München setzt Thielemann den Stuhl vor die Tür - ein kulturpolitisches Desaster

Christian Thielemann Foto: Münchner Philharmoniker

Der Stadtrat hat heute beschlossen, Christian Thielemanns Vertrag nicht über das Jahr 2011 zu verlängern. Der Grund: Thielemann war nicht bereit, einen Passus in seinem Vertrag zu akzeptieren, wonach die letztendliche Entscheidungsbefugnis, was die Programme der Gastdirigenten betrifft, beim Intendanten Paul Müller liegt. Die Stadt zog für den Intendanten die Notbremse mit nur einer (!) Gegenstimme.

De facto ist dieser Rausschmiß eines der genialsten Dirigenten unserer Zeit eine kulturpolitische Bankrotterklärung ohne Beispiel. Die Politiker haben mit dieser Entscheidung das Renommée Münchens als Musikstadt internationalen Zuschnitts für ein armseliges Kompetenzengerangel geopfert. Das ist eine üble Krähwinkelei, einer Stadt mit einer musikalisch-kulturellen Bedeutung und Tradition wie München unwürdig. Die Entscheidung ist ein Skandal, der einen langen Schatten auf den Kulturstandort München werfen wird. Das ahnt wohl auch Münchens Kulturrefernt Hans-Georg-Küppers, wenn er davon spricht, dass die Entscheidung "in den Kleidern hängen bleibt". "Wir müssen jetzt schauen, wie wir trotzdem gemeinsam professionell weiterarbeiten", sagte Küppers gegenüber KlassikInfo.de. Da kann man allen Beteiligten nur viel Spaß dabei wünschen.

Robert Jungwirth

Hier der Pressetext der Stadt München im Wortlaut:

Die Vollversammlung des Stadtrates der Landeshauptstadt München hat in ihrer heutigen nichtöffentlichen Sitzung beschlossen, den Vertrag mit dem GeneralmusikdirektorChristian Thielemann über die Saison 2010/2011 hinaus nicht zu verlängern. Christian Thielemann hat den ihm angebotenen Vertragsentwurf nicht akzeptiert, der den Münchner Philharmonikern mehr Handlungsspielraum ermöglicht in Bezug auf Gastspiele, Solisten und Programme, die nicht die des GMD betreffen."Ich bedaure, dass die Notwendigkeit dieses sowohl zukunfts-als auch handlungsfähigen Vertragsmodells von Herrn Thielemann nicht akzeptiert wurde. Ich hoffe jedoch, dass wir bis zum Jahr 2011 auf gute und professionelle Weise weiter zusammen arbeiten können", so Kulturreferent Dr. Hans-Georg Küppers.

Der Münchner Merkur zitiert in seiner Ausgabe vom 23. Juli ein Mitglied des Orchesters mit den Worten:
"Hier wird manipuliert, was das Zeug hält. Es ging der Stadt überhaupt nicht um die Sache, sondern nur darum, ein gefügiges, billiges Orchester und einen ebenso angepassten und günstigen Chefdirigenten zu bekommen."

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Donnerstag, 30-07-09 17:13

Rudolf Grainger

"Ceterum censeo, dass es sich nicht gehört, die Beethoven-Symphonien mit einem anderem Orchester einzuspielen als mit dem, das man ja angeblich ganz alleine prägen will".

Moment... da kenne ich doch einen Dirigenten der mit einem anderem als dem Orchester dessen Chefdirigent er wurde/war einen Beethoven Zyklus eingespielt hat, naemlich den Wienern. Nicht auf Unitel, aber auf EMI.
Wer war das nochmal... rhymes with "kettle".

Dann geballte Ignoranz aus Woerth:

"Endlich geht die Zeit von Führern... zu Ende. München hat ein klares politisches Zeichen gesetzt. Es kann doch bitte nicht wahr sein, dass ein GMD das Programm der Gastdirigenten bestimmen will? Die Vorstellung, ein Orchester wäre dann besser, wenn es beherrscht wird als wenn der Dirigent sich als Partner versteht, haben großartige, aber kooperative Dirigenten doch längst widerlegt!"

Kooperativ wie Mariss Jansons? Das oberflaechlich stille Waesserchen das Diktatorhaft ueber das BRSO herrscht? Orchester sind keine, ware nie welche, werden nie welche sein: Volldemokratien. Es geht darum einen (!) Willen musikalisch Umzusetzen. Sicher kann man auf vielen Wegen zu diesem Ziel kommen, aber wie in der Kueche, ist im Orchester nicht jede Stimme gleichwertig und eine ist final. Viele Koeche machen den Brei nicht besser. Und noch was: Jeder (!) GMD von Ruf kann das Programm von Gastdirigenten bestimmen. Ich kenne keinen der sich da die Butter vom Brot nehmen laesst. (Wie die das dann handhaben mag anders sein... aber die Kompetenzen sind klar verteilt.) Kein Rattle und kein Jansons und kein Barenboim und kein Tilson-Thomas oder Jurowski lassen sich da etwas aufzwingen was sie nicht wollen.

Tatsache ist das sich das Orchester total verschaetzt wenn es meint ohne CT weitermachen zu koennen als wie bisher. In dieser Parternerschaft koenn(t)en sie als spannungsgeladenes Team unglaublich viel erreichen... mehr als mit irgendeinem anderen Dirigenten der realistisch zum dritten Orchester in Muenchen gehen wuerde.

 

Freitag, 24-07-09 12:34

K. Liese aus Berlin

Ich habe gerade Ihren trefflichen Kommentar zu dem Thielemann-Desaster in München gelesen, der mich über andere erschütternd gehässige Stimmen in Zeitungen hinwegtröstet. Ich teile ganz Ihre Meinung und kann überhaupt nicht begreifen, wie es dazu kommen konnte.
Wenigstens Sie reden Klartext! Dafür ein großes Bravo.

Dieses Ergebnis ist das jämmerliche Armutszeugnis von politischen, in musikalischen Fragen völlig unterbelichteten, ahnungslosen Entscheidungsträgern. Offenbar hat es sich bis zu denen nicht herumgesprochen, dass nirgendwo sonst auf der Welt ein
Spitzenorchester auf so ideale Weise mit einem der Besten zusammen
musiziert. Wer auch nur ein Fünkchen etwas von Musik versteht, weiß, dass
unter den heutigen Dirigenten nur wenige Christian Thielemann das Wasser
reichen können, - vor allem was die großen Klassiker und (Spät)-romantiker
Beethoven, Brahms, Bruckner, Richard Strauss, Pfitzner und Wagner angeht.
Die Klangtradition von Sergiu Celibidache fortsetzend, war Thielemann
geradezu prädestiniert für diesen Klangkörper, der auch international mit
dem Orchester große Erfolge erzielte, besonders in Asien. (Von wegen
Thielemann reise mit dem Orchester zu wenig!)
Das soll nun vorbei sein, nur weil Thielemann das Recht für sich
beansprucht, über die Wahl der Gastdirigenten zu bestimmen? Man kann das gar nicht glauben, zumal das doch sein gutes Recht ist. Jeder Chefdirigent mit
einem großen Namen trifft künstlerische Entscheidungen. Schon Celibidache
sprach sich seinerzeit dagegen aus, dass Kollegen wie Karl Böhm verpflichtet
würden, die seinen Klangvorstellungen zuwider standen. Und natürlich obliegt
auch einem Simon Rattle oder Daniel Barenboim die Entscheidungshoheit bei
der Programmgestaltung.
Wie also konnte es zu einem solch unerhörten Bruch kommen?
Vom "Platzhirsch" oder "Supermaestro" ist in einigen Medien abfällig die
Rede: Man könnte es auch positiv formulieren: Thielemann ist eine Autorität.
Eine Führungspersönlichkeit, die sagt, wo es lang geht, macht sich aber
heute leicht unbeliebt. Auch ist Thielemann als Einzelgänger zweifellos
umgeben von Feinden und Neidern. Nicht ausgeschlossen, dass in der ganzen
Affäre auch Intrigen im Spiel sind.
Die Zäsur in München zeigt wieder einmal, wie übel es um die Kultur bestellt
ist, solange Politiker das Sagen haben.

 

Freitag, 24-07-09 12:12

B. Koch

"eines der genialischsten Dirigenten" - ja, der Superlativ ist selbst recht genialisch ... Wer so schreibt, gewinnt bei mir wenigstens nicht so viel Autorität, dass ich seinem Urteil gerne folgen würde.
Ceterum censeo, dass es sich nicht gehört, die Beethoven-Symphonien mit einem anderem Orchester einzuspielen als mit dem, das man ja angeblich ganz alleine prägen will

 

Donnerstag, 23-07-09 10:52

Dominique Adrian

Gut so. So genial ist er ja nicht. Was den Ruf Münchens als Musikstadt schadet, ist das Fehlen eines guten Konzertsaals und einer reicheren Angebot an Gastkonzerten! Und Mariss Jansons und Kent Nagano bleiben, das ist die Hauptsache.

 

Donnerstag, 23-07-09 08:58

Martin Massenbacher aus Wörth

Endlich geht die Zeit von Führern nun auch bei der Leitung von Orchestern zu Ende. München hat ein klares politisches Zeichen gesetzt. Es kann doch bitte nicht wahr sein, dass ein GMD das Programm der Gastdirigenten bestimmen will? Die Vorstellung, ein Orchester wäre dann besser, wenn es beherrscht wird als wenn der Dirigent sich als Partner versteht, haben großartige, aber kooperative Dirigenten doch längst widerlegt!