Die Tiroler Festspiele in Erl zeigen in diesem Sommer Wagners "Meistersinger" und Strauss' "Elektra"
(Erl, 11., 12. Juli 2009) Am vergangenen Wochenende in Erl eroberten erst die Frauen das Passionsspielhaus, in der "Elektra" von Richard Strauss. Samstagabend gaben mehrheitlich die Herren den Ton. In einer Neuinszenierung von Richard Wagners "Meistersinger". Und am Sonntagmorgen versammelte sich die Tiroler Festspielgemeinde erneut im Erler Passionsspielhaus, um in der 11 Uhr Matinee von der Musikbanda Franui einen eigenwillig aufgemischten Wagnercocktail nachgeliefert zu bekommen. Nebenbei erfuhr Erl, noch bevor es die Welt da draußen hörte, dass Sven-Eric Bechtolf gerade zum neuen Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele gekürt worden ist. Bechtolf saß nämlich als Vorleser auf der Bühne.
Was für ein Start in die zweite Woche der diesjährigen Tiroler Festspiele! Die übrigens genau am Tag der "Meistersinger"-Premiere, am 11. Juli, vor 11 Jahren zum ersten Mal stattgefunden haben. Ins Leben gerufen von Gustav Kuhn, der seitdem alljährlich im selbstinszenierten Festspieldauereinsatz ist, als Dirigent, Regisseur aller szenischen Produktionen und Intendant in Personalunion. Und auch das Epizentrum meldet ein Jubiläum an. Vor fünfzig Jahren wurde das Passionsspielhaus fertig gestellt, das der junger Erler Ingenieur Robert Schuller mit nur 27 Jahren in einem Geniestreich entwarf. Ein futuristisch geschwungener Betonkreis, dessen äußere Spitze in die Höhe ausbricht. Und schon von weitem krönt er als ein weißer Zahn die herrlichen Erler Kuhwiesen vor den Hausbergen Kranzhorn und Spitzhorn. Die phänomenale Akustik verdankt das Haus übrigens dem Umstand, dass das Geld damals beim Bau ausging. Die geplante Innendecke wurde nicht eingezogen. Das für die notwendige Akustik nötige Innenraumvolumen blieb erhalten. Der überwältigende Eindruck bei den szenischen Produktionen ist zudem der Tatsache zu verdanken, dass es keinen Orchestergraben gibt, und das Orchester auf Podesten im Bühnenhintergrund aufgetürmt das Geschehen sichtbar mitbestimmt. Die drei Harfen thronten an diesem Wochenende eindrucksvoll ganz zu oberst.
In der Elektra - eine Wiederaufnahme von 2005 - wird diese Präsenz sogar dramaturgisch sinnfällig. Denn das Orchester hat in Straussens Partitur eine ahnende oder bestätigende Hauptrolle. Die gestopfte Tuba gibt quälend gedämpfte Töne von sich vor der ersten Begegnung von Klytämnestra (Martina Tomcic) und Elektra (Mona Somms). Kurz nach Elektras Ausruf "Nun denn! Allein!? treibt sie das Orchester unter zunehmend tonmalerischen Ausweitungen bis zum rächenden Mordentschluss. Dann die kursierend dräuenden Haltbonschritte vor Orests Auftritt, die wechselweise von Verzweiflung und Hoffnung zeugen. Ein dunkler Choral aus drei Wagnertuben plus Tuba ruft Orest dann tatsächlich auf den Plan. Alles lässt Kuhn plastisch aus dem Orchester entstehen, das wie Stanislaw Lems "Solarismeer" die Gefühlszustände der agierenden Bühnenmenschen mit ausformt. Deren Ängste, zerrüttete Seelenzustände und Wahnvorstellungen. Selbst in den kakophonischen Momenten bleibt die "psychische Polyphonie" narkotisierend, überwältigend. In Erl hängt man eben direkt am Orchestertropf, der unablässig infiltriert.
Auch in der schauerlichsten Tragödie gibt es natürlich ganz berührende Momente. Als Orest (Michael Kupfer) seine Schwester Elektra wieder erkennt, die sich im unteren Stuhlbalkengefängis von fünf überdimensionierten Macintosh Stühlen zusammenkauert. "Wer bist du denn? Erkennt Elektra nicht...?" Der Elektra von der jungen Schweizerin Mona Somm nimmt man in jedem Moment ihren Wahn ab. Und es ist ihr Rollendebüt. Die Monsterpartie bewältigt sie bravourös - bis auf einige weniger gut getroffenen pianissimo Töne im Mittelteil der Tragödie. In Erl gibt es ja auch die volle Version. Auf die von Strauss sogar selbst autorisierten Kürzungen wird verzichtet. Und wie die Elektra vor einer Woche, Bettine Kampp, erklärt, ist jede eingesparte Note eine Erleichterung. Der hohe Ton bei "es schaudert dich vor mir" sitzt bei Somms aber wieder perfekt. Und die Oboen leuchten im Hintergrund auf.
Erwähnt werden sollte außerdem Michaela Sburlati, die mit weicher Tongebung als Chrysothemis leuchtet. Und natürlich das Festspielorchester, das in den Tagen Schwerstarbeit leistet. Die meisten Musiker kommen aus dem weißrussischen Minsk. "Es muss ihnen wohl gefallen!" So Gustav Kuhn danach befragt, warum sie trotz bescheidener Entlohnung immer wiederkämen. Im Sommer hätten sie mit einer siebenstündigen Orchesterprobe mit nur zwei zehnminütigen Pausen begonnen. Und die sei in bester Laune zu Ende gegangen. Die nehmen - wie alle Beteiligten in Erl - eben am Ganzen teil. "Selbst die vierte Klarinette ist hier noch an der Elektra beteiligt. Warum ist es einem Orchester verboten, von sich aus interessiert zu sein?" Er, Kuhn, helfe da nur ein bisschen mit. Was andernorts ironisch klingen würde, ist im Erler Universum aber gelebte Realität. Denn Erl ist anders als jeder herkömmliche Musikbetrieb. Das spürt man hier sofort. Jeder Bauernhof ist zur Herberge, zu einem Gasthof mutiert. Wer unter einem Fenster her spaziert, hört eine dudelnde Klarinette, eine Violine oder einen schmetternden Tenor. Und wer, wie ich, das Glück hat, ein Zimmer in Sichtweite zum Passionsspielhaus zu bekommen und die Gastmutter nach dem Enkel auf dem Arm fragt, bekommt zu hören, "nein, das ist das Kind einer Musikerin!"
In dieses Universum gehört auch die fern gelegene Accademia Montegral im italienischen Lucca. Gustav Kuhn rief sie 2000 ins Leben. Und das ehemalige Kloster der Padre Passionisti ist zu einer Art Basis für die Festspiele geworden. Instrumentalisten, Kammermusiker, Dirigenten und Komponisten gehören der dortigen Akademie an. Aber vor allem Sänger werden hier gescoutet und dann in ihren weiteren Karrieren unterstützt. Beispielsweise bei der Frage, wie viele Rollenengagements im Jahr sinnvoll sind oder was zu tun ist, wenn ein kritischer Stimmfachwechsel ansteht. Sie werden beraten, und sie werden gefördert. Und sie treten in Erl auf. Unter dem alles dominierenden Zentralgestirn Kuhn tun sich dennoch Freiräume auf. Und nicht zu unterschätzende Schutzräume für die im aktuellen Publicityzirkus ja nicht gerade ungefährdete Sängerspezies. Das Kuhn-Imperium verfügt inzwischen auch über ein eigenes Plattenlabel. Zuletzt sind im col legno Label - sozusagen als Vorbereitung zu den 12. Tiroler Festspielen - die Meistersinger von Franz Winter eingelesen herausgekommen.
Seit 2007 besitzen die Tiroler Festspiele auch eine eigene Kostümmanufaktur ganz in der Nähe des Festspielhauses. Unter der Leitung von Kostümbildnerin Lenka Radecky liefen 15 Schneiderinnen für die Wagnerpremiere zur Hochform auf. Denn für die rund 300 Solisten und Choristen verwandelten sie rund 5000 Meter grellbunten Tüll in spätmittelalterlich anmutende Hosen- und Wamskonfektion, mit pompösen Halskrausen und Schabracken abgerundet und mit fantastischen Baretten und Kaufmannshüten gekrönt. Einige könnten sogar Oskar Schlemmers berühmten Figurinen Konkurrenz machen. Die Kostüme beleben aber nicht nur einfach das karg gehaltene Bühnenbild (Jaafar Chalabi). Sie sind ein zentraler Bestandteil der Inszenierung. Denn die Meistersinger im ständigen Disput zwischen der Wahrung des Althergebrachten und der Öffnung zu Neuem, ziehen diese Kostüme beständig an und aus, je nach Stand der Debatte.
Fürchterlich komisch ist gleich die erste Meisterszene. Die ist als Politiker-, Vorstands- oder Kommissions-Debatte zunächst am Konferenztisch ohne diese Kostüme inszeniert. Und die hier zusammengefundenen Herrentypen muss man optisch erst einmal auf sich wirken lassen. Da scheint jeder sich selbst zu spielen: ein etwas gesetzter und selbstgerechter Pogner - Franz Hawlata - in blauer Clubjacke und blaugrünrot gestreifter Krawatte. Der Bäcker - Thomas Gazheli - im graublauen Anzug mit Toupetähnlich festgeklebten Haaren führt er am Kopfende die Debatte an, während Dirk Aleschus als Schwarz in roten Hosen und gelber Krawatte sein Übergewicht entspannt zurück lehnt und erst einmal eine Bildzeitung aufschlägt. Die Schlagzeile: Felix Magath: Meine Meistergeheimnisse. Oskar Hillebrandt ist ein Dandy-Hans Sachs, mit 70er Jahre Fönfrisur - ohne Krawatte, die letzten beiden Hemdknöpfe leger geöffnet. Er verteidigt Junker Stoltzings Auftritt. Das ruft den Widerstand der übrigen Meister auf den Plan. Einer nach dem anderen treten sie in Protesthaltung aus und kommen im Tüllgewand (lächerlich) gestärkt zurück. Was für eine Komik!
Der erste, der das Tüllgewand für immer fallen lässt ist Walter von Stoltzing. Er steht ja auch schon als Person gegen das Regelwerk. Als Adliger die Handwerkstochter Eva mit einer nur von städtischen Handwerkern gepflegten Kunst erringen zu wollen, ist in diesem Wagner-Nürnberg ja eigentlich unvorstellbar. Hans Sachs ist der einzige, der daran glaubt. Er trägt sein Kostüm sowieso am liebsten nur überm Arm. Wenn in der prächtigen Schlussszene auf der Wiese, Stoltzing seine Eva im Arm hält und auch Hans Sachsens Lehrjunge David seine Magdalena bekommen hat, da reißen sich die Männer ihre Kostüme vom Leib. Will sagen: die Zukunft braucht keine Altlasten. Eigentlich Schade um den wunderbaren Tüll!
Diese Erler Inszenierung bietet jede Menge intensiver Bilder. Und auch innige Musik. Die Duette zwischen Pogner und Eva oder Hans Sachs und Eva. Etwas heftiger ist die Auseinandersetzung zwischen Sachs und Sixtus Beckmesser, alles im zweiten Akt, der Johannisnacht. Das Quintett Sachs-Magdalena-David-Stoltzing-Eva hat man selten so berückend gehört, wie in Erl. Zwischen Fliederbüschen und Lindenbäumen im Blumenkübel, Referenzen an den Text, auf die man wohl nicht verzichten wollte.
Das sängerische Niveau lässt sowieso gar nichts zu wünschen übrig. Vor allem, weil es mit beeindruckender Bühnepräsenz einhergeht. Nicht nur die altbekannten Wagner-Größen wie der Heldenbariton Oskar Hillebrandt oder der Bassbariton Franz Hawlata. Auch der Nachtwächter Carsten Wittmoser, der seine Stimme auf dem höchsten Orchesterpodest von oben erschallen lässt, beeindruckt. Oder Andreas Schagerl als ein wendiger und stimmstarker David. Ein gebürtiger Erler trumpft hier auch auf: Martin Kronthaler als Sixtus Beckmesser. Ohne wenn und aber singt und spielt er sich in diese psychologisch nicht einfache Rolle hinein. Das dürfte die Kölner ganz besonders freuen. Denn in der Kölner Premiere der Meistersinger am 25. September dieses Jahres wird Kronthaler als Bäckermeister Fritz Kothner zu erleben sein. Seine Frau hat Kronthaler nach Erl übrigens nicht nur mitgebracht. Maria Gessler singt und spielt eine wunderbare Eva.
Sabine Weber
Weitere Vorstellungen: Fr. 17. und So. 26. Juli, jeweils 17.00 Uhr im Passionsspielhaus Erl
Weitere Konzerte unter www.tiroler-festspiele.at