Ferruccio Busonis "Doktor Faust" in einer wenig überzeugenden Neuinszenierung zur Eröffnung der Münchner Opernfestspiele
(München, 28. Juni 2008) Ferruccio Busonis unvollendetes Hauptwerk "Doktor Faust" ist weniger eine Oper als ein riesiger, dramaturgisch locker gefügter Bilderbogen, der vom alten Puppenspiel und Goethes Zweiteiler bis zur genialen Vertonung von Hector Berlioz alle möglichen Bearbeitungen des Stoffs in sich aufgesogen hat. Daraus kompilierte der Komponist in zwei Vor- und zwei "Haupt-Spielen" nebst Intermezzi und Zwischenspielen auf einen eigenen, manchmal etwas sperrigen Text etwas Neues, teils Unerhörtes, teils virtuos Anverwandeltes. Also wechseln ständig musikalische Haltungen und Stile, lutherischer Choral trifft auf satirische Verballhornung, große Chöre auf der Szene wie im Off und ausgedehntes polyphones instrumentales Netzwerk auf die traditionelle Arie oder den verquälten Monolog.
Zur Eröffnung der Münchner Opern-Festspiele haben sich nun an der Bayerischen Staatsoper Regisseur Nicolas Brieger und Dirigent Tomás Netopil in das Abenteuer gestürzt und den Versuch unternommen, dieses szenische und musikalische Panoptikum von 1924 farbig zu fassen und zu konzentrieren - mit letztlich magerem Ergebnis. Da half auch das Einheitbühnenbild (Hermann Feuchter) mit der Andeutung einer riesigen, gläsernen Mansarde wenig, in die rechts der drehbare Würfel von Fausts Studierzimmer hineingestellt wurde, und die sich sowohl für den Palast des Herzogs von Parma wie für das rätselhafte Schlussbild öffnen konnte.
Brieger geizte nicht mit Einfällen: Faust (mit etwas angespannt wirkender Baritongewalt, aber szenischer Präsenz: Wolfgang Koch) gebiert Mephisto buchstäblich aus seinem Unterleib (ebenfalls prägnant spielend, aber der oft hohen Tenorlage nur mit Anstrengung gewachsen: John Daszak). Der Bruder Gretchens (Raymond Very) wird auf dem Altar mit Orgelpfeifen gepfählt. Herzog und Herzogin von Parma treten in einer Art begehbarer Torte auf; eine weiche Membram, hinter der sich Gesichter und Gliedmaßen abzeichnen, dient auf dem Fest am Hof als magische Zauberwand. Faust flirtet mit der Herzogin, während nebenan sein Puppen-Ebenbild und ein Affe die staunende Menge blufft.
Am Ende scheint hinter einem kerzenumstrahlten Madonnenbild die Skyline der Wolkenkratzer einer modernen Millionenstadt auf. Sollte das die vom Stück behauptete Utopie eines neuen Menschen in Gestalt des Sohnes von Faust darstellen? Denn in München spielte man weder die romantisierende Vervollständigung des Busoni-Schülers Philipp Jarnach noch die präziser an den überlieferten Skizzen orientierte Ergänzung von Anthony Beaumont (1985), sondern den Torso, der mit gesprochenem Text unvermittelt abbricht.
Die spektakulärste und bildmächtigste Idee des Regie- und Ausstattungs-Teams waren die sechs Geister, die Faust als "Zungenflammen" erscheinen, in Gestalt von nackten, goldglänzenden Männern, die sich reptilienartig in der Luft krabbelnd um sich selbst drehen, kopfüber aus dem Schnürboden herabgleiten zu lassen. Die ingesamt beeindruckendste Szene des ganzen Abends aber war eine stumme, die von Busoni gar nicht vorgesehen ist: Zur Musik des symphonischen Intermezzos zwischen den beiden Hauptbildern muss die Herzogin (großartig präsent in Stimme und Spiel: Catherine Naglestad), Faust verfallen und ihm nachgefolgt, auf seinem Bett verstört mit ansehen, wie der Geliebte offensichtlich von Wahnvostellungen heimgesucht wird - in Gestalt von großen und kleinen Puppen seiner selbst, die hinter den soeben zerstörten verzerrten Selbstbildnissen à la Francis Bacon dem verzweifelten Künstler einen Spiegel vorhalten. Leider sollte das der einzig wirklich faszinierende und berührende Moment eines langen Abends bleiben. Denn Brieger gelang es selten, das Schicksal Fausts als eines mit sich selbst, Gott, dem Teufel und der Welt ringenden Künstlers wirklich ins Zentrum zu rücken, wie auch Tomás Netopil - erstmals am Pult des leider nicht sonderlich inspiriert wirkenden Staatsorchester - kaum in die Komplexität der Musik eindrang und es versäumte, ihre Schichtungen hörbar zu machen und zum Leuchten zu bringen.
Klaus Kalchschmid
Weitere Vorstellungen am 3. und 7. Juli sowie 9., 12. und 14. Dezember.
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