
Zu Gast bei den Endproben der "Don Giovanni"-Neuinszenierung an der Deutschen Oper Berlin
(Berlin, Mitte Oktober 2010) Eigentlich sollte in einer Hauptprobe, in Theaterkreisen auch HP genannt, nach vier Bühnen-Orchester-Proben, BO genannt, das Zusammenspiel aller Teile in einem "Durchlauf" getestet werden: das Licht, szenische Verwandlungen, Auf- und Abtritte der Sänger, die Balance mit dem Orchester, bevor nach der ebenfalls möglichst ohne Unterbrechungen ablaufenden Generalprobe (GP) noch einmal der letzte Feinschliff kontrolliert wird.
Doch in der Hauptprobe zum neuen "Don Giovanni" an der Deutschen Oper Berlin folgt die erste Unterbrechung schon kurz nach der Ouvertüre. Dann, wenn der Vater Donna Annas, gemeuchelt von ihrem mutmaßlichen Vergewaltiger Don Giovanni, sein Leben ausröchelt. Bei Regisseur Roland Schwab liegt er auf dem Rücken ohne die Möglichkeit den Dirigenten zu sehen, also gibt es, wenn auch nur kaum hörbare, musikalische Differenzen. Dirigent Robert Abbado aber bricht ab, und dem Sänger wird ein Fernsehmonitor versprochen, über den er Kontakt zum musikalischen Leiter halten kann. Wo aber bitte soll der hängen? Einstweilen wendet Ante Jerkunica sich bei der Wiederholung in dekorativ stabiler Seitenlage frontal zum Publikum, was die Situation eines Sterbenden ad absurdum führt. Der Regisseur rauft sich daraufhin zum ersten Mal die Hände, ein leises "Ich fass' es nicht" vor sich hinmurmelnd. Das soll sich noch ein paar Mal wiederholen, denn mehr als ein Auftritt verzögert sich, mancher Zwischenvorhang öffnet sich zu schnell oder zu langsam, am Ende geht zu früh das Arbeitslicht an, wichtige Bühnenbildteile drehen sich falsch. In der GP tags darauf läuft dann alles wie am Schnürchen, auch auf dem Rücken liegend, und ohne Monitor, eben nach Gehör!
Die schlimmste Irritation freilich trifft den Sänger des Leporello. Wenn der in der Gestalt seines Herrn Don Giovanni auftreten und einen Kleinwüchsigen in der Hocke mimen soll, braucht er dafür einen entsprechenden kurzen, sperrig-steifen Mantel. Der war aber bis zur HP nicht fertig geworden und nun bricht es vehement auf italienisch aus Alex Esposito heraus: "Ich hab' tausendmal gesagt, dass ich mit diesem blöden kleinen Ding PROBEN muss, aber bitte nicht erst jetzt mit Orchester!" Spricht's und wirft das Teil, das ihm ein verschüchterter Inspizient noch einmal vorsichtig reichen will, mit wütender Geste in die Gasse. Fortan ist dem heißblütigen jungen Bassbariton jede Lust vergangen, seine Leib-und-Magen-Partie nicht nur akkurat zu singen, sondern auch so zu spielen. Tags darauf ist das anders, und wie gewohnt spielt Esposito ein aufregend quirliges, in jedem Moment hellwach freches, oft infernalisch lachendes Teufelchen.
Warum Roland Schwab die vielen, durchaus ungewöhnlichen Unterbrechungen so irritieren, begreift man erst bei der Generalprobe, wenn seine Inszenierung der Reduktion, aber auch der kontrollierten Exstase und des ironischen Kommentars glatt über die Bühne geht. Denn dem Don Giovanni in der mächtigen Gestalt des auch prägnant singenden Ildebrando D'Arcangelo stehen bis zu 24 Statisten gegenüber. Sie doublen zum Teil ihn, zum Teil aber auch Leporello oder die Gefolgschaft des Bauernjungen Masetto (Krzysztof Szumanski), dem Giovanni seine Braut Zerlina (Martina Welschenbach) abspenstig macht. Zwölf von ihnen stellen beim einsamen Abendessen Giovannis, das als perfektes Zitat von "Dinner for one" beginnt, bei dem allerdings nicht über ein Bärenfell, sondern eine Frauenleiche gestolpert wird, Leonardos Abendmahl nach! Wunderbar hintersinnige Anspielungen sind das, wie überhaupt Schwabs intelligente, durchdachte, mutige Regie nach der Pause komödiantische Freiheiten zulässt, spielerischer wird, bis mit der Höllenfahrt der Titelfigur wieder der Ernst dominiert.
Vor der Pause aber legt Schwab nicht zuletzt mit seinen Statisten den Finger auf die Wunde so mancher Arie, etwa in der Register-Arie Leporellos, während derer sich die Männer Elvira provozierend lustvoll mit zitternd vibrierenden Sonnenbrillen lasziv auf Schaukelstühlen wippen - was Leporello schon mal für einen Quickie ausnutzt - oder das atemlose "Fin ch'han del vino", die berühmte Champagnerarie Don Giovannis: Da drehen sich die Männer wie wildgewordene Spielzeugfiguren um sich herum - jeder für sich nach verschiedenen Seiten und in unterschiedlichem Tempo! Dass der Don das Duett mit Zerlina erst einmal an die Adresse Elviras (Ruxandra Donose) singt, ist ebenso schlüssig wie die S/M-Spielchen, mit denen Zerlina Masetto zugleich demütigt und aufgeilt.
Sowohl für das große Fest am Ende des ersten Akts - mit den beiden Bühnenorchestern links und rechts in den Proszeniumstürmen, was sehr effektvoll aussieht und akustisch prägnant klingt! - wie die finale Höllenfahrt findet Schwab eindrückliche Bilder auf der sonst fast leeren, immer wieder magisch beleuchteten Bühne (Piero Vinciguerra), von der sich nur die Figuren mittels Scheinwerfer-"Verfolger" hell abheben: rotierende Metallskulpturen, auf denen Frauen sich anbieten, während ein halbnackter Jesus an der Rampe Trimmrad fährt, eine schwer verletzte barbusige Schöne mit verschraubten Beinen über das Proszenium stackst oder ein unschuldiges kleines Mädchen in Weiß noch nach Ende der Musik an der selben Stelle die Bühnenbreite vor dem Orchester abschreitet. Sie wird Giovanni nach der Pause erwürgen, bevor er sie mit seinem Ständchen wundersamerweise wieder erweckt.
Die heikle, szenisch selten befriedigend zu lösende Friedhofsszene lässt Schwab durchaus schlüssig vor dem eisernen Vorhang spielen, nicht ohne auch hier seinen Scherz mit dem Ernst zu treiben, etwa wenn Leporello statt einer Inschrift am steinernen Grabmal des Komturs die Übertitel mit seiner Taschenlampe anstrahlt und - auf deutsch! - vorliest: "Hier warte ich auf die Rache an dem Schändlichen, der mir mein Leben raubte." Vor der Höllenfahrt aber öffnet sich buchstäblich die Unterwelt - in Gestalt der auf- und abfahrenden Hubpodien über rot waberndem Trockeneis - mit den gefährlich schwankenden, sich kaum aufrecht halten könnenden Doubles von Giovanni. Nur er bleibt am Ende in der Mitte stehen, reisst sich das Jackett vom Leib und trotzt mit nacktem Oberkörper hünenhaft und unerschrocken dem Schicksal. Mit dem letzten Akkord fällt auch er. Doch das diffuse Licht bleibt an, kein moralisierendes Schluss-Sextett erklingt und langsam stehen Giovanni und seine Jünger wieder auf, schreiten langsam ins dunkle Nichts, aus dem sie in der Ouvertüre gekommen sind!
Fazit: Nicht nur der Mythos Don Giovanni, auch das Prinzip Mann überlebt, wiederholt sich in all seiner Abgründigkeit, in all seinem Geheimnis, aber auch in all seiner Schäbigkeit jeden Tag aufs Neue.
Klaus Kalchschmid
Vorstellungen am 26., 29. Oktober; 4. November 2010; 22., 25. und 29. Juni 2011 www.deutscheoperberlin.de