Die Donaueschinger Musiktage 2008: Mit Guerillakämpfern auf Wahrheitssuche, mit Studenten im Gemeinschaftsprojekt, mit der Konkurrenz auf der Bühne
(Donaueschingen, 19. Oktober 2008) Straßenmusiker sieht man in Donaueschingen normalerweise keine. Das Pflaster des properen Schwarzwaldstädtchens ist - zumindest während der Musiktage - für solche Einkünfte wohl zu hart. Letztes Mal jedoch säumten mehrere davon die Karlstrasse - auf Video. Der Performancekünstler Dror Feiler hat Aufnahmen aus der ganzen Welt für seine Installation "Ondinnonk" gesammelt. Erniedrigt, geknechtet, verlassen - um mit einem anderen "Donaueschinger", Klaus Huber, zu reden - sind diese Menschen, die oft nichts weiter tun, als ein Glöckchen zum Klingeln zu bringen. Ist das Musik? Wir sagen nein, und überhören so die Notsignale, die Dror Feiler, unermüdlicher Kunstaktivist, sammelt und weitersendet.
Zu Beginn der Musiktage spaltete Feiler die Hörgemeinde mit den "Cantos de la columna vertebral". Die Wirbelsäulengesänge zeigen Guerillakämpfer beim Singen religiös-revolutionärer Lieder. Dazu flimmert Brecht über einen Bildschirm. Seine "Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit" bestehen noch heute: Den Mut zu haben, die Wahrheit zu finden, sie "als Waffe" einzusetzen im Kampf gegen die ungleich verteilten Güter - das hatte gerade in dieser schwarzen Oktober-Börsenwoche brisante Gültigkeit.
Und doch: Feilers mit einem ohrenbetäubenden Saxophonsolo untermalter Appell trieb die Leute nicht auf die Barrikaden sondern ins nächste Konzert, bestritten vom SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden Freiburg unter Pierre Boulez. Kitsch eines werdenden Vaters mit Fabian Panisellos "Aksaks", Isabel Mundrys Orchester und Solist in vielerlei Beziehungen setzendes Klavierkonzert "Ich und Du" und das klug gedachte, atmosphärische und die gute alte Technik der Motivverarbeitung aufgreifende Stück "Altbau" von Enno Poppe mündeten in - wer hätte es gedacht - ein Boulez'sches Werk. "Figures - Doubles - Prismes" von 1964 verschlang angeblich über die Hälfte der Probenzeit, die Aufführung war dann allerdings auch wirklich packend. Boulez trat in Donaueschingen als Ehrengast auf. Er war vor knapp einem halben Jahrhundert in Donaueschingen als Dirigent eingesprungen und bezeichnet diesen Termin als Beginn seiner Dirigentenkarriere.
Die Stadt Donaueschingen baut zwischen die beiden als Konzertort suboptimal geeigneten Donauhallen einen neuen Saal mit angemessener Akustik, größere Foyers und Künstlergarderoben. Inbetriebnahme 2010. Auch auf künstlerischer Seite renoviert sich das Festival: Chaya Czernowin und sechs ihrer Studenten traten zum "Dialogue Experiment" an, einer leider missglückten Gemeinschaftskomposition, die letztlich doch wieder jedem Einzelnen seinen eigenen Abschnitt gab: quälende eineinhalb Stunden.
Noch länger, nämlich satte sieben Stunden (mit Pausen) dauerte die "Ensembliade". Dazu waren das Pariser Ensemble Intercontemporain, das Frankfurter Ensemble Modern und das Klangforum Wien angetreten. Man hätte diese Spitzenversammlung noch mit der London Sinfonietta ergänzen können. Doch auch so erweiterte der Konzertmarathon konkurrierender Ensembles das Uraufführungs-Hören um eine interessante Komponente: die Interpretation. Die Ensembles "liehen" einander jeweils ein Stück aus, sodass dieses doppelt erklang. Ob etwas gelungen ist oder nicht, lässt sich bei erst- und leider oft einmaligem Hören ja selten genau sagen. Eklatant aber war der Unterschied etwa in Aureliano Cattaneos "Sabbia". Unter Susanna Mälkki spielte das Ensemble Intercontemporain eine unbeteiligte Fassung, das Stück zerbröselte. Emilio Pomárico und das Klangforum Wien dagegen beatmeten es mit sanfter Musikalität, brachten Struktur und Spannung hinein.
Donaueschingen zeigte sich im goldenen Herbstgewand, die Torten im Café Hengstler verströmten Sahnewonne, die 10'000 Konzertbesucher verteilten sich ohne Hektik über das Städtchen. Grosses gab's dann zum Abschluss. Brice Pausets "Die Tänzerin" ist die in Gedanken aus dem Weltall gemachte Beobachtung einer Tänzerin. Wir hörten Musik, die sich in verschiedenen Drehbewegungen abspielt und dabei, wenn sich die Kreise an einem gemeinsamen Punkt überschneiden, eine unerhörte Dynamik bekam. Sylvain Cambreling und das SWR-Sinfonieorchester interpretierten das schöne, durchsichtige Stück elegant und rissen einen doch immer wieder vom Stuhl. Danach erklang Ben Johnstons "Quintet for Groups". Der US-amerikanische Altmeister arbeitet darin mit Mikrotönen in einem komplexen System. Die Uraufführung 1967 krankte an Widerstand und Schlamperei, in der deutschen Erstaufführung wirkte das "Quintet" selbstverständlicher, ja sogar mit leichten Alterserscheinungen. Friedvolles Ausklingen, ein gerührter Johnson auf der Bühne.
Ein Ausklingen war auch "Mort et vie de la mort" von Emmanuel Nunes, ein wiederholtes Aufbäumen und qualvolles Verlöschen. Nunes handhabt souverän die verschiedensten Klangmittel vom knochentrockenen col legno-Spiel über die Farbe einfacher choralartiger Akkorde zu komplex dichten Feldern. Groteskes, Ironie, Müdigkeit und Schärfe waren zu hören. Fünfzig Minuten dauert das Stück. Die große Form, die zeitlose Aussage prägten sich einem stärker ein, als die vielen kurzen Novitäten. Und: Das Stück gab einem die nötige Zeit, sich einzulassen auf den langsamen, von einer immer unwichtiger werdenden Hektik überlagerten Puls. Ein Puls, der schlägt und schlägt und fast nicht aufhören will.
Benjamin Herzog
Nächste Donaueschinger Musiktage 16. bis 18 . Oktober 2009