Der Tod und das Leben

Nein, das sind nicht die "Beatles", aber die Fab Four der aktuellen Kammermusikszene - die Herren des Quatuor Ebène

Eine Sternstunde mit dem Quatuor Ebène und Werken von Haydn, Brahms, Webern und Schubert

(München, 3. März 2008) Kaum hat das begeisterte Publikum im ausverkauften Herkulessaal bei der ersten Zugabe erlebt, dass die vier genialen Jungs aus Frankreich auch perfekt vierstimmig musical-nah singen (!) und dann nahtlos ins Streichquartett-Spiel wechseln können, da bittet Raphaël Merlin einen befreundeten Cellisten - Nicolas Altstaedt - aus dem Publikum auf die Bühne. Und nach zwei Sternstunden erklingt mit dem langsamen Satz aus Schuberts C-Dur-Streichquintett ein viertelstündiges Finale, wie man es sich introvertierer, feiner und schöner gespielt, näher an eine wie auch immer geartete Todeserfahrung gerückt, kaum vorstellen kann.

Glücklicherweise besaß das eröffnende Reiter-Quartett von Joseph Haydn soviel irdische Heiterkeit, soviel Witz und Humor, soviel diesseitige Lebensfreude, dass man zur nach innen gerichteten Abgründigkeit im opus 51/1 von Brahms oder auch der Tiefgründigkeit des langsamen Satzes von Webern das perfekte, ausgelassene, unbekümmert jugendliche Pendant hören konnte. Da durfte das pointierte Finale sogar in ein aberwitziges, spieltechnisch kaum mehr zu bewältigendes Tempo umschlagen, einem wildgewordenen Tango gleich. Auch hier besaß das Largo assai eine so bezwingend rein intonierte, schwebende Ausdruckskraft, dass man sie vier Männern, von denen kaum einer die 25 überschritten hat, kaum zutraut.

Anton Weberns sechs Bagatellen, die zusammen gerade mal vier Minuten dauern, konnte man vom Quatuor Ebène schon oft hören, noch nie aber so wunderbar zart und sprechend in ihrer kaum wahrnehmbaren, sich stets schnell in Luft auflösenden Gestik. ?Augenblick, verweile doch, du bist so schön", hätte man am liebsten gesagt, um jeden Einsatz, jedes Pizzicato, jede flüchtige Figur wie eine Kostbarkeit hörend festzuhalten und zu speichern, auf dass sie der Erinnerung nie verloren gingen. Auch im Langsamen Satz des erst 22-jährigen Webern praktizierten die Ebènes kein spätromantisches Sichverströmen, sondern spielten sie etwa das Hauptthema immer lichter und luftiger, immer weicher und puristischer, so luzide also, dass man am Ende die Bagatellen nahtlos hätte anschließen können.

Kaum ein ¾ Jahr liegt das Konzert in Schloss Nymphenburg zurück, als dem Quatuor Ebène mit dem ersten Brahms-Quartett eine großartige Aufführung gelang. Nun aber war die Reife, mit der sie sich diesem op. 51/1 widmeten, so groß, dass noch mehr Zwischentöne, noch mehr Innerlichkeit, kurz: ein ganzer, über die vier Sätze hinausweisender Kosmos hörbar wure. Schlicht beglückend zu erleben war, dass hier Brahms alle Sperrigkeit und düstere Schwermut fehlte, vielmehr in jedem Takt immer wieder neue Ausblicke in verborgene Welten möglich waren. Vor allem in den beiden Mittelsätzen entwickelten Pierre Colombet, Gabriel le Magadure, Mathieu Herzog und Raphaël Merlin die Musik so überzeugend, manchmal fast zerbrechlich filigran und nach innen hörend, dass man sich dieses Quartett nur noch so gespielt wünscht.

Im Januar nächsten Jahres gastiert das Quartett wieder im Herkulessaal, dann unter anderem mit Schuberts "Der Tod und das Mädchen". Vielleicht sitzt dann wieder Nicolas Altstaedt im Publikum und wir dürfen noch einmal den langsamen Satz aus dem C-Dur-Streichquintett hören ?

Klaus Kalchschmid