Mozarts "Don Giovanni" zur Scala-Saisoneröffnung mit Anna Netrebko, Peter Mattei und Bryn Terfel - am Pult der neue Musikchef Daniel Barenboim
(Mailand, 7. Dezember 2011) Wenn der Oper, dem Regisseur, dem Dirigent und im Durchschnitt auch den Sängern eines Projekts ein guter Ruf vorauseilt und das auch noch zur Saisoneröffnung der Mailänder Scala - was soll da schon schiefgehen? Und in der Tat, am Applaus gemessen hätte man am Schluss meinen können, einem großen Abend beigewohnt zu haben. Doch leider war dem nicht ganz so.
Geht es in "Don Giovanni" um heiligen Ernst oder um Spaß? Wir darf man "Dramma giocoso" übersetzen? Wohl so, dass das Heitere und Komische nicht zu kurz kommen soll. Aber selbst wenn man den Schluss wegließe, würde einem da der schöne Spaß nicht gehörig ausgetrieben, blieben da nicht nur Blut und Tränen und viele offene Fragen übrig? Und wenn der geliebte böse Libertin zur Hölle gefahren ist, was wissen wir über ihn, der außer der sogenannten "Champagnerarie" und dem Ständchen keine "wirkliche", auf jeden Fall keine große Arie zugedacht bekommen hat, keine, in der er uns etwas über sich preisgegeben hat?
Im Grunde ist er das, was in ihn hineinprojiziert wird, von den Figuren auf der Bühne wie von den Menschen im Publikum. Ist er eine reale Figur? Nein, sagt Robert Carsen, der Regisseur der Mailänder Aufführung, er ist ein Mythos, ein Phantom, eine nicht greifbare Figur, um die sich Erdichtetes, Erfundenes und Phantasiertes rankt. Er ist - mit einem Wort - eine Erzählung, nicht Wahrheit, sondern Dichtung.
So weit, so gut. Nur muss das einen roten Faden haben, sinnlich wahrnehmbar sein. Man muss erkennen, wer warum und aus welchen Motiven zu den Agenten der Normalität zählt, wer Don Giovanni widersteht und wer im Begriff ist, ihm zu erliegen. Es genügt nicht, wenn jemand sagt: "Don Ottavio, mir wird schlecht. Der da ist der Mörder meines Vaters." Der Zuseher muss auch begreifen, was hinter diesem Satz steckt.
Darum fallen die meisten Inszenierungen von Mozarts Oper so unbefriedigend aus. Und genau das ist auch in Mailand passiert: Der Regisseur hat sich im Raumkonzept verfangen und die Personenführung aus den Augen verloren. An die Stelle einer stringenten, menschenführenden Regie sind gute, aber nicht durch den roten Handlungsstrang motivierte Gags getreten, etwa der, dass der Komtur in der Friedhofsszene dem Titelhelden die Einladung zum Abendessen von der Regierungsloge aus bestätigt, just zwischen dem Staatspräsidenten und dem Premierminister postiert. Das wäre nicht einmal aufgegangen, wäre Berlusconi noch dort gesessen.
Das ist beileibe kein "nicht genügend", aber doch ein kritisches "unbefriedigend". Der Romantik galt Mozarts "Dramma giocoso" als "Oper aller Opern". Was sie in Roberts Carsens Regie-Sicht ist, wurde nicht recht klar. Ist Don Giovanni einer von uns oder ist er nur als Mythos in uns oder ist er von allem etwas? Auf jeden Fall klettert er zu Beginn aus dem Publikum auf die Bühne, lässt den Vorhang fallen - und gibt den Blick auf einen riesigen Spiegel frei, der den Zuschauerraum reflektiert. Mag schon sein, dass alle Menschen gleich sind und auch so widergespiegelt werden. Aber das ist - zumindest bei der "Inaugurazione" - was anderes als im Stadttheater. Hier muss man für die beste Kategorie 2400 Euro hinblättern, vom Schwarzmarkt-Agio ganz zu schweigen. Und doch war dieses Jahr eine ganz eigene Stimmung im Raum, so, als hätten sich die Zuseher angesichts der traurigen Lage der Staatsfinanzen auf einen besonders dezenten Kleidungscode geeinigt, der auch den Frauen schlichtes Schwarz verordnete.