Joachim Schloemer inszeniert die "Entführung aus dem Serail" beim Lucerne Festival. Ein traumatisches Szenario und eine Befreiung am Ende, die auch keine richtige ist.
(Luzern, 14. September 2008) Dieser Bassa Selim ist eine seltsame Figur. Nur sprechend, ohne Singstimme steht er in der Oper außerhalb der Normalität. Statt ihn als Exoten darzustellen, hat Joachim Schloemer in seiner Version von Wolfgang Amadeus Mozarts Singspiel, die Selim-Welt als Maßstab genommen. Ein grässliches Szenario. Eine Entführung hat stattgefunden, wie sie sich in der Gegenwart abspielen könnte. Auf der Bühne (Jens Kilian) sind in mannshohen Kisten Wassertanks eingelassen. Darin, mit Luftschlauch am Leben gehalten, vegetieren die Entführten vor sich hin. Oder sie werden mit Fesseln über die Bühne getrieben, mit Tüten halb erstickt. Mit seinen Opfern führt Selim Experimente durch, "Martern aller Arten". Spiegel dienen der Überwachung. Selim selbst bleibt anonym hinter seiner Maske. Seine Macht ist absolut, er raubt den Entführten nicht nur ihrer körperliche Freiheit, sondern auch ihre Sprache: Sämtliche Dialoge übernimmt er selbst, wandelt sie ins Zynische, Höhnische, ohne Mitleid.
Der Regisseur-Choreograph Schloemer hat so lange an Mozarts "Entführung" gedreht, bis aus der Handlung eine austauschbare Abfolge von Tableaus geworden ist. Die Zeit ist willkürlich zum Stehen gebracht worden. Das soll auch das Publikum merken. Gebannt schaut und hört man und fragt sich doch: Wann wird man aus diesem bedrückenden Szenario befreit? Zu den fünf Sängern gesellen sich fünf Tänzer. Doppelgänger, die Abhängigkeitsverhältnisse verdeutlichen, welche über das Entführungsproblem hinausweisen.
Der Leib abhängig von der Seele - um in der Terminologie der Zeit zu sprechen. Und umgekehrt. Damit streift Schloemer die opernhafte Seite der "Entführung", die Liebesverwirrungen und Seelennöte ihrer Protagonisten. Singen nicht Belmonte und Konstanze, ohne den anderen zu leben, sei "nur Pein"?
Am Rande ist Schloemer auch eine "Entführung" der Musik gelungen, ihr Ausbruch aus dem Korsett der für ewig sanktionierten Abfolge. Improvisationen von Schlagzeug (Murat Coskun) und Orchester (das Freiburger Barockorchester unter Attilio Cremonesi) streuten Irritation in die Aufführung. Und Sinn: Die scharfen Klänge schilderten Bedrückung. Mit dem Unvorhersehbaren wurde den Beteiligten (und dazu gehörte auch das Publikum) der Boden unter den Füssen weggezogen. Schilderte Mozart den Bassa als aufgeklärten und zum Schluss einsichtigen Herrscher, so wirkt der Luzerner Bassa bis zuletzt unverändert (giftig, gichtig: Marianne Hamre). Auch er entlässt zwar seine Opfer, weiß aber um das Trauma, das er ihnen auf den Weg mitgibt wie eine lebenslange Fessel.
Cremonesi und das Freiburger Barockorchester zeigten sowohl die klangmalerische Seite der Partitur, eisige Klänge, Schläge, Seufzer, als auch ihre klassische Seite. In der wenig günstigen Architektur der hallenartigen Luzerner Saales im KKL fand das Orchester erst nach einiger Zeit zusammen. Dann: initiatives, stets durchhörbares Musizieren. Aus dem Solistenensemble stachen die Amerikanerin Robin Johannsen als schlanke, enorm textverständliche und koloraturensichere Konstanze hervor und Eberhard Francesco Lorenz als initiativer Pedrillo. Tänzer und Sänger bildeten spannende Doppel-Einheiten. Vieles, nicht alles, lässt sich so verdeutlichen, ist sinnvoll. Die Botschaft jedenfalls kommt an: Eine Entführung hinterlässt ein unwiderrufbares Trauma. Punkt. So konzentriert hat man Schloemer als Regisseur noch nicht erlebt. Mit Inszenierungen wie dieser macht das Luzern Festival mutige Schritte Richtung Musiktheater. Die lokalen Kräfte aber bleiben außen vor. Bald wird man mit der "Salle modulable" noch eine bessere Spielstätte haben. Ein Festival breitet sich aus.
Benjamin Herzog