Christian Thielemann und die Münchner Philharmoniker begleiten Herbert Wernickes Münchner "Elektra"-Inszenierung in Baden-Baden
(Baden-Baden, 29. Januar 2010) Ein genialer Strauss-Dirigent, eine treffliche Besetzung und eine bewährte, ansprechende Inszenierung: Es gibt nicht viele andere Häuser, an denen solche rundum herausragenden Produktionen geboten werden, wie im Festspielhaus Baden-Baden.
Zwar wurde die Vorfreude auf die diesjährige Eröffnungspremiere der Winterfestspiele von dem Zerwürfnis zwischen Christian Thielemann und den Münchner Philharmonikern etwas überschattet. Doch waren alle Beteiligten motiviert und professionell genug, Enttäuschungen, Differenzen und Spannungen bei der musikalischen Arbeit auszublenden, und so wurde "Elektra" ein ebensolch packendes Opernerlebnis wie im Vorjahr der "Rosenkavalier".
Die bewährten Regiearbeiten des 2002 verstorbenen Herbert Wernicke, die auch nach 15 Jahren mitnichten verstaubt wirken, sind auch ein Teil dieses Erfolgs. Wernickes "Elektra", eine Übernahme der Bayerischen Staatsoper, hatte 1997 Premiere. Es ist eine stilisierte Produktion, eindrucksvoll in ihrer reduzierten Einfachheit und Farbsymbolik: Ganz in Rot getaucht ist die Bühne beim Auftritt der Königin Klytämnestra, an der Elektra für den Mord an ihrem Vater Rache nehmen will; zu einem schwarzen Kerker verengt sich der Raum, wenn Elektra einsam, ausgestoßen und hasserfüllt das Beil schwingt.
Die musikalische Einstudierung wirkt wie abgezirkelt auf dieses präzise Psychogramm der Titelheldin. Das gelingt ohne permanente ohrenbetäubende Explosionen wie man es schon oft gehört hat.
Es sind vielmehr die leisen Töne, die diese Elektra so unheimlich, düster und abgründig grundieren wie den Soundtrack zu einem Hitchcock-Thriller. Immer wieder brodelt es wie in einem Hexenkessel, und kommt es tatsächlich einmal abrupt zu einer Explosion, dann schreckt man regelrecht zusammen. Zum dramatischen Höhepunkt wird dabei jene Szene, in der Elektra in ihren Bruder Orest erkennt.
Und noch eine weitere wichtige Erfahrung lehrt diese Aufführung: Dass scharfe Dissonanzen keineswegs nur mit voller Wucht zur Geltung kommen. Im Gegenteil: Bei geringerer Dröhnung treten die Reibungen sogar deutlicher hervor.
Davon profitieren auch die Sänger, die nie Gefahr laufen, stimmlich unterzugehen. Dabei übertrifft das Ensemble die Erwartungen, allen voran Linda Watson, die mancher noch mit unschönem Flackern als Bayreuther Brünnhilde in Erinnerung hat. Ihre Elektra kommt weitaus schlanker daher. Mit sicher abgefeuerten Spitzentönen, nur selten einmal eine Spur zu tief, und einer bemerkenswerten hochdramatischen Kondition trumpft sie auf. Ebenso trefflich in Form zeigt sich Jane Henschel als Klytämnestra, die ihren Alptraum-Monolog tiefenpsychologisch durchdringt, einem mit unheimlichem Flüstern Schauern über den Rücken jagt und mit einem geradezu gespenstischen Lachen abgeht.
Auch staunen darf man an diesem Abend: Über eine sagenhafte Manuela Uhl (Chrysothemis), deren Stimme sich im Laufe der vergangenen Jahre so enorm entwickelt hat, dass sie jetzt souverän den Sprung vom Ensemble der Deutschen Oper Berlin aufs internationale Parkett meistert. - Und über René Kollo, noch im Alter von 72 Jahren in der kleineren Partie des Aegisth eine Klasse für sich.
Am Ende gab es Ovationen für alle, und doch beschlich einen auch ein wenig Wehmut. Wie konnten sich die Münchner Philharmoniker nur die große Chance entgehen lassen, diese so erfolgreiche Opernarbeit fortzusetzen?
Kirsten Liese