Gustavo Dudamel dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Rachmaninow, Strawinsky und Prokofjew - Viktoria Mullova als Solistin
(Berlin, 5. März 2009) Sind die russische und die lateinamerikanische Seele über Zeiten, Länder und Ozeane hinweg verwandt? Man möchte es glauben, wenn man Gustavo Dudamel mit einem rein russischen Programm am Pult der Berliner Philharmoniker erlebt.
Der Jungstar aus Venezuela, gerade mal 28 Jahre alt, hat in den vergangenen vier Jahren zahlreiche der weltbesten Klangkörper zwischen Berlin und Los Angeles dirigiert auch die Philharmoniker bei ihrem letztjährigen Konzert in der Berliner Waldbühne - und seither der Skepsis all derer, die ihn als Produkt geschickter Marketingstrategien beargwöhnten, zunehmend reife musikalische Leistungen entgegengestellt. Gewiss gehört noch immer der Latino-Charme mit zu den Geheimnissen wenn nicht des Erfolges, dann zumindest der Wirkung aufs Publikum: die Korkenzieherlocken, die um das blasse runde Gesicht fliegen, die raumgreifenden Bewegungen, die Herzlichkeit, mit der er die Musiker begrüßt.
Aber all das ist nur Ornament zu tiefem musikalischem Verständnis und tadellosem dirigentischen Handwerk, wie dieses Konzert erneut bewies. Sergej Rachmaninows "Toteninsel" entfaltete nach etwas sprödem Beginn einen großartigen Spannungsbogen, in dem nur die Balance innerhalb des Orchesters manchmal etwas zu wünschen übrig ließ; Sergej Prokofjews patriotisch-glanzvolle 5. Sinfonie mit der symbolträchtigen Opuszahl 100 - nach dem Bekunden des Komponisten "ein Lied auf den freien und glücklichen Menschen (...), seine schöpferischen Kräfte, seinen Adel, seine innere Reinheit" - erstrahlte in satten, leuchtenden Orchesterfarben. Dudamel dirigierte (auswändig übrigens!) mit sichtlichem Faible für die metallisch funkelnden, blechgepanzerten Passagen, aber bei Bedarf auch tänzerisch leicht, mit Sinn für Ironie und Groteske, ohne je zu überzeichnen, souverän und beherrscht.
Die spannendsten Momente des Abends bot jedoch Igor Strawinskys "Konzert in D" für Violine und Orchester: die Begegnung - man möchte, uralte, abgedroschene Klischees bemühend, sagen: zwischen der "Eisprinzessin" Viktoria Mullova und dem lateinamerikanischen Feuerkopf Gustavo Dudamel. Die Solistin spielte dieses exorbitant schwierige Werk, seit langem Teil ihres Repertoires, mit der technischen Souveränität, der Mühelosigkeit, der Differenzierungsfähigkeit, dem Sinn für Humor auch, die sie zu einer der faszinierendsten unter den gegenwärtigen Geigerinnen und Geigern machen; aber auch mit der ihr eigenen Strenge und Unnahbarkeit, die schon äußerlich in starkem Kontrast zu Dudamels überschäumendem Temperament stand. Das klangliche Ergebnis indes war von beeindruckender Homogenität, die kammermusikalische Übereinstimmung zwischen Violine und Orchester, die das Stück verlangt, durchwegs gewährleistet. Eindrucksvoll.
Eva Blaskewitz