlich Gesang vom Band mit Geräuschen durchmischt aus dem Zuschauerraum. Die Sonne wird an eine von oben heruntergefahrene Querstange gehängt. Noch ein paar Strahlen bekommt sie von den Assistenten angesteckt. Irgendwo singt es auch schon auf der Bühne. Ist es der rote Napoleon ganz hinten, der von "L'amour" singt? Die Sänger sind verstärkt. Die Verstärkung ist aber nicht verräumlicht. Der Römer - ein Countertenor - kniet. Die Worte "partir ti ... sospiro" sind zu verstehen. Die Sonne geht auf und wird von hinten angestrahlt. Napoleon zieht theatralisch den Säbel. Die Sonne wird rot. Blau. Die Bratsche soliert auf einem Galeriegang über der Bühne.

Eine barocke Dame in einem weit ausgestellten spanischen Rock singt den Abendsegen aus Humperdincks "Hänsel und Gretel". Dann ziehen die Assistenten eine gemalte Urwaldkulisse hoch. Und so schnell, wie sie oben war, versinkt sie auch schon wieder. Ganz hinten steht eine Tempelkulisse in Flammen. In "La Clemenza di Tito" brennt doch das Kapitol, denkt man sich. Aber von Mozart ist nichts zu hören. Erst später! Plötzlich fällt ein grellroter Vorhang. Er teilt sich. Eine tragikomische Heroine mit Hörnchenfrisur und überdimensionierten Puffärmeln singt mit theatraler Gestik. Dann fällt der Vorhang erneut, diesmal mit lautem Krachen und liegt auf dem Boden. Ein barocker Graf zieht den Federhut. Absurd! Welke Blätter regnen vom Bühnenhimmel. Posaunen und eine Tuba spielen. Eine barocke Säulenlandschaft mit Treppe wird auf einem Transparent hochgezogen. Dahinter kehren die Assistenten im Takt mit Besen. Und hinter den Assistenten schneit es vor Lichtstreifen. Königin Elisabeth I. mit Riesenspitzenkragen und hochgetürmter Lockenfrisur stolziert herein und singt mit tiefen Basstönen - im Kostüm steckt ein Mann - eine "Ritorna..." -Arie. Am Bühnenende versinkt eine gotische Kathedrale im Bühnennebel. Davor Schatten von Männern mit englischen Zylindern. Ein Autoschatten rollt an den Kirchenfenstern vorbei.

So geht es weiter, und weiter, mit großartigen Bildern, Überraschungen und einer Ideenflut, die eine Assoziation auf die nächste folgen lässt -  bis die Uhr bei 1:30.00 stehen bleibt. Wie im Traum möchte man sagen oder auch im Alptraum. Gestalten gehen auf und ab, sie verirren sich in den Szenen. Der Zuschauer rätselt, lässt sich von den Bildern und den Arienfetzen forttragen. Die Passagen aus 64 Opern, die die Sänger frei ausgewählt haben, gehören fast nie zu der Figur, die sie singt. Auch die Kostüme sind zufallsgeneriert, ebenso wie die Instrumentalstimmen, die dementsprechend nichts mit den erklingenden Arien zu tun haben - die Musiker spielen wie von Cage gewünscht ohne "Diktat", d.h. ohne Dirigent. Alle Parameter sind von Cage radikal voneinander getrennt worden und stammen aus ingesamt 128 Opern aus 400 Jahren. Und trotzdem entsteht Szenenkomik oder es ergeben sich Koinzidenzen. Während eine Vestalin - oder ist es Puccinis Suor Angelica? - Ännchens Arie "Nach verschämter Mädchenart" aus dem Freischütz trällert, tritt der Doktor aus "Wozzeck" auf und wirft "Ich hab's gesehen, dass er wieder gepisst hat!" ein. Dazu rollt sich eine gemalte Naturszenerie auf: Wiesen und Baumkulissen. Die Natur, mit der sich der nicht vorhandene Wozzeck vor dem Doktor verteidigt, steckt als Andeutung (zufällig) in der Szenerie. Auch die Bühnenarbeiter, üblicherweise möglichst unsichtbare Gestalten, sind ins Spiel integriert, schieben die Kulissen, posen auch schon einmal auf hereingeschobenen Säulen wie Skulpturen in einem barocken Garten, fliegen an Lianen durch den Urwald, fahren mit Baufahrzeugen mit Hebebühne und Gabelstablern hupend durchs Bild oder machen Wellen für das Schiff des Fliegenden Holländers, der aber unsicht- und unhörbar bleibt.

Goebbels hat auf Videoinstallationen völlig verzichtet, vielleicht, um der traditionellen Illusionskulisse Raum zu geben. Die ineinander geschobenen Bilder, den Auftritt und Abtritt der Akteure, überhaupt den ganzen Ablauf in einem riesigen Spannungsbogen über knapp 3 Stunden zu koordinieren, der dann auch reibungslos funktioniert, ist eine große Leistung. Und auch das hohe Bildniveau zu halten, ist Heiner Goebbels mit seinem Bühnenbildner Klaus Grünberg und seiner Kostümbildnerin Florence von Gerkan zweifellos gelungen. Das Sängerensemble agiert großartig. Vor allem im zweiten Teil, wo sie schwarz gekleidet in einer schwarz-weiß Szenerie zu einer imaginären Ensembleszene zusammengeführt sind. Aber ein wenig anstrengend ist es dennoch, weil die Bilderflut ohne zusammenhängende Botschaft bleiben, weil die Figuren auf der Bühne über weite Strecken wie Autisten in ihren Momenten stecken und nicht aufeinander reagieren. Und weil viele der Bilder doch klischeehaft dem verhaftet sind, was vielen die Oper so unnatürlich und unmodern erscheinen lässt. Und da würde ich doch allzu gerne die Meinung der Kinderjury erfahren.

Sabine Weber


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