Die witzige Amsterdamer Produktion von Cavallis Oper "Ercole Amante" gibt es jetzt auf DVD
Nur wenige der Opern von Francesco Cavalli (1602-1676) haben den Weg ins Repertoire gefunden: "La Calisto" wird häufig gespielt, seltener "La Didone", "Xerse" oder "Giasone" - zuletzt 2007 in Frankfurt. Umso schöner, dass das Team der wunderbaren Münchner "La Calisto"-Produktion - Ivor Bolton am Pult, Regisseur David Alden und Bühnenbildner Paul Steinberg - vor einem Jahr in Amsterdam "Ercole amante" über den aus Liebe zum Mörder werdenden, schließlich getöteten und als Gott in den Olymp erhobenen Herkules opulent und mit viel Witz auf die Amsterdamer Bühne brachten.
Herkules ist hier ein eitler Fatzke, der sich Brust-, Arm-, Bein- und Po-Muskeln als Polster aus Silikon anlegt, die Ausbeulung des Gemächts eingeschlossen. Auf gigantischen Plateau-Sohlen, mal zuhältergleich in Hosen aus hautengem schwarz-glänzendem Leder, einem Oberteil aus Leopardenmuster, mal vermeintlich halbnackt mit blonder Lanhaar-Perücke stolziert er durch die Gegend, nicht minder viril und gockelhaft singend. Bassbariton Luca Pisaroni tut das perfekt und lustvoll. Auch seine Gegen- und Mitspieler/innen in allerlei Nebenhandlungen fühlen sich wohl in den ironisch zugespitzten Volten des Geschehens und in der prachtvollen Musik, fulminant gespielt vom Concerto Köln. Einer Musik, die schon zwischen Rezitativ und Arie unterscheidet - hier oft Lamenti, ein Terzett, ein Quartett und beeindruckende Chöre.
Tenor Jeremy Ovenden verkörpert mit italienischem Schmelz Hylos, Sohn des Herkules und sein Rivale um die Gunst Joles (Veronica Cangemi). Anna Bonitatibus ist eine zickig gurrende Juno, Anna Maria Panzarella eine empfindsame Gattin des Herkules, Bassist Umberto Chiummo überzeugt als Neptun. Zwei groteske Diener-Figuren - Paggio (großartig und erzkomisch: Counter Tim Mead als eine Art Biene-Maja-Willi) und Licco (der prägnante Charaktertenor Marlin Miller) - vervollständigen das Ensemble. Gigantische, schrille Tapeten und Kostüme zwischen fantastisch überkandideltem Barock und Mode-Schick des 21. Jahrhunderts, lebensgroße Puppen, zottelige Untote und Geister - darunter die stumme Rolle des personifizierten Schlafs - , am Ende aber ein goldglänzender Ludwig XIV. alias Herkules, für dessen Hochzeit die Oper einst komponiert wurde: das alles garantiert Unterhaltung auf hohem Niveau, auch wenn die Aufführung nicht den Witz der Münchner "La Calisto"-Produktion erreicht und Misjel Vermeiren in der Bildregie für die Opus-Arte-DVD wenig Originelles zu bieten hat.
Klaus Kalchschmid