Robert Carsens grandiose Inszenierung von Tschaikowskys "Eugen Onegin" aus der Met unter Valery Gergiev mit Renée Fleming und Dmitri Hvorostovski auf DVD. Bildregie: Brian Large
Welch ein Glück, wenn sich große Sänger auch als exzellente Schauspieler erweisen - wie Renée Fleming und Dmitri Hvorostovski im New Yorker "Eugen Onegin", der im Februar 2007 für DVD (Decca) mitgeschnitten wurde. Wie die beiden die Schlussszene von Tatjana und Onegin singen und spielen, ist von einer Intensität, dass es den Zuschauer und -hörer unmittelbar in Bann schlägt und dessen Pulsfrequenz gefährlich erhöht: Wann je spielt eine Sängerin die neu entflammte Liebe Tatjanas zu ihrem Jugendschwarm derart hungrig nach körperlicher Nähe, obwohl sie von Distanz und dem Ringen nach Fassung singt; wann je zeigt sich ein Onegin als derart verstörter, verletzlicher und verzweifelt um eben diese Nähe kämpfender Mann.
Robert Carsen beweist mit seiner schnörkellosen Inszenierung, dass diese "lyrischen Szenen" auch auf der Riesenbühne der Metropolitan Opera in New York funktionieren. Klug setzte er auf einen fast leeren Raum, ein Minimum an Requisiten - vor allem Stühle und Herbstlaub - und wenige, umso spektakulärere Lichteffekte: So, wenn beim morgendlichen Duell ein beklemmendes Grau herrscht und unmittelbar nach dem Tod Lenskis durch die Hand Onegins (ein sehr feinsinnig singender eifersüchtiger Liebhaber: Ramon Várgas) gleißend die Sonne aufgeht. Ganz anders als zuvor bei Tatjanas Briefszene, in der sie rückhaltlos Onegin ihre Liebe gesteht. Am Ende leuchtet hier der Horizont in leidenschaftlichem Orange, während - fantastisch kongruent zur aufwühlenden Musik - Tatjana ekstatisch über die ganze Bühne mehrfach im Kreis laufend ihren Schreibtisch umrundet, wie um sich vom Druck ihres grenzenlosen verliebt Seins zu befreien.
In solchen Szenen beweist Robert Carsen ein großes Gespür für Charaktere und das Innenleben der Figuren, während ihm die Massenszenen etwas konventionell geraten. Bildregisseur Brian Large fängt diese großen Chorszenen wie die Intimität der Soloszenen perfekt für die DVD ein, denn er setzt immer wieder auf räumlich raffende Untersicht bei gleichzeitiger Verwendung eines Weitwinkelobjektivs und auf zahlreiche Halbtotalen.
Zum Ereignis wird dieser "Onegin" nicht nur durch die Intensität seiner Protagonisten - wie auch Elena Zaremba als Olga, Svetlana Volkova als Larina und Larisa Shevchenko als Filipjewna - und eine wohltuend zurückhaltende Regie, sondern durch Valeri Gergiev. Er zaubert mit untrüglichem Instinkt für die richtigen Tempi und eine fabelhafte Balance aus dem grandios spielenden Met-Orchester ein Wunderwerk an Farben, leuchtenden Linien, musikdramatischen Steigerungen, ebenso leise verhaltenen Klängen wie groß auftrumpfenden Effekten. Schöner, differenzierter und dabei leidenschaftlicher kann ein "Eugen Onegin" nicht klingen.
Klaus Kalchschmid