Hamburgs neues Wahrzeichen ist ein Millionengrab

Noch existiert sie nur als Computersimulation: die Elbphilharmonie

Die sich stetig verteuernde Elbphilharmonie bringt die Stadtverwaltung in gehörige Schwierigkeiten

(Hamburg, im November 2008) Es ist düster und feucht. Von der Decke tropft Wasser, auf dem Boden bilden sich riesige Pfützen. Unverkleideter Beton, Bretter und Säcke mit Zement, das ist derzeit in etwa alles, was man im ehemaligen Kaiserspeicher sehen kann. Die vieldiskutierte Elbphilharmonie ist nach eineinhalb Jahren Bauzeit noch immer unsichtbar. Denn um mit dem Bau der Philharmonie beginnen zu können, musste erst einmal der historische Kaiserspeicher, der als Fundament für die Philharmonie dient, entkernt und dann wieder aufgefüllt werden. Vor kurzem wurde die Höhe des Kaiserspeichers erreicht. Neun Stockwerke sind darin eingelassen, sie enthalten die Parkgarage, Probenräume und Räume für das Orchester. Darüber erst wird dann die eigentliche Philharmonie thronen. 26 Stockwerke wird das Gebäude insgesamt zählen, an der Westseite reicht es 110 Meter in die Höhe, an der Ostseite 88 Meter.

Mit ihren gebogenen, hellgrau-blau schillernden Glasflächen an der Außenseite und dem gewellten Dach wird die Philharmonie aussehen wie eine Architektur gewordene riesige Flutwelle. Damit nicht genug der Symbolik. Auf den Fundamenten der alten Speicheranlage, die in ihrem Aussehen erhalten bleibt, liegt der gigantische Bau mit seinem kühnen Zuschnitt wie ein futuristischer Ozeandampfer im Hamburger Hafen.

Dieses Gebäude soll einmal Hamburgs neues Wahrzeichen sein. Deshalb ist den Stadtpolitikern auch so viel an seiner Vollendung gelegen - allen Kostenexplosionen zum Trotz - der Freude an der darin erklingenden Musik dürfte die Begeisterung eher weniger geschuldet sein. Mit der Philharmonie und der angrenzenden Hafencity will sich Hamburg zu einer zeitgeistig-modernen Weltmetropole mausern. Soweit die Vision.

Baubeginn der Philharmonie war im April 2007, Eröffnung sollte 2010 sein. Doch schon zweimal mußte der Termin verschoben werden. Jetzt ist von Mai 2012 die Rede. Die Verzögerungen und Streitereien über Gestaltungsdetails zwischen den verschiedenen Kostenträgern (städtisch und privat) haben die Baukosten mittlerweile in schwindelnde Höhen getrieben. 323 Millionen wird das Projekt den Steuerzahler kosten, dreimal so viel wie ursprünglich geplant. Im Herbst musste der bisherige Projektleiter seinen Hut nehmen. Weitere 100 Millionen bringen private Investoren auf, rund 80 Millionen kommen von Spendern.
Die Elbphilharmonie wird das Sahnestück innerhalb des gigantischen städtebaulichen Projekts Hafencity, mit dem Hamburg nicht nur ein neues Stadtviertel aus dem Hafenbecken stampft, sondern eine Aufwertung für die gesamte Stadt bezweckt. Zunächst wurde die alte Speicherstadt aufwändig restauriert und umgebaut. Jetzt werden darum herum sukzessive weitere ambitiöse Wohnungs- und Gewerbeprojekte verwirklicht.

Der Entwurf für die Elbphilharmonie stammt von den Schweizer Star-Architekten Herzog & Meuron, die zuletzt mit dem Pekinger Olympiastadion für Aufsehen sorgten (auch die Münchner Allianz-Arena entstand auf den Zeichentischen der Schweizer).
Dabei soll die Philharmonie kein Klassiktempel alter Provenienz werden, sondern ein multifunktionales Gebäude: Neben dem Konzertsaal mit seinen rund 2100 Plätzen und einem weiteren kleineren Saal mit ca. 500 Plätzen werden darin ein fünf Sterne Hotel mit ca. 220 Zimmern, rund 50 luxuriöse Appartements, Geschäfte, Restaurants und Cafés Platz finden. Das Foyer, Plaza genannt, das sich zwischen dem Kaiserspeicher und dem Philharmonie-Aufbau rund um das Gebäude erstreckt, soll ein öffentlich begehbarer Platz zum Flanieren und den-Ausblick-auf-den-Hafen-Geniessen werden.

Das Innere des Konzertsaals mit ca. 2100 Sitzplätzen

Für die akustische Ausgestaltung des Konzertsaals, der in der Anordnung der Sitze und Ränge etwas an die Berliner Philharmonie erinnert, wurde kein Geringerer als Yasuhisa Toyota engagiert. Der Akustik-Ingenieur hat so gerühmte Säle wie die Disney-Hall in Los Angeles oder die Suntory-Hall in Tokio gestaltet hat. Gegenwärtig werden aufwändige Tests in einem 1:10 Modell mit Filzpuppen als Zuhörer durchgeführt, die mittels spezieller Messtechniken und differenziertester Computerauswertung die optimale Schallentfaltung in dem Raum und die dafür nötigen baulichen Maßnahmen ergeben sollen.

Das Programm, das in der Philharmonie einst zu hören sein wird, stellt sich Generalintendant Christoph Lieben-Steutter als eine Mischung aus Konzerten der Hamburger Philharmoniker und hochkarätigen Gastorchestern und -Ensembles vor. Dabei soll der modernen und zeitgenössischen Musik - der Architektur entsprechend - ein besonderes Augenmerk gelten. Aber auch aber Jazz, Weltmusik und Popkonzerte soll es geben.

Stand der Bauarbeiten am 28.11.2008

Bei der Bekanntgabe der neuesten Zahlen am Mittwoch (26.11.) versuchte Kultursenatorin Karin von Welck dennoch nicht allzu niedergedrückt zu wirken. Immerhin, meinte sie, habe man nun "größtmögliche Kosten- und Terminsicherheit erreicht". Und Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust sagte: "Ich gehe davon aus, dass das wirklich die letzte Summe ist, die genannt wird. Alles andere wäre eine Katastrophe."
Aber was sind schon ein paar in die Zukunft der Stadt investierte hundert Millionen im Vergleich zu zig-Milliarden, die wir alle gerade maroden Banken hinterher werfen?

Robert Jungwirth