Die Sänger leisten Ungeheueres

Die Baden-Badener "Elektra" mit den Münchner Philharmonikern unter Thielemann war jetzt konzertant in München zu erleben

(München, 7. Februar 2010) Momente der Rührung sind in Strauss' "Elektra" eher selten. Der Auftritt des Ägisth, des täppischen Liebhabers von Elektras Mutter Klytämnestra zählt eigentlich nicht dazu. Doch wenn der einstige große Wagner-Tenor René Kollo die Bühne der Münchner Philharmonie betritt, um Elektra nach den Boten zu fragen, die "das von Orest" berichten, dann ist das ein bewegender Moment. Und Kollo bleibt der Figur stimmlich nichts schuldig, singt den in Unwissenheit seinem Verderben entgegen gehenden Hausherrn mit noch immer durchschlagkräftigem Tenor.

Ein anderer Moment der Rührung, der wohl ergreifendste der Oper, ist natürlich die Wiedererkennungszene zwischen Elektra und dem tot geglaubten Bruder Orest. Wie hier Thielemann das Orchester vom markerschütternden Aufschrei zum liebeszarten Säuseln bändigt, das ist einfach phänomenal. Und die Philharmoniker spielen das mit einer in der Oper kaum zu erlebenden Präzision und Konzentration.
Es ist vor allem diese punktgenau Übereinstimmung von Orchester und Stimmen, die diese konzertante "Elektra" zu einem so überwältigenden Erlebnis machte (die Kritik der szenischen Version in Baden-Baden können Sie hier lesen). Die Abgründigkeit und Gewalttätigkeit des Textes, der in seiner dichterischen Kraft der Bilder beispiellos in der Operngeschichte sein dürfte, fand in dieser Aufführung den unmittelbarsten musikalischen Ausdruck. Hier wurde das dichterische Wort direkt zu Musik, waren die Gesangslinien in jedem Ton mit sinnstiftender deklamatorischer Schärfe versehen. Vor allem die Sängerinnen der Elektra und der Klytämnestra leisteten hier Ungeheueres, kaum zu Überbietendes. Linda Watson als Elektra ist einfach sensationell. Sie baut die Partie mit einem ungeheueren Spannungsbogen auf, der am Ende fast zwangsläufig in den Tod der Figur mündet, so als könnte es gar nicht anders sein. Und Jane Henschel als Klytämnestra ist so schaurig-abgründig und dabei doch auch bemitleideswert, dass man erschauert.
Jede einzelne Rolle war phantastisch besetzt: Manuela Uhl als leidenschaftliche, anrührend leidende Chrysothemis, Albert Dohmen als markiger Orest - von der Schleppenträgerin bis zur fünften Magd hervorragende Stimmen, wohin man auch hörte. Das gilt auch für den intensiv singenden Philharmonischen Chor unter der Leitung von Andreas Herrmann.
Robert Jungwirth


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