Im Strudel der Rachlust

Orest hat Klytämnestra ermordet. Lehnhoff lässt sie im Schlachtraum hängen. Bild: Clärchen und Hermann Baus.

Die vierte Opernpremiere der Salzburger Festspiele 2010 galt "Elektra" von Richard Strauss. In der diskreten Regie von Nikolaus Lehnhoff entladen grandiose Sängerinnen und Sänger die Wucht der Leidenschaften

(Salzburg, 8. August 2010) Selten hat es bei den Salzburger Festspielen einen so einhelligen Beifall gegeben wie bei der Premiere der "Elektra"-Inszenierung von Nikolaus Lenhoff am Sonntag im Großen Festspielhaus. Keiner der Sängerinnen und Sänger blieb unbeachtet, auch dem Regie- und Ausstattungs-Team wurde Lob gespendet. Aber was passierte dem Dirigenten, Daniele Gatti? Er erntete eine Mischung aus Beifall und deutlichen Buhs. Und die waren kein Zufall. Jedes Mal, wenn er vortrat, waren sie wieder zu hören.

Dass gerade Gatti so polarisierte, war schon überraschend. Gilt er doch als einer der erklärten Lieblinge der Wiener Philharmoniker, denen das verwöhnte und kapriziöse Orchester vorbehaltlos folgt. Mag sein, dass er mit seiner italienischen Geschmeidigkeit für manchen Geschmack der Partitur nicht kantig und hochfahrend genug zu Leibe rückte. Aber dafür gestaltete er eine "Elektra" aus einem Guss, die das Orchester mit einem Klang erfüllte, der, auch im Gedanken an Richard Strauss' vermutlichen derzeitigen Aufenthaltsort, nur als "himmlisch" bezeichnet werden kann. Was für satte, strahlende und entspannt muskulöse Forte-Passagen. Welch zartes, schwebendes Piano der Streicher und welche Schattierungen der Bläser. Ein Genussstück! Diese Orchesterarbeit ist der erste große Luxusposten, der die Produktion tatsächlich "festspielwürdig" macht, wie man das in Salzburg gerne nennt. Es kommen aber noch weitere.

Die Riege der Protagonistinnen, zum Beispiel. Elektra: die schwedische Sopranistin Iréne Theorin. Chrysotemis, ihre Schwester: Eva-Maria Westbroek, aus Holland. Klytämnestra, beider Mutter: Waltraud Meier. Da bleibt keiner der anderen etwas schuldig. Da weiß sich Chrysotemis gegen die Rachegelüste der furiosen Elektra sehr genau abzugrenzen. Da weiß Klytämnestra auch im Wahn der sie quälenden Träume, wie sie die Rolle der Mutter zwischen der Bitte um Hilfe und autoritärem Gehabe changieren lassen muss.
Und natürlich Elektra als Zentrum allen Gefühlstaumels, die alle und alles als Rache für die tiefe Verwundung einspannen will, die ihr Klytämnestras Mord an ihrem Vater Agamemnon zugefügt hat. Weil diese Sängerinnen ihre Kunst so vollendet beherrschen, weil kein Ton ihnen zu entfernt oder unbequem liegt und sie für jede Regung den richtigen Klang kennen, gibt es hier zur Musik von Strauss ganz großes Gefühlstheater, das immer authentisch bleibt und nie in Sentimentalität abgleitet. Eine Frauentrias, wie dieses Stück sie braucht, wie es sie auch verdient. Sie machen Oper, die ihre Zuschauer packt und auch nach dem Schlussdunkel (es fällt kein Vorhang) lange nicht loslässt.

Unter bei den Herren - da zählen ohnehin nur Orest, der beiden Schwestern Bruder und Aegisth, der Mann an Klytämnestras Seite - beansprucht René Pape als Orest die ganze Aufmerksamkeit. Seine Erscheinung wirkt interessant, seine Stimme ist - gewaltig. Wenn sie - von Elektra noch unerkannt - ertönt, weiß man, dass nun eine neue Zeit anbricht. Hier kommt der Fels, an den sich die haltlosen Schwestern lehnen können. Er saugt gleichsam ihre Schreie auf und überdeckt sie mit der Autorität des erfahrenen Mannes, der zum Handeln fähig ist. Was Orest wirklich bedeutet, das macht diese mächtig orgelnde und schillernd strömende Stimme hörbar. Robert Gambills Aegisth macht sich dagegen kurzatmig, nervös, auch: unkonzentriert aus. Es mag zum Rollenbild passen, lässt die Gestalt angesichts ihrer Bedeutung aber auch zu blass.

Was gab es da eigentlich noch zu inszenieren? Recht wenig, dürfte sich auch der mittlerweile 71-jährige Nikolaus Lehnhoff gesagt haben und hat sich zurück gehalten. Er deutelt nicht lange herum, serviert keine neue Lesart, zwingt keine Bilder auf. Er zeigt, in Gesten, in Haltungen, das Befinden der Personen und ihre Beziehung zueinander. Es mag platt aussehen, wenn in der Szene Elektra-Klytämnestra die beiden Frauen einander weiträumig umkreisen, aber es wirkt: Sie sind aneinander gebunden, dabei hat jede Raum für sich. Was führen sie im Schilde, denkt man sich, welchen Schlag bereiten sie gegeneinander vor? Lenhoff belässt die Erregung der Personen bei Ihnen, er verzichtet darauf, auch das Geschehen noch damit aufzuladen. Eine Regel, die er von Hitchcock entlehnt haben könnte. Der zittrig-zögernde Griff zum Messer ist nervenzerfetzender als jede noch so wilde Metzelei.

Großartig transformiert Waltraud Meier das Zerrissene der Klytämnestra in Spiel und Bewegung. Sie gibt auch in ihren Gesten und Bewegungen zu verstehen, dass es nicht die Träume sind, die sie quälen, sondern die Schuld am Mord an Agamemnon. Die Träume sind das Resultat ihrer Schuldgefühle. Auch psychologisch hat Elektra recht, wenn sie der Mutter sagt, dass die Träume erst enden, wenn Klytämnestras Genick sich rot färbt: Erst der Tod kann Erlösung bringen. Waltraud Maier berichtete in einem Gespräch*, dass sie sich die Gestalt der Klytämnestra von einem Psychologen habe analysieren lassen, um sie richtig verstehen zu können. Das Verständnis aus dieser Analyse war unüberseh- und hörbar.

Sehr suggestive Wirkung verbreitet auch das Bühnenbild von Raimund Bauer. Es zeigt den Innenhof eines riesigen Betonbaus, der, wie das Geschlecht der Atriden, in eine schwere Schieflage geraten ist. Eine Mischung aus Gefängnis und untergehendem Schiff, als Symbol einleuchtend und in seinem monotonen Grau der richtige optische Resonanzraum für die farbigen und energischen Klänge aus dem Orchestergraben.

Salzburg hat von Nikolaus Lenhoff, Raimund Bauer, der Kostümbildnerin Andrea Schmidt-Futterer und der Lichtgestaltung durch Duane Schuler eine szenisch unaufgeregte "Elektra" erhalten, die innerlich um so mehr kochen darf. Was sie dann mit voller Hingabe auch tut.

Laszlo Molnar


Weitere Aufführungen am 12., 16., 20., 23, und 28. August.

Information unter www.salzburgfestival.at


*Das Gespräch mit Waltraud Meier, das Jürgen Seeger führte, können sie am Samstag, dem 14.8., in der Sendung "Meine Musik" um 11.05 Uhr im Radio-Programm BR-KLASSIK im Bayerischen Rundfunk hören.

Dieser Artikel ist kostenlos für Sie, aber er ist nicht ohne Kosten entstanden.

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