Schwermütige Revolutionsmusik

Gustavo Dudamel Foto: Mathias Bothor/DG

Berliner Musikfest: Gustavo Dudamel und die Berliner Philharmoniker

(Berlin, 18. September 2009) Als ein vitaler Feuerkopf hat sich der erst 28-jährige Gustavo Dudamel in den vergangenen Jahren einen Platz unter den ersten Dirigenten erobert. Zunächst war es noch sein heimatliches venezolanisches Simon Bolívar Jugendorchester, mit dem er für Furore sorgte. Inzwischen leitete der prominenteste Vertreter der vorbildlichen Jugendorchesterbewegung von Caracas, bei dem man sich auch im Hinblick auf Temperament und äußerer Erscheinung an den jungen Sergiu Celibidache erinnert fühlt, auch zahlreiche andere Spitzenorchester und amtiert seit Beginn dieser Saison als neuer Chef des Los Angeles Philharmonic.

Sein großer Erfolg und seine vielen Auftritte haben Dudamel zum Glück noch nicht zu einem Routinier gemacht, ihm nichts von seinem Charisma genommen, wovon man sich jetzt auf dem Berliner Musikfest überzeugen konnte, wo er als Gastdirigent der Berliner Philharmoniker zu erleben war. Auf dem Programm stand Schostakowitschs Zwölfte in d-moll op.112, die Dudamel sogar auswendig beherrscht, was ihn frei und erhaben über den Notentext macht, worin er ebenfalls Celibidache nicht unähnlich ist, nur dass der Rumäne mit fortschreitendem Alter weise darum wusste, dass bombastische Klangballungen nach deutlich langsameren Tempi verlangen. Schostakowitschs Zwölfte birst geradezu vor negativen Energien und endet im brutalst möglichen Fortissimo.

Ein klingendes Porträt Lenins sollte das werden, zum 22. Parteitag der Kommunistischen Partei, der Schostakowitsch unter Chruschtschows Druck hin beitreten musste. Doch am Ende zeigte er sich unzufrieden: "Ich hatte mir eine bestimmte schöpferische Aufgabe gestellt und... endete mit einem völlig anderen Ergebnis. ...Das Material widersetzte sich." Doch man tut dem Werk unrecht, wenn man es als lärmende Revolutionsmusik abtut. Wie alle Partituren Schostakowitschs erzählt auch diese von Leid, Not und Angst. Schließlich geht es nicht nur laut und verherrlichend zu in dieser viersätzigen Sinfonie ohne Pause, sondern oft zieht sich auch eine tiefe Düsternis durch die Musik, schon präsent im Eingangsmotiv der tiefen Streicher. Großartig, mit welcher Ausdruckstiefe Dudamel sich in diese Welt als Südamerikaner hineinfühlt, wie viel Schwermut in solchen Momenten aufscheint. Auch die trefflichen Holzbläser der Berliner kommen zum Zuge, immer wieder erheben sich melancholische Klagetöne in Fagott und Klarinette, bevor die Aggressivität wieder die Oberhand gewinnt.

Am tiefsten unter die Haut aber gehen die Momente, wenn es ganz leise wird, wenn die Resignation in Stille verebbt und es scheint, als bliebe die Zeit stehen. Dudamel, mit dem eben noch die Pferde durchzugehen schienen, wirkt hier ganz besonnen und in der Reife seinem Alter weit voraus.

Begonnen hatte der Abend mit einem der schwächeren Werke Sofia Gubaidulinas: "Glorious Percussion", 2008 uraufgeführt von den Göteborgern Symphonikern ebenso unter Gustavo Dudamel, zerfällt ein wenig in Einzelbausteine. Trommel, Becken, Gong, Maracas, Tempelblöcke, Klangstäbe oder Triangel: Jedes der vielen Instrumente des imposanten, von fünf Schlagzeugern bedienten solistischen Perkussionsapparats ist mal dran, erprobt sich in allen seinen klanglichen Möglichkeiten. Ein wenig hat das etwas Didaktisches von Instrumentenkunde, auch wenn dann und wann durchaus raffinierte, ungewöhnliche Klangexperimente gelingen. Dem Orchester, das sie mit rhythmisierten Übergängen verbindet, kommt dabei weniger Bedeutung zu. Und auf energetische, stark rhythmisierte Ekstasen wie man sie von japanischen Taiko Drummers kennt, wartet man vergeblich. Das erwartete große Schlagzeug-Feuer, es blieb bei diesem Stück aus.

Kirsten Liese