Das Quatuor Ébène mit seiner neuen, preisgekrönten Mozart-CD
(November 2011) Gerade haben Sie es in der Sparte Kammermusik für ihre neue Mozart-CD in die Vierteljahresauswahl des Deutschen Schallplattenpreises geschafft. Und erneut muss man eine Aufnahme rühmen, die man ebenso erwartet hatte, wie man wieder davon überrascht ist, WIE aufregend und WIE gelungen sie ist!
Nun haben die vier jungen Franzosen das einleitende d-moll-Quartett KV 421 Dutzende Male im Konzert gespielt. Wer das mehrfach live miterleben durfte, war immer wieder überrascht, welche neuen Facetten, welche faszinierenden Abgründe, und zugleich welche lebensfrohe Spiellust, gepaart mit einer schier unheimlichen Reife trotz der Don-Giovanni- und Requiem-Tonart d-moll da zu erleben waren. Jetzt also die Fixierung für die "Nachwelt". Und mit einem leisen Bangen legt man die Scheibe in den Player ein: Würde es auch in der Konserve so elektrisierend klingen wie im Konzert? Ja, und wie! Allegro moderato ist die Vortragsbezeichnung des ersten Satzes und lauernd langsam beginnt er denn auch und doch sehr schnell wird er im Innersten beschleunigt und - immer wieder wie von Geisterhand beruhigt! Das Trio des Menuetts entfaltet sich wie nicht von dieser Welt und zugleich als zauberhaft zärtlicher, ja erotischer Tanz.
Auch im C-Dur-Quartett KV 465 meint man vier Stimmen eines Instruments zu hören, so symbiotisch, so auf einem Atem musiziert klingt das. Etwa schon die langsame Einleitung, die zum Beinamen "Dissonanzen-Quartett" geführt hat. Bestechend auch hier die Präzision der Intonation, ja die Tatsache, dass jeder sich in den Klang des anderen hineinzudenken scheint. Das ist etwas, das mit Klangbalance nur unzureichend beschrieben ist und tönt, als sei es auf der Stuhlkante musiziert. "Die sich aufstauende Spannung schmilzt schließlich weg (bei sehr hoher Temperatur)", schreibt Cellist Raphaël Merlin im Booklet, und man kann ihm nur beipflichten. Denn allein beim Hören wird es einem ganz gehörig heiß!
Keine zwölf Minuten Intermezzo vermitteln zwischen diesen beiden reifen Werken, doch dass das Divertimento KV 138 die Komposition eines 16-Jährigen ist, lassen die vier jungen Franzosen vergessen. Man weiß zwar nicht, ob die Salzburger Symphonien (KV 136-138) chorisch oder solistisch aufgeführt wurden, aber hört man sie einmal mit den Ébènes, kann man sich nicht vorstellen, diese glasklare, jugendlich aufschäumende Musik jemals wieder von einem ganzen satten Streichorchester zu hören.
Klaus Kalchschmid