Schampus, damit's lustig wird

Christine Schäfer und Sven Lehmann als Bassa Selim Foto: Monika Rittersberg

Michael Thalheimer entzaubert "Die Entführung aus dem Serail" an der Deutschen Staatsoper Berlin

(Berlin, 7. Juni 2009) "The abduction from the seraglio" prangt als Titel auf dem Einband des Programmbuches, und mit dieser babylonischen Sprachverwirrung ist die Zielrichtung der Inszenierung vorgegeben: Kommunikationsschwierigkeiten und Beziehungslosigkeit sind die Inhalte des 135 pausenlose Minuten langen Opernabends. Auf einer zweigeteilten grauschwarzen Guckkastenbühne agieren die Protagonisten nebeneinander her, schleudern einander Worte in unterschiedlichen Sprachen an den Kopf, drücken sich möglichst weit voneinander entfernt an die Wände, um mit abgewandtem Gesicht leere Liebesbekenntnisse abzuspulen.

Michael Thalheimer, der Meister der radikalen Reduktion, eliminiert in seiner dritten Musiktheater-Inszenierung alles Märchenhafte, alles Bezaubernde, alles Mehrdeutige auch und alle Situationskomik des Singspiels. Das Minimalistisch-Statische der Inszenierung wird nur selten und dann unmotiviert aufgebrochen, etwa wenn Blonde nacheinander von Osmin und von ihrem Geliebten Pedrillo beinahe vergewaltigt wird oder wenn sich der Wein, mittels dessen Pedrillo den Haremswächter in den Schlaf versetzen will, als Schampus entpuppt, der sich in einer Fontäne über die beiden ergießt. Ansonsten: bleierner Stillstand.

Wäre nicht Mozarts großartige Musik, wären es quälend lange zwei Stunden. Allerdings blieb auch die musikalische Interpretation an diesem Premierenabend einiges schuldig. Christine Schäfer sang als Konstanze zwar eine berückend schöne Traurigkeits-Arie, wie man sie in dieser Innigkeit nicht oft hört, stieß jedoch in den beiden Koloratur-Arien an ihre Grenzen: forciert, stellenweise unsauber bei den Läufen, angestrengt die Höhe, farb- und kraftlos die Tiefe. Maurizio Muraro ist ein eindrucksvoller und stimmlich sehr präsenter Osmin, aber es klapperte manchmal gewaltig bei seinen Einsätzen - wie überhaupt mehr schief ging, als man selbst angesichts des Premierenfiebers so ohne weiteres hinnehmen möchte. Und die Staatskapelle, von Philippe Jordan in straffem Tempo geführt, spielte über weite Strecken wenig differenziert und ließ die Spritzigkeit vermissen, die man in diesem Hause bei Mozart sonst oft hören kann.

Dafür erwies sich Florian Hoffmann als ein idealer Pedrillo, spielfreudig und gestaltungsstark, und Pavol Breslik nach Eingangsschwierigkeiten als wunderbarer Belmonte, mit geschmeidigem und dabei strahlendem Ton. In der dankbaren Rolle der Blonde kam Publikumsliebling Anna Prohaska mit ihrem beweglichen Sopran glänzend zur Geltung.

Musikalisch trotz einiger Abstriche genussreich, szenisch unbefriedigend, wurde dieser Premierenabend vom Publikum mit einer Mischung aus Standing Ovations und Buhrufen quittiert.

Eva Blaskewitz

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