Claus Guth inszeniert und Bertrand de Billy dirigiert den neuen Salzburger "Don Giovanni"
(Salzburg, 27. Juli 2008) Wie einen Pistolenschuss lässt Bertrand de Billy den Eröffnungsakkord der Ouvertüre ins Auditorium des Hauses für Mozart knallen. Wenige Takte später fällt auf der Bühne tatsächlich ein Schuss. Durch eine kreisrunde Öffnung im schwarzen Bühnenvorhang blickt man auf den Zweikampf zwischen Don Giovanni und dem Komtur, der damit endet, dass Don Giovanni den Komtur mit einem Holzprügel erschlägt, der jedoch, bevor er stirbt, noch auf seinen Widersacher schießen kann und den Don deutlich sichtbar verletzt. Ein spektakulärer Beginn, als wollte Regisseur Claus Guth klarstellen, dass hier kein "Dramma giocoso", sondern vielmehr ein Tatort zu erwarten ist. Und so wiederholt sich die Szene kurze Zeit später in der Chronologie der Oper noch einmal genauso, was zur Folge hat, dass Don Giovanni bis zu seinem unrühmlichen Ende mit einem Bauchschuss herumlaufen muß.
Die Zweikampfszene sowie die gesamte Oper spielen in einem (Fichten-)Wald (hyperrealistisch gestaltet von Bühnenbildner Christian Schmidt), der durch den häufigen Gebrauch der Drehbühne und verblüffende Licht- und Schattenwirkungen (Licht: Olaf Winter) beständig neue, verwirrende Perspektiven eröffnet.
Notdürftig leistet Leporello seinem Herrn erste Hilfe, desinfiziert und verbindet die Wunde. Dann jagt er ihm gekonnt eine Spritze in den abgebundenen Unterarm - ob Morphium oder Heroin, wer weiß. Jedenfalls genügt die Behandlung für die Rekonvaleszenz ganz offensichtlich, denn noch mit der Hand auf der Bauchschusswunde träumt Don Giovanni schon wieder von neuen Eroberungen. Was ist Heroin gegen Frauen? Für Don Giovanni sind sie das wahre Rauschmittel, der Suchtstoff, nach dem er giert wie ein Junkie. Zunächst jedoch nähert sich ihm die Spaßbremse Donna Elvira. Ihre Racharie singt sie in einem verrostenden Buswartehäuschen, an dem - so sieht es aus - schon lange kein Bus mehr vorbei gekommen ist. Ein krasses Bild für eine ausrangierte Geliebte. Dorothea Röschmann trifft perfekt den Ton zwischen Zorn und Hoffnung mit klangvollem, perfekt timbriertem Sopran. Auch Elvira ist eine Getriebene. Insofern ist sie durchaus das passende Pendant zu Don Giovanni.
Der Bauchschuss, der den Don zu einem mozartischen Amfortas macht, führt ihm seine ablaufende Lebenszeit deutlich vor Augen. Dadurch - so Guths Idee - kommt in ihm das Berserkerhafte erst so richtig in Fahrt. Doch braucht Don Giovanni eine solche Motivation für seine Getriebenheit überhaupt? Schließlich war er vor seinem Bauchschuss auch nicht viel anders gepolt. Eine schöne, wenngleich unnötige Idee also. Wie Claus Guth diese Lebensgier aus Todesangst jedoch im Detail inszeniert, wie Christopher Maltman die (selbst-)zerstörerische Brutalität Don Giovannis spielt, stimmlich wie darstellerisch überragend, das ist ungemein faszinierend anzusehen und -hören und in dieser Dichte und Intensität nur selten auf der Opernbühne zu erleben. Allein der Körpereinsatz, den Guth Maltman abverlangt, ist spektakulär: Auf dem Rücken liegend mit dem Kopf nach unten singen, ist da fast noch eine leichte Übung. Das gilt auch für den treuen Gefährten Leporello (Erwin Schrott), mit dem Don Giovanni so manchen nicht nur verbalen Zweikampf austrägt. Natürlich bleibt die Gefolgschaft im Schlepptau eines solchen Dienstherrn für Leporello nicht ohne Folgen. Einen kleinen Psychoknacks hat auch er davon getragen. So befällt Leporello mitunter ein unkontrollierbares Zucken im Gesicht, etwa wenn er Elvira das "Erfolgsregister" seines Herrn vorträgt. Da ringt auch der Diener mit der Fassung. Die kraftvoll, kernige Stimme von Erwin Schrott steht dazu nicht im Widerspruch, ein Weichling ist dieser Leporello keineswegs.
Angesichts der Bühnenpräsenz der beiden männlichen Protagonisten geraten die anderen Figuren der Oper mit Ausnahme von Elvira fast ein wenig in den Hintergrund. Donna Anna ist in Guths Interpretation eine unreife, zwischen bequemem Opportunismus und zickenhafter Anarchie unentschiedene höhere Tochter, die wenn's brenzlig wird, sich in ihr Auto verkriecht, Türen und Fenster verschließt und erstmal eine Zigarette raucht. Annette Dasch singt sie undamenhaft mit schlankem, höhenorientiertem Sopran. Don Ottavio (hervorragend Matthew Polenzani) ist ein Sicherheitsfanatiker mit Potential zu Höherem. Seine Arie "Dalla sua pace.." gerät mit zum Anrührendsten, was an diesem Abend zu hören ist.
Als zuverlässiger Begleiter erweist sich Bertrand de Billy am Pult der Wiener Philharmoniker. Allerdings bleibt sein Dirigat bis auf einige dramatische Akzente eher pauschal, mehr Klangverwaltung denn Klangrede.
Zusehends verwirrender wird im Lauf der Oper die Gemengelage in dem Wald, in dem sich Schicksale kreuzen - bis hin zu Don Giovannis Vision von Bräuten, die er hinter den vielen Bäumen zu erkennen glaubt. Der Wald wird zum Labyrinth menschlicher Verstrickungen und Verwicklungen, die allesamt mit dieser einen Person Don Giovanni verknüpft zu sein scheinen. Während der vorletzten Szene mit Don Giovanni und Leporello schaufelt der Komtur (mit mächtigem Bass: Anatoli Kotscherga) nebenan schon mal das Grab für Giovanni im weichen Waldboden. Am Ende muss der nur mehr hineinfallen.
Robert Jungwirth
Weitere Vorstellungen am 3., 8., 11., 16., 19., 25. und 29. August