Ein Tag mit Haydn

Marino Formenti Photo: Betty Freeman

Pianist Marino Formenti erhält den Belmont-Preis, das Quatuor Ebène spielt phänomenal Haydn

(Hitzacker, 26. Juli 2009) "Ebenso kühn und geistreich wie seine Interpretation klassischer und zeitgenössischer Musik ist seine Kunst, musikalisch-poetische Programme von subversiver Emotionalität und funkensprühender Inspiration dialektisch zusammenzustellen. Er lässt dabei die Musikstücke aufeinander hören und wird so selbst zum Komponisten". Wenn Gabriele Forberg-Schneider dem aus Italien stammenden und heute in Wien lebenden Pianisten Marino Formenti mit dieser Begründung des Kuratoriums den Belmont-Preis der Forberg-Schneider-Stiftung überreicht, dann fasst sie zusammen, was man nicht nur auf einer wunderbaren Doppel-CD unter dem Titel "Kurtág's Ghosts [Besprechung lesen] hören kann, sondern was soeben vor der Preisverleihung eine knappe, anspruchsvolle Stunde lang bei den Musiktagen Hitzacker live zu erleben war: wie Teile aus Joseph Haydns "Sieben letzten Worten des Erlösers am Kreuz" (op. 51) mit den entsprechenden Teilen aus Bernhard Langs "Monadologie V. The Seven Last Words of Hasan" im chemisch-musikalischen Sinne "reagierten"!

Introduzione und Sonata III ("Ecce Mulier filius tuus - Siehe Mutter, deinen Sohn"), IV ("Deus meus, ut qui dereliquisti me - Vater, warum hast du mich verlassen") und V ("Sitio - Ich dürste") standen sich jeweils parallel gegenüber. Haydns feierlicher "Maestoso es Adagio"-Einleitung folgte eine fast aggressive Cluster-Attacke, die in auskomponierte Free-Jazz-Nervositäten und schließlich in einem verzerrten Haydn-Zitat mündete. In den späteren Teilen seiner "Monadologie V" nahm Lang das motivische Material Haydns als "Monaden" (also nach Leibniz kleine, nicht mehr auflösbare Ureinheiten) auf und schuf daraus seine eigene Musik. Er nahm dabei jedoch nicht Bezug auf Christus und sein Martyrium, sondern auf Hasan, "der im Jahr 1081 der Gründer des islamischen Geheimbundes der Assassinen war, die als Meuchelmörder den christlichen Kreuzfahrern auflauerten und sie umbrachten (die hatten ja auch im Orient eigentlich nichts verloren)", so Gabriele Forberg in ihrer ebenso philosophischen und klugen wie emphatischen, kritischen und immer sehr witzigen Rede [Rede lesen].

In Sonata III schimmerte Haydn anfangs noch stark durch, um schließlich immer mehr aufzusplittern und in sich zu kreisen. Auch in Sonata IV zersetzten sich die Haydn-Anklänge, während in Sonata V über einem Tremolo stetig wachsende Steigerungen plötzlich abbrachen und in immer stärkeres Martellato getrieben waren. Am 10. Oktober  spielt Marino Formenti beim Grazer Musikprotokoll innerhalb des Steirischen Herbstes Langs gesamte "Monadologie V" (22 Uhr, Minoritensaal). Um 23 Uhr gibt es im Kreuzgang eine große Klanginstallation Langs und um Mitternacht folgt in der Mariahilfer Kirche der einstündige Haydn-Zyklus.
Klaus Klachschmid

Quatuor Ebène, Photo: Julien Mignot

Das Quatuor Ebène mit vier Haydn-Quartetten

Die kleine Johanniskirche in Hitzacker war am Nachmittag bis auf den letzten Platz gefüllt, als die vier jungen Männer des Quatuor Ebène mit Haydns op. 33/1 loslegten. Und schon nach den ersten Takten faszinierte wieder die Präzision, mit der die vier Franzosen sich jeden Takt zu eigen gemacht hatten, aber zugleich die scheinbare Spontaneität, mit der jeder Ton, jeder Akkord, jede Phrase zugleich wohlüberlegt klang und wie aus dem Augenblick geboren war. Das Andante begann wunderbar tastend in der ersten Violine (Pierre Colombet), um im Presto in ein rasantes Feuer umzuschlagen, das beständig neu angefacht wurde. Im D-Dur-Quartett (op. 71/2) verblüffte, wie eigenwillig die Vier artikulieren und doch immer wieder wie ein Instrument klangen. Ausnehmend originell geriet das Menuett, "fauchend tänzerisch" mochte man es hier überschreiben.

Am Abend folgen das "Reiter-Quartett" in g-moll op. 74/3 und das "Quinten-Quartett" in d-moll op. 76/2. Beide Werke haben die Ebènes schon lange im Repertoire, aber so Schubertnah, so am Rand des Verstummens haben sie den langsamen Satz des g-moll-Quartetts noch nie gespielt. Und im Menuett lagen Abgrund und heiteres Lachen so direkt nebeneinander, dass man nicht wusste, ob man vor Glück oder Angst den Atem anhielt. Auch der erste Satz des d-moll-Quartetts war zum Bersten gespannt, zerrten hier doch Kräfte nach allen Seiten und wirkte die erste Violine auf geradezu irrwitzige Weise "frei". Im Andante, das fast ohne Vibrato, scheinbar gar im Flageolett gespielt war, und im "Vivace assai" waren erneut die Kontraste auf die Spitze getrieben. Doch plötzlich entstand da im rasanten Tempo eine traumverlorene Insel der Ruhe, die niemand vergessen wird, der sie erleben durfte.

Marino Formenti begann dieses dritte Konzert mit Haydns Scarlatti-naher g-moll-Sonate Hob.XVI/44, ließ - wie die Ebènes am Nachmittag das erste Bartók-Quartett - dessen Improvisationen über ungarische Bauernlieder op. 20 folgen und acht Stücken aus Kurtágs "Játékok" (1973). Einmal mehr bewies der großartige Pianist, wie sehr ihm am Detail einer Komposition gelegen ist, am Hineinhorchen in Klänge und Verläufe, so als spiele er nur für sich - und den Komponisten.

Die Konzerte II und III des "Tags mit Haydn" werden am 11.10. ab 22 Uhr auf NDR Kultur übertragen.

Klaus Kalchschmid

Noch bis 2. August. www.musiktage-hitzacker.de