Lorin Maazel dirigiert Bruckners Achte bei den Münchner Philharmonikern - ein vorgezogener Einstand als zukünftiger Chefdirigent
(München, 11. Mai 2010) Damit hatten die Münchner Klassikfans wohl kaum gerechnet, dass nach Christian Thielemanns unglücklichem Abtritt als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker 2012 Lorin Maazel für drei Jahre nachfolgen wird. Auch wenn Maazel, der fast zehn Jahre Chefdirigent des Symphonieorchesters des BR war, auch mit 80 noch immer einer der weltweit anerkanntesten Dirigenten ist, hatten sich doch viele über diese Wahl etwas gewundert. Jetzt gab Lorin Maazel in der Münchner Philharmonie seinen vorgezogenen Einstand als zukünftiger Chefdirigent - als Einspringer für den erkrankten Christian Thielemann. Auf dem Programm ausgerechnet Bruckner - den sonst doch eigentlich niemand außer dem Chef dirigieren durfte...
Die Achte ist eine der längsten Symphonien nicht nur Bruckners, sondern der gesamten Musikliteratur. Allein das Adagio dauert länger als eine ganze Haydn-Symphonie. Ein Werk, das höchste Anforderungen an alle Beteiligten stellt, Musiker, Dirigent und Publikum. Ein Dirigent muss klug haushalten mit den enormen kontrastiven Brucknerschen Klangballungen, den Forteausbrüchen und Steigerungen. Und dann sind da ja auch noch die recht frischen Erinnerungen an fantastische Bruckner-Aufführungen mit dem amtierenden Chefdirigenten Christian Thielemann. Doch der 80jährige Lorin Maazel machte klar, dass er nicht gedenkt, sich hinter Thielemanns Bruckner verstecken zu wollen. Maazels Schlagtechnik ist noch immer eine Präzisionsmaschine, mit der er es versteht, selbst komplexeste Partituren wie diese mit spielerischer Selbstverständlichkeit und ordnender Gelassenheit in Musik zu verwandeln. Natürlich dirigierte er die gesamte Partitur des rund 80-minütigen auswendig, und wirkte dabei so agil und beweglich, wie vor acht Jahren, als er das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks verließ, um als Chefdirigent nach New York zu wechseln.
Jetzt kehrte Maazel also nach München zurück zu den Philharmonikern und zeigte mit einer gehaltvoll-intensiven Interpretation dieses anspruchsvollen Werks (mit dem er das Orchester auch nach zu einem Gastspiel nach Paris begleitet), dass er die Münchner Position keineswegs als "Austragshäusl" ansieht, sondern dass von ihm auch in fortgeschrittenem Alter noch immer herausragende Konzerte zu erwarten sind.
Zwar geriet ihm der erste Satz eher eratisch als auratisch, viel geradliniger, ja statischer als Thielemann das dirigiert - und auch die Bläser klangen plötzlich "amerikanisch" vorlaut. Doch in den folgenden Sätzen kamen mehr und mehr gestaltete Klanglichkeit und Tiefe zum Tragen - dabei blieb Maazel stets hellwach in der Ausformung der Klangbalancen, ließ wunderbare Differenzierungen und (mit einer oder zwei Ausnahmen) auf den Punkt musizierte Übergänge hörbar werden.
Das Publikum jedenfalls war begeistert von diesem vorgezogenem Einstand eines großen Dirigenten.
Robert Jungwirth