Musik als Waffe

Brecht, Eisler, Dudow Foto: Jüdisches Museum Wien

"Laß uns dir zum Guten dienen: Eisler zwischen Ideologie und Musik" - Eine Ausstellung im Wiener Jüdischen Museum erinnert an den politischen Komponisten Hanns Eisler (zu sehen bis zum 12. Juli)

Hanns Eisler ist interessanter als Mensch denn als Komponist. Zumindest ist das der Eindruck, den die Austellung "Eisler - Mensch und Masse" im Jüdischen Museum in Wien erweckt. Das mag vielleicht nicht die Intention der Kuratoren sein, ist aber verständlich bei einem Charakter wie Eisler, der die grössten ideologischen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts am eigenen Leib erlebt hat. Eisler, der selbsterklärte "Bolschewik ohne Parteibuch", mußte aus drei Ländern fliehen (Österreich, Deutschland, und die Vereinigten Staaten). Er war mit Charlie Chaplin und Arnold Schönberg befreundet, Bruder der Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands, Mann dreier faszinierender Frauen und Oscar-nominierter Filmkomponist (fuer "Hangmen also die" und "None but the Lonely Heart&quot). Die einzige Komposition aber, die einen größeren Bekanntheitsgrad genießt, bleibt seine Vertonung der Hymne der Deutschen Demokratischen Republik, jenes Landes, das ihm für die letzten 13 Jahre seines Lebens Heimat - oder zumindest Heimatersatz - war.

Ein Grund für die relative Unbekanntheit seiner Musik ist sicher das politisch-ideologisch ausgerichtete Komponieren Eislers. Da ihm die Gattug der Klaviersonate zu bourgeois war, schrieb er lieber eine Arbeiterkantate, "Anti-Hitler Lieder" oder Werke wie "Hallo, Kollege Jungarbeiter!" und "Wir sind das rote Sprachrohr". Der ausführliche Katalog, der die Wiener Ausstellung, sieht man von hoch-interessantem Interview- und Audiomaterial ab, nahezu repliziert, bemerkt über den Unterschied zwischen Erich Wolfgang Korngold, dem die letzte Ausstellung im Jüdischen Museum gewidmet war, und Eisler leicht süffisant: "Eisler schrieb keine Opern und Korngold wiederum keine Kampflieder... Während Korngold Gefallen und Gefühle zu erregen suchte, wollte Eisler lehren und motivieren." Für Agitprop - mit entsprechendem Haltbarkeitsdatum - setzte Eisler sein bei Lehrern wie Karl Weigl, Arnold Schönberg und Anton Webern geschultes Talent und Können hauptsächlich ein.

Schönberg, politisch eher von unbekümmert pragmatischem Schlag, hielt nicht viel von Eislers ideologischen Überzeugungen, die er als Capricen ansah, welche er Eisler gerne "mit rechtzeitigem übers Knie legen" ausgetrieben hätte. Diese väterlich abschätzige Meinung wurde nicht nur von der Geschichte bestätigt, sondern war zumindest insofern nicht ganz unberechtigt, als Eisler sich etwas verkrampft als Arbeiterklassenzuarbeiter verstand. Gerne verwies er auf die "proletarische" Herkunft seiner Mutter - auch wenn sich diese auf einen Fleischermeister als Vater beschränkte. Auch war Eisler, notorisches Nicht-Parteimitglied, nie so leichtsinnig gewesen, seine österreichische Staatsangehörigkeit aufzugeben, trotz gehörigen Drucks des Staates. Wie für Brecht, der ebenfalls und wohlweislich seinen österreichischen Pass behielt, blieb Wien Eislers priviligiertes Schlupfloch in welches er, wenn die Repressalien in der DDR zu stark wurden, vorrübergehend flüchten konnte.

Die Ausstellung im Jüdischen Museum zeigt die Lebensgeschichte Eislers in chronologischer Reihenfolge mit verschieden, ausgeleuchteten Höhepunkten. Am Interessantesten sind seine Erlebnisse in Hollywood, die Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht, seine Filmmusik (unter anderem mit dem faszinierenden alternativen Soundtrack zu "Früchte des Zorns") und die Verurteilung vom "House of Un-American Activities Committee" (bei dem ihn seine Schwester erfolgreich anschwärzte, weil sie davon überzeugt war, dass ihr Bruder an der Ermordung ihres trotzkistischen Mannes mitschuldig war). Die "Johann Faustus Debatte", die über die geplante Oper in der DDR hereinbrach und Eisler schwer zusetzte (obwohl sie neben anderen totalitär-staatlichen Nebeneffekten wie dem 18-jährigen Gulagaufenthalt seiner langjährigen Geliebten Hedwig Gutmann oder der Ermordung seines SchwagersArkadij Maslov wohl eher harmlos war) wird in der Ausstellung breit, aber ineffizient, dargestellt.

Überhaupt bleibt die Ausstellung, bei aller Informationsfülle und diversen kleinen Höhepunkten, etwas blass. Was genau sollen zum Beispiel die schwarzen, zitatbesäten "Isotype" Pappmännchen bewirken, die die kleine Ausstellungsfläche zum Hindernis-Parcours machen? Ist die Idee hinter der Positionierung von Eislers HUAC-Akte in krabbelzwingender Bodennähe die, dass dem Besucher einen infinitesimalen Teil des Ungemachs zu vermitteln, das Eisler verspürt haben muß?

War die vorausgegangene Korngold-Ausstellung doppelt so umfassend und erhellend, hinterläßt die Eisler-Ausstellung mit ihren schwarzen Regalen voller Exponate und Zeittafeln einen eher unausgegorenen Eindruck. Erstere war es wert nach Wien zu fahren, letzerer ist nur einen Besuch wert, wenn man schon in Wien ist.

Jens Laurson