Das Quatuor Ebène mit vier Haydn-Quartetten
Die kleine Johanniskirche in Hitzacker war am Nachmittag bis auf den letzten Platz gefüllt, als die vier jungen Männer des Quatuor Ebène mit Haydns op. 33/1 loslegten. Und schon nach den ersten Takten faszinierte wieder die Präzision, mit der die vier Franzosen sich jeden Takt zu eigen gemacht hatten, aber zugleich die scheinbare Spontaneität, mit der jeder Ton, jeder Akkord, jede Phrase zugleich wohlüberlegt klang und wie aus dem Augenblick geboren war. Das Andante begann wunderbar tastend in der ersten Violine (Pierre Colombet), um im Presto in ein rasantes Feuer umzuschlagen, das beständig neu angefacht wurde. Im D-Dur-Quartett (op. 71/2) verblüffte, wie eigenwillig die Vier artikulieren und doch immer wieder wie ein Instrument klangen. Ausnehmend originell geriet das Menuett, "fauchend tänzerisch" mochte man es hier überschreiben.
Am Abend folgen das "Reiter-Quartett" in g-moll op. 74/3 und das "Quinten-Quartett" in d-moll op. 76/2. Beide Werke haben die Ebènes schon lange im Repertoire, aber so Schubertnah, so am Rand des Verstummens haben sie den langsamen Satz des g-moll-Quartetts noch nie gespielt. Und im Menuett lagen Abgrund und heiteres Lachen so direkt nebeneinander, dass man nicht wusste, ob man vor Glück oder Angst den Atem anhielt. Auch der erste Satz des d-moll-Quartetts war zum Bersten gespannt, zerrten hier doch Kräfte nach allen Seiten und wirkte die erste Violine auf geradezu irrwitzige Weise "frei". Im Andante, das fast ohne Vibrato, scheinbar gar im Flageolett gespielt war, und im "Vivace assai" waren erneut die Kontraste auf die Spitze getrieben. Doch plötzlich entstand da im rasanten Tempo eine traumverlorene Insel der Ruhe, die niemand vergessen wird, der sie erleben durfte.
Marino Formenti begann dieses dritte Konzert mit Haydns Scarlatti-naher g-moll-Sonate Hob.XVI/44, ließ - wie die Ebènes am Nachmittag das erste Bartók-Quartett - dessen Improvisationen über ungarische Bauernlieder op. 20 folgen und acht Stücken aus Kurtágs "Játékok" (1973). Einmal mehr bewies der großartige Pianist, wie sehr ihm am Detail einer Komposition gelegen ist, am Hineinhorchen in Klänge und Verläufe, so als spiele er nur für sich - und den Komponisten.
Die Konzerte II und III des "Tags mit Haydn" werden am 11.10. ab 22 Uhr auf NDR Kultur übertragen.
Klaus Kalchschmid
Noch bis 2. August. www.musiktage-hitzacker.de