Peter Eötvös dirigierte Bartók, Debussy, Varèse und sein "Trompetenkonzert" bei den Münchner Philharmonikern
(München 2. Oktober 2008) Das die Musik Bela Bartoks für den ungarischen Komponisten-Dirigenten Peter Eötvös eine zweite Muttersprache ist, das wissen Insider natürlich längst. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass in seinen Konzertprogrammen oft zumindest ein Stück des großen Ungarn enthalten ist (in diesem Sommer dirigierte Eötvös bei den Salzburger Festspielen die Oper "Herzog Blaubarts Burg"). Beim ersten Konzert einer Serie von drei Konzerten mit den Münchner Philharmonikern, in dem vor allem Jugendliche und Kinder saßen, griff Eötvös selbst zum Mikrophon, um seine Beziehung zu Bartók zu erläutern. Eötvös sprach von der Volksmusik, die Bartók sehr interessierte und inspirierte, aber auch vom Walzer in der Zeit der K.-und-K-Monarchie, den Bartók in seinen vier Orchesterstücken von 1912 (überarbeitet 1921) als eine Art Rückschau noch einmal auf ganz eigene Weise aufleben ließ. Und er erzählte, dass er gar nicht weit von Bartoks ehemaligem Wohnhaus lebe und regelmäßig, wenn er mit seinem Hund spazieren gehe, daran vorbei komme und dabei Bartoks Geist spüre.
Man weiß gar nicht, was man an diesem Konzertabend mehr loben sollte, Eötvös' musikalische Gestaltungskraft als Dirigent oder seine Fähigkeit, Musik erzählend zu vermitteln und anschaulich zu machen. Für das Jugendkonzert war Eötvös trotz des sicherlich eher schwierigen Programms ein absoluter Glücksfall (nur fragt man sich, warum der gesamte obere Block der Gasteig-Philharmonie leer geblieben ist - gibt es vielleicht nicht genug Schüler in München und Umgebung?)
Die selten zu hörenden vier Orchesterstücke (op.12) sind jedenfalls hoch interessante und spannende Musik, die zwischen Impressionismus, Spätromantik und einem karikaturistischem Gestus, zwischen wehmütiger Rückschau und einem eigenwilligen Ausprobieren von Neuem hin und her wechseln.
Was man von Eötvös? nachfolgendem eigenen Stück "Jet Stream" nicht sagen kann. Eötvös schrieb es 2002 als Auftragswerk der BBC und weil er es dem Trompeter Markus Stockhausen widmete, wurde tatsächlich eine Art Trompetenkonzert daraus. Wobei Eötvös das traditionelle "concertare" nicht allzu ernst nimmt. Das Orchester dient zu wenig mehr als zur Klangflächenproduktion, auf der sich die Solotrompete (sehr) frei entfalten kann - mit klarem, rundem und tragfähigem Ton: Hakan Hardenberger. Der Begriff "Jet Stream" bezeichnet eigentlich eine Windströmung in der Stratosphäre, die den Komponisten so faszinierte, dass er sie als Titel und Inspirationsquelle verwendete. Allein, die Faktur des Stücks bleibt beliebig und konturlos - das Stück rausch vorbei wie ein Luftstrom - man kann nicht allzu viel darüber sagen und es bleibt auch nicht allzu viel in Erinnerung.
Wunderbar atmosphärisch musizierten die Philharmoniker nach der Pause Debussys späte "Jeux", eine Ballettkomposition, die Debussy 1912-13 auf die Anregung des Tänzers Vaclav Nijinskys komponierte. Es geht um das Beziehungsgeflecht zwischen einem jungen Mann und zwei Mädchen, die sich beim Tennisspiel treffen und beim Ballsuchen in der Dämmerung in einem Park allerhand erotische Begegnungen haben.
Das Werk eines anderen Franzosen, der freilich die längste Zeit seines Lebens und Schaffens in den USA zubrachte, beschloss diesen anspruchsvollen Konzertabend: "Arcana" von Edgar Varèse, entstanden 1925-27. In "Arcana", das bei seiner Uraufführung und den ersten Aufführungen in Europa Tumulte auslöste, versuchte Varèse die Darstellung einer Klangentfesselung. Immer wieder hört man dabei Zitate aus Strawinskys "Feuervogel". Die Musik Strawinskys führt Varése gewissermaßen weiter, steigert sie, indem er sie noch grotesker klingen lässt, beispielsweise durch Überlagerungen und Collagentechnik.
Auch hier wirkte Eötvös als faszinierend klarsichtiger Klangwalter und Gestalter, ließ die Musik sich in ihrer ganzen anarchischen Kraft, aber auch Vielgestaltigkeit entfalten.
Robert Jungwirth